In uns bleibt das Bild des Fernen fest ... Er aber ändert sich — und kehrt er zu uns zurück, so stimmt sein Gesicht und Wesen nicht überein mit dem Bild von ihm, das unsere Seele in sich trug.
Oder ist es noch anders: wandelt sich in unserem Gedächtnis alles leise und stetig? Gibt es da ein geheimes Wachsen und Umgestalten? Geht es über unsere Kraft, eines Menschen Wesen in klaren und genauen Farben in uns lebendig zu erhalten? Ändern wir es unbewußt, im Maß, wie wir uns selbst ändern und weiterwachsen? Passen wir die Fernen uns etwa an? Nur um sie auf unserem Weg mitnehmen zu können — um sie nicht zu verlieren?
Käme das nicht darauf hinaus, daß man die Fernen nur als Herzensbesitz behalten kann, wenn man sie niemals wiedersieht? ...
Die Trennung zerreißt jedes Band ... Zerrissene Bänder kann man wieder zusammenknüpfen ... ja — es ist dann aber kein glattes, festes Band mehr — es ist eben ein Knoten darin ...
So grübelte Jutta und konnte es nicht begreifen, daß diese brave, prächtige Frau, daß sie die teure, gütige, aufopfernde Mutter aus den Tagen sehnsüchtigen bräutlichen Glückes sein sollte ... Und es wirkte aus ihrer Erscheinung, aus ihren Gesten, Blicken, Worten noch so vieles peinvoll auf Jutta hinüber ...
Die Ähnlichkeit mit dem Sohn war es — kleine, ungünstige Ähnlichkeiten — am Mann Züge, die sich ganz unauffällig oder gar harmonisch in seine Art eingefügt hatten — die, ins Weibliche, Gealterte, Vernachlässigte übertragen, aber nicht sympathisch berührten — die man übersehen hätte, wenn sie nicht eben durch die Anklänge aufgefallen wären ...
Und Jutta fragte sich mit Entsetzen: „Wenn ich ihn wiedersähe, sähe ich ihn dann auch anders ... als damals ...“
In Tränen ausbrechend, drückte sie ihr Gesicht in das Kissen. Sie begriff: alles war noch unklarer und drohender geworden. Es war beinahe, als wenn die Mutter mit ihrem breiten, nüchternen Wesen sich vor das Bild des Sohnes stellte, das, ach — nur noch ein unsicherer Schatten gewesen war ... und nun gar nicht mehr zu erfassen schien ...
V
Im Hause der Gervasius mußte man nun den neuen Zustand mit der wichtigen und bestehenden Ordnung der Dinge in Einklang zu bringen suchen. In das um den Geheimrat kreisende System paßte eine bräutliche Tochter mit ihren gerechten Ansprüchen nicht so ohne weiteres hinein. Er selbst machte sich hierüber nicht die geringsten Gedanken. Nach Art genialer und übermäßig beschäftigter Männer hatte er von der Möglichkeit von Kollisionen und Schwierigkeiten im Familienleben und Hausstand keine Ahnung. Seine Frau täuschte ihm jederzeit einen leisen, geölten Gang der Maschine des Alltags vor.