Auch jetzt war die Geheimrätin ihrer selbst und ihrer strategischen Künste ganz sicher. Alles würde schon irgendwie klappen, ohne daß ihr Mann spürte: da kamen Störungen heran ... die Telephondrähte des glatten Berufsbetriebs könnten ihm verwirrt werden ... Die bloße Furcht davor erzeugte in ihm schon eine Nervosität, und sie ließ es nicht einmal zu dieser Furcht kommen.

Mit der gewohnten heiteren Seelenruhe saß sie beim Morgenbrot mit den Ihrigen.

Das belaubte Geäst der großen Ulme, die nahe bei der Veranda stand, besprenkelte den Kaffeetisch drinnen hinter der Glaswand mit Schattenflecken. Mutter und Tochter, in weißen Hemdblusen und knappen grauen Röcken, hatten nicht das allermindeste von einem Morgenprovisorium in der Kleidung. Frisch und stramm waren sie angezogen.

Die beiden Jungens, Philipp und Heinrich, beide im Alter, wo man zu lange und zu viele Arme und Beine zu haben scheint, verhielten sich ziemlich schweigsam und frühstückten mit einer ungemeinen Energie. Noch vor drei Tagen hatten sie sich beständig dadurch geärgert und in ihren Menschenrechten beeinträchtigt gefühlt, daß Renate erwachsen war. Sie sahen in diesem Umstand kein Verdienst der Schwester, die ihnen nicht für zehn Pfennig imponierte, wie sie zu sagen pflegten. Sie waren auch in ihrem tiefsten Gemüt überzeugt, daß Renate der übrigen Welt ebenfalls nicht imponiere, und daß es ein großer Erziehungsfehler der Eltern sei, „das Mädchen“ schon in Gesellschaften und auf Bälle gehen zu lassen, so daß sie nicht mehr, wie sonst, allabendlich mit den Brüdern spielen und lesen konnte. Auch kam es oft vor, daß die Mama warnend über den Garten rief: „Renée!“, wenn man sich mal wieder himmlisch lustig mit ihr prügelte — als ob ihr das was schade! Nee, von einer Etepetete-Schwester hatte man kein Vergnügen und wenig Nutzen — höchstens daß sie einmal mit Taschengeld aushalf oder bei Mutter abbettelte, was die für die Jungens nicht gleich erlauben wollte.

Nun aber hatte ihre rauhe und streng kritische Haltung einen Stoß bekommen, und das Gleichgewicht ihrer respektlosen Jungensseelen hatte sich noch nicht wieder eingefunden. Sie waren — niemals hätten sie es sich oder irgendeinem Menschen eingestanden — schlechtweg verlegen vor der Braut! Mit Hochhagen waren sie soweit einverstanden. Sie besprachen ihn unter sich und stellten fest: er hatte sich famos benommen! Ganz gemütlich und brüderlich streckte er ihnen die Hände entgegen und sagte: „Na — Fips und Heinz, wir wollen uns fein vertragen — was?“ Sie fühlten auch schon eine leise Ahnung in sich aufsteigen, daß so ’n Schwager und eine verheiratete Schwester ihnen allerlei Vorteile bedeuten könnten. Aber noch sträubten sie sich, in ihrer Haltung die Schwenkung von Respektlosigkeit zum Respekt offen zu vollziehen.

Nun saßen sie und genossen es, daß sie ausnahmsweise gar nicht beachtet wurden und mit Löffel und Silbermesser in die Butterdose und Kristallschale voll Pfirsichmus wahre Schächte graben konnten.

Außer Mutter, Tochter und den beiden Jungens war da noch eine Zeitung am Tisch. Eine große entfaltete Zeitung, und am Fuß ihrer Wand stand auf der Tischdecke eine Teetasse und eine Eierplatte, von der jemand die Spiegeleier schon abgegessen hatte. Da nun diese bedruckte Papierwand auch von feinen, weißen Fingern gehalten wurde, bestand begründete Vermutung, daß sich hinter ihr wohl der Geheimrat befinden möge.

„Aber Kind,“ sagte die Geheimrätin, „Fips und Heinz kommen doch immer in Pension während der Universitätsferien.“

„Ich dachte,“ wandte Renée ein und bettelte sehr mit Stimme und Augen, „daß Fips und Heinz diesmal nicht zu Doktor Habels brauchten, daß sie hier bleiben könnten ...“

Ihre Blicke begegneten sich mit denen der Brüder. Sie lächelten sich alle drei sehr pfiffig zu. Fips und Heinz begannen Schlaraffentage zu ahnen: die Eltern weg — bloß das Brautpaar als Aufsicht! Donnerwetter, das konnte nett werden ...