Auch ein Schmerz, wenn keine Schuld ihn belastet, kann ein Glück sein.

9

Der Major im Stabe, der den beiden Kompanien zur Führung beigegeben war, hatte in sehr dringlichen Familienangelegenheiten zu ungewöhnlicher Zeit kurzen Urlaub erbitten müssen, und nun stand dem Hauptmann von Likowski als dem Rangältesten die Herrschaft zu über dies Bruchstückchen der gewaltigen Armee.

Es war Montag, und von Travemünde aus hatten die Jachten ihre Wettfahrt nach Warnemünde angetreten. Hafen und Meeresbucht lagen verlassen. Das rauschende Leben vom Sonntag, wo ein internationales Publikum sich in Travemünde gedrängt, schien verhallt. Auch Likowski hatte mit einem Kreis von Bekannten teilgenommen; nach einem am Strande und bei der Kurmusik verbummelten Nachmittag war auf der Kurhausterrasse ausführlich soupiert und getrunken worden. Lübecker Rotwein. Famos! Aber zwei Sorten Sekt – deutschen und französischen. Vom Übel! Denn das konnte Likowski merkwürdigerweise nie vertragen. Seine Magennerven wollten: entweder, oder!

Erst auf dem Marsch zur Felddienstübung wurde ihm wieder lichtvoller unterm Schädel.

Ein Gewitter war gegen Morgen am Himmel entlang gezogen. Aber das kam noch wieder. »Datt kann nich öber Water,« sagte der Fährmann Sörensen. Nach Westen nicht über die Nordsee und nach Osten nicht über die Ostsee. Sörensen stellte es sich so vor, als irre Gewittergewölk pendelnd über Holstein zwischen zwei Meeren so lange hin und her, bis es sich irgendwie zur Höhe verkrümelte. Jedenfalls: Kühlung war nicht eingetreten.

Schwer troffen Busch und Gräser von Perlen in kristallenem Glanz. Auf der Landstraße war jede flache Furche ein Kanälchen, jede kleine Vertiefung eine Lache geworden. Von kräuterigen und moosigen Dünsten war die feuchte Luft gesättigt, und im gebadeten Wald schien sie unbeweglich zu stehen. Am blauen Himmel trieben da und dort träge und trächtig dicke Wolken einher – weiß und grau. –

»Helm ab!« wurde kommandiert, als die Soldaten unter den Wipfeln der Hohenmeiler Tannen hinstapften. Sie sangen. Munter klang das Marschlied. – Nun lag die Felddienstübung schon hinter ihnen. Ehe die ermüdende Luft von der Mittagsonne durchschwelt wurde, würde man unter Dach und Fach sein.

Likowski, in Generalfeldmarschallhaltung, ritt gelassen vorne. Neben ihm der Oberleutnant, der heute auf dem Heimweg auch beritten war. Denn Likowski wollte seinen zweiten Gaul, eine Neuerwerbung, gern beobachten. Es war ein Stichelrappe, und er schien schon durch diese seine Eigenschaft durchaus unkleidsam für einen Kompaniechef. Bei den sonstigen vorzüglichen Qualitäten des Pferdes wollte nun Likowski einmal sehen, wie er wirke, ob es gehe, ob er ihn lieber gleich weiterverkaufen müsse.