Leutnant Hornmarck marschierte, den Säbel in der mit braunen Glacéhandschuhen bekleideten Hand, neben der Kompanie. Mechanisch – denn nun, da die Übung vorbei war, kamen seine geheimen Liebessorgen auf das dringlichste zurück. Und diese entnervende Gewitterluft im verregneten Wald machte es ihm zur Gewißheit, daß er an seiner Doppelliebe scheitern und weder Edith noch Finchen erringen werde! Aber das Drama würde durch höhere Gewalt bald ein Ende finden! Es gab Krieg! Diesmal sagte es nicht nur der Hauptmann, sondern ganz Deutschland fürchtete es. – Er hoffte dann wenigstens das eine, daß beide Mädchen zusammen um ihn weinen und sich im Andenken an seinen Heldentod versöhnen würden. –
»Ja,« sprach Likowski zu dem neben ihm Reitenden, »selbst der Geheimrat sagt, es wäre für die Industrie und den Handel zwar furchtbar – aber der ewige Druck wär’ auch schädigend. – Und dann besser endlich mal die Entscheidung. Nun, wir sind bereit! Wie der Kaiser befiehlt und das Volk will! Ich sage nicht: Siegen oder sterben. Ich sag’ nur: Siegen! Merken Sie wohl, wie mit einem Male das Volk sich wieder näher an uns ’ran fühlt? Wie es uns interessierter nachsieht? Wie alles vibriert? Man spürt’s an dem Landvolk hier herum. – Gestern in der Menge war’s zu merken. – Auf den Dampfern sind die Leute wie toll gewesen. – ›Deutschland, Deutschland über alles‹ haben sie gesungen, als die Schiffe um die ›Hohenzollern‹ kreisten. – Ein Jubel zum Kaiser empor! Er soll ganz erschüttert und blaß gewesen sein.«
»Es ist wohl kein Zweifel mehr,« gab Marning zu.
»Daß wir es nun endlich erleben!« sagte der Hauptmann bewegt. »Seit ich denken kann, hab’ ich davon geträumt. – Meine Mutter hat mir’s, ihrem Jüngsten, eingeimpft: ›Werde ein Held! Deines Vaters, meiner Ahnen würdig‹. – Mein Vater hatte das Eiserne erster – starb an den Folgen seiner Verwundung – hat aber doch noch nach dem Kriege, trotz Schmerzen und Beschwerden, zehn Jahr weiter dienen können. – Dann ging’s nicht mehr, und er siechte langsam hin. – Meine Mutter hat ihren Vater und drei ältere Brüder verloren Siebzig – sie war ’ne ganz junge Frau – ihr erster Junge war unterwegs. – Ja, wir wissen’s – das kostet unser Blut! Nun, wir sind Soldaten!«
Und ein ruhiger Stolz verschönte sein Gesicht.
»Was werden Sie sagen, Likowski, wenn ich nachher mich dienstlich bei Ihnen melde mit dem Wunsch, daß ich um meine Versetzung einkommen will?« sprach Stephan langsam. Er hatte Sonnabend und Sonntag hindurch diese Frage begrübelt.
Er wußte es wie jedermann es wußte und las: eine ungeheure Spannung lag über Europa, und die Völker standen Gewehr bei Fuß. In einem solchen Augenblick werden Versetzungen nicht nachgesucht – nicht leicht bewilligt. – Aber es mußte sein ...
Likowski war starr.
»Wa–as ...?«
»Ja, ich will dringlich um meine Versetzung bitten,« sprach Marning. Er war sehr entfärbt – graublaß flog ein Schein über sein bräunliches, verbranntes Gesicht.