Stephan stand schon auf, um ihm den Brief abzunehmen.
Seine Blicke trafen sich mit den tiefen, großen Blicken des Alten – sie kamen wie aus einem Abgrund von Gram herauf.
Aber dennoch – auf seinen Zügen lag der Ausdruck einer wunderbaren Gefaßtheit.
Welche Erschütterungen auch durch ihn hingewandelt sein mochten – er stand darüber, stand auf Herrscherhöhen. – Von wo aus die Wirrnisse des Lebens weithin übersehbar sind, wo man erkennen kann, woher die Wege kommen und wohin sie gehen.
Ein leises, schmerzliches Lächeln voll Vatergüte ging um seinen Mund.
»Sie wollten mir und allem, was zu mir gehört, für immer entfliehen,« sprach er, »und nun spielt unser Freund, noch viel mehr als er selbst weiß, Schicksal und schickt gerade Sie zu mir.«
»Ich konnte den schweren Auftrag nicht ablehnen.«
Er war verwirrt – sein Herz klopfte. Er wünschte sich auf der Stelle verabschieden zu dürfen.
»Lieber Marning – Sie sehen – der Sohn ist mir verloren – vielleicht nicht ganz als Sohn. Mag die Zukunft – mag vielleicht eine ferne Stunde, die meines Todes vielleicht, noch einmal seine Hand in meine legen. Was kann ich davon wissen, was darüber sagen? Nichts! – Ich will mein Alter nicht mit Unversöhnlichkeit beflecken. – Es liegt an ihm –«
Er mußte innehalten. – So lebendig stand plötzlich das Bild der genußsüchtigen, selbstischen Frau vor ihm, die seines Sohnes Mutter gewesen ... Er seufzte schwer ...