Nicht fragen! Ob sie um des Vaters willen und aus Dankbarkeit so bereit war? – Ob sie ihn, wie sein Vater meinte, liebe? – Nicht fragen ...

Sie hatte von ihm keine Lüge verlangt – welche Erleichterung! Dafür war er ihr dankbar. Was er ihr brachte, wußte sie, ahnte sie. – Was sie ihm brachte, wollte er lieber nicht wissen.

Wenn sein Vater Recht hatte! Wenn sie ihn liebte! Gestern noch war es ihm gleichgültig oder gar lästig gewesen, das zu hören. Heute war der Gedanke, daß sie ihn liebe und er das nicht erwidern könne, beunruhigend, beschämend – Nein, nicht fragen – –

Nun nahm er ihr Gesicht zwischen seine Hände. Er dachte: ich muß sie doch küssen. Er wußte: diese Lippen waren unberührt. Das blitzte so durch ihn hin; eine flüchtige Aufwallung von etwas Reizvollem überkam ihn. Er küßte sie.

Klara nahm den kurzen Kuß mit verständiger Freundlichkeit an.

»Wir wollen recht und von ganzem Herzen versuchen, uns zu verstehen,« sagte sie warm.

Sie sprachen noch über allerlei äußere Fragen, und Wynfried nannte sie Du. Alles war plötzlich ganz einfach und so selbstverständlich. – Es tat ihm sehr wohl, ganz ohne Aufwand von erlogenen Worten und Gesten auszukommen.

Er wollte sie gleich mit zu seinem Vater nehmen. Der wartete voll Ungeduld.

»Nein,« sagte Klara, »wie werde ich so davonfahren! Zwölf Jahre hat die alte Frau treu und eifrig versucht, mütterlich für mich zu sein! Sie hat ein Recht darauf, daß ich mich in diesem Augenblick als Tochter betrage – ich möchte noch allein mit ihr sprechen.«

Das gefiel ihm. Er fühlte: sie hat Herzenstakt. Von ihrer sanften, ernsten und doch so unbegreiflich sichern Art wirkte etwas auf ihn herüber, das ihn beruhigte und zugleich zu einer gewissen Aufmerksamkeit zwang.