Das Peterlein saß ganz still, aber es öffnete die Augen weit und trank die Schönheit, die sich vor ihm aufgetan.
Und der Glanz der sonnbeschienenen weißen Berge, die geheimnisdunkle Pracht der Wälder, der Duft und die Freude, die von den blumigen Matten aufstiegen, sanken durch die dürstenden Augen tief auf den Grund seiner stillen, wartenden Seele.
Peterlein fühlte sich schon nach wenigen Tagen in dem kleinen Bergnest so heimisch, als habe er immer in dem braunen Häuschen gewohnt. Wie war es so klein, so klein! Wenn sich Peter auf einen Stuhl stellte, so konnte er mit der Hand die Decke berühren, und wenn er Eile hatte, ins Freie zu kommen, sprang er durchs Fenster. Es war alles neu und furchtbar interessant, z. B. die vielen Menschen, die mit ihm und Mutter zusammen an einem Tisch aßen. Er kannte die wenigsten, denn gleich nach Tisch zerstreuten sie sich wieder in ihre Behausungen. Da der Gasthof selbst nur wenige Gäste beherbergen konnte, waren die meisten in den nächstgelegenen Häuschen untergebracht.
Peterlein war immer unter den ersten, die dem Ruf der Tischglocke Folge leisteten. Dann stand er am Fenster und beobachtete die Gäste, die sich von allen Seiten paar- und gruppenweise dem Gasthof näherten. Bei Regenwetter war es besonders hübsch. Da konnte man glauben, eine Schar Pilze wandere langsam und bedächtig auf den schmalen Weglein.
Frau Elisabeth fühlte sich fremd und eingeschüchtert. Daran war in erster Linie ihr Tischnachbar schuld. Es war ein alter Sanskritgelehrter, der erst vor kurzem aus Indien zurückgekehrt war und noch immer in seligen Erinnerungen schwelgte. Beinahe täglich unterhielt er Frau Elisabeth mit Schilderungen alter Tempel, deren Existenz er als bekannt voraussetzte. Völlig zur Verzweiflung aber brachte er sie, als er ihr eines Mittags mit feurigen Worten die vom Mondlicht übergossene Tadsch Mahal schilderte. Frau Elisabeth lauschte mit krampfhaft festgehaltenem liebenswürdigem Lächeln, während sie innerlich stöhnte: „Mein Gott, wenn ich nur wüßte, von was er spricht.“
Sie ließ die Worte halb betäubt über sich ergehen und empfahl sich so schnell es irgend anging. Ach, warum hatte sie nicht darauf gehört, wenn ihr Mann ihr dies und jenes vorlesen wollte oder zum Selbstlesen anpries! Zwar, von Indien hatte er ihr nie gesprochen, daran glaubte sie sich mit Bestimmtheit zu erinnern. Aber – eine andere Sache hatte ihm immer so am Herzen gelegen. Beinahe jeden Regensonntag hatte er sie aufgefordert, die Gemälde im Museum anzusehen. „Denn, wirklich, Betty, es ist eine Schande, wenn ein Kind unserer Stadt nicht die Bilder ihrer zwei weltberühmten Maler kennt. Andere beneiden uns um den Besitz und kommen weit her, ihn zu sehen. Du kannst dich nicht einmal zu den paar Schritten entschließen. Warst du überhaupt schon dort?“
Wie gut erinnerte sie sich ihrer Antwort! „Na ja, als junges Mädchen war ich mal dort. Es hat mir aber gar nicht so besonders gefallen. Da waren so merkwürdige Wesen … Frauen mit Fischschwänzen und Männer, halb Mensch, halb Pferd. – – Ach, und so ein schreckliches Bild war da. Es soll Christus vorstellen. Davon hat es mir nachts geträumt. – – Und die Frau mit den Kindern – das soll doch so ein schönes Bild sein – gefiel mir auch nicht. Der Junge ist wohl ganz nett, aber die Frau hat trübe Augen, und das Kleine sieht drein, als ob es Schnupfen hätte.“
Ja, das hatte sie geantwortet, und darauf waren Peter sen. und jun. allein ins Museum gegangen. Sie hatte nachher das Kind über die Bilder befragt, aber es hatte nicht viel zu antworten gewußt. Ein Kindchen habe er gesehen, so eines, wie sie im Wasser wohnen. Das habe ein Fischlein fangen wollen, da sei es ausgerutscht, und „nun macht es so, sieh, Mutter, so!“
Peterlein hatte ein weinerliches Gesicht geschnitten, dann hatte er plötzlich ein Tuch ergriffen, es eng um die Schultern gezogen und mit abgewandtem Gesicht gesagt: „Sieh, Mutter, so steht der Mann und wartet und wartet. Warum wartet er, Mutter? Da ist ein großes Wasser und vorne ist eine Frau, eine ganz arme, Mutter. Sie hat keine Kleider, nur ein ganz dünnes Tuch. Das glitzert sehr schön. Und sie wartet auch. Warum, Mutter? Vielleicht, daß sich der Mann mal umwenden soll? Ich glaube, sie will ihm etwas vorspielen. Aber warum wartet der Mann und schaut immer auf das Wasser?“