Warum hatte sie nicht diese einfachen Worte gefunden? Warum?
Ach, sie war so bestürzt gewesen, so bestürzt. Sie hatte geglaubt, in Peterleins Augen stehe sie fleckenlos da, und sie hatte auch geglaubt, das müsse so sein. Wenn die Kinder an den Eltern Fehler entdeckten – mußte da nicht jeder Respekt verschwinden? – – Freilich, die Fehler waren da. Die ließen sich nicht wegleugnen, nicht wegbefehlen. War es da nicht klüger, die Worte der fremden Frau nachzusprechen?… „Nicht nur klüger, auch tapferer und ehrlicher,“ flüsterte eine heimliche Stimme in Frau Elisabeths Herzen. Sie mußte plötzlich an ihren Vater denken. Der war ein aufrechter Mann gewesen. Hart und streng manchmal, aber doch in erster Linie gegen sich selbst. Da gab es kein Bemänteln einer Schuld. Er war ein hitziger Mann gewesen und konnte in der Aufregung manches Wort sagen, das ihn nachher in der Seele brannte. Dann leistete er Abbitte, auch wenn es sich nur um ein Kind oder den jüngsten Lehrbuben handelte. Und hatte er dadurch an Achtung verloren? Nein, nein … Frau Elisabeth wußte plötzlich, daß ihr der Vater nie größer erschienen war, als in einem solchen Augenblick.
Sie wußte noch etwas. Sie wußte, daß er, heute bei Tisch, nicht mit ihr zufrieden gewesen wäre. Warum hatte sie dem Professor nicht einfach gesagt, sie wisse nichts von diesem – diesem Ding?
Es fiel ihr ein Wort ihres Vaters ein, das ihr das Blut in die Wangen trieb. „Kinder, gesteht doch ruhig ein, daß ihr etwas nicht wißt! Das ist keine Schande. Und wenn's auch eine wäre, denn es kommt ja vor, daß man etwas wissen sollte – na, da muß man eben die kleine Beschämung tragen. Nur kein feiges Sichverstellen!“
Die einsame Höhe war ein zauberkräftiger Fleck Erde. Noch nie hatte Frau Elisabeth so tief Einkehr bei sich gehalten wie an diesem Nachmittag. Das bekam auch Peter zu spüren. Er ging auf dem Nachhauseweg zwischen den beiden Frauen und merkte auf ihr Reden, und seine feinen Ohren hörten mehr als Frau Elisabeth ahnte.
Am Abend, als er in dem großen Bett lag, setzte sich die Mutter neben ihn und schaute schweigend durchs Fenster. Der Junge betrachtete sie mit erwartungsvollen Augen. Was war mit Mutter?
„Peterchen,“ sagte sie leise und ein wenig stockend, „es ist wahr, ich habe den Herrn Professor heute nicht verstanden. Es war dumm, daß ich das nicht sagte. Und den Vogelnamen weiß ich schon lange nicht mehr. Vielleicht habe ich ihn einmal in der Schule gelernt … Und es ist auch wahr, was die freundliche Dame heute sagte, daß – daß wir Großen auch unsre Fehler haben. Aber sieh, Peterchen, bei manchen merkt man doch kaum etwas davon. Denk an Vater, Peter! Der ist doch immer so gut und lieb zu dir, und nun hat er uns hier heraufgeschickt, wo wir's so schön haben, während er immer arbeiten muß … Und Vater weiß so viel, alle sagen, wie klug er sei –“
Weiter konnte Frau Elisabeth nicht sprechen. Das Kind hing plötzlich an ihrem Hals und küßte sie, küßte sie … o, diese durstigen Lippen! – Und dann brach es in ein so leidenschaftliches Schluchzen aus, daß die Mutter sich keinen Rat wußte.
„Kind, Kind, was ist dir nur!“ flüsterte sie halb erschrocken, halb beseligt.
Noch nie hatten sie seine Arme so fest umklammert, noch nie die heißen kleinen Hände nach ihr gegriffen, als griffen sie tief, tief in ihr Herz.