„Ich hab' dich lieb, Mutter! Ich hab' dich lieb!“ schluchzte das Peterlein. „Du gehörst mir, Mutter, sag, daß du mir gehörst!“

„Aber gewiß, Kind, gewiß! So – so … Nun will ich dir ein bißchen singen, und dann schläft mein Peterchen schön ein.“

Sie legte ihn zurecht und trocknete sein Gesicht. Dann hielt sie seine Hand und sang und sah, wie die wilden Augen sanft und ruhig wurden und sich müde schlossen.


Von diesem Tage an fühlte sich Frau Elisabeth weniger unbehaglich. Irgend etwas sagte ihr, daß diese Fremde ein innerlich reicher Mensch sei, und daß sie es verstehe, ihren Reichtum weiterzugeben.

Und sie, die Fremde, hatte feine Ohren. Sie hörte aus all dem oft so nichtigen und eitlen Wortschwall etwas heraus, das ihr des Hörens und Antwortens wert schien. So ging sie manche Stunde, die sie lieber in der Stille verlebt hätte, mit Frau Elisabeth und dem kleinen Jungen spazieren. Daß das Kind dabei war, erleichterte ihr das Opfer.

Sie hatte, ehe sie in das einsame Bergdorf gekommen, in einem großen Wirkungskreis gestanden. Tagtäglich waren Bilder des Elends, der Sünde vor ihr Auge getreten; flehende und drohende, verzweifelte und fordernde Hände hatten nach ihr gegriffen. Und ihr großes, reiches Herz hatte all das Elend mit inbrünstigem Erbarmen umschlossen. Dann plötzlich war sie zusammengebrochen. Es war kaum zu glauben gewesen. Jedermann in ihrer Umgebung hatte sich gegen die Erkenntnis gesträubt, und sie selbst hatte hart mit dem müden Herzen gekämpft. Bis sie wußte: ich muß fliehen, aus allem heraus, sonst kann ich das Leben nicht mehr ertragen. Sie war in die Berge gereist mit dem festen Vorsatz, in ein Mausloch zu kriechen und sich daraus durch niemand und nichts vertreiben zu lassen. Aber an jenem Nachmittag, als Peters helle Stimme zu ihr gedrungen, hatte sie antworten müssen. Es war nicht anders gegangen.

Das Kind erschloß sich ihr täglich mehr, und sie empfand seine stürmische Liebe als köstliches Geschenk. Die ihre äußerte sich selten in Worten oder Gebärden. Ihr war, Frau Elisabeth könnte dies nicht wohl ertragen.

Aber sie liebte den Jungen, mit fast schmerzlicher Innigkeit … so, wie man etwas Feines und Holdseliges liebt, das man in täppischen Händen weiß. Sie schaute in des Kindes Seelengarten und sah, wie es drin üppig blühte und wucherte, und sie wußte, daß hier eines verständigen Gärtners Hand walten sollte … „Armer, kleiner Peter!“ dachte sie, wenn in diese Gedanken hinein Frau Elisabeths Worte drangen.