Als Frau Elisabeth nach Peterlein sah, schlief er. Sie versuchte, den Stein aus seiner Hand zu lösen. Aber es gelang nicht. Die kleinen Finger hielten ihn krampfhaft umschlossen.


Es kam in den nächsten Jahren wieder und wieder vor, daß Peter des Älteren und Peter des Jüngeren Anschauungen im Widerspruch standen. Der Junge kramte zu Hause allerlei Schulweisheit aus, über die sich der Vater lustig machte. Er tat es besonders dann, wenn ihm schien, sein Sohn stürze sich wieder in der alten ungesunden Weise auf eine Sache, auf die er selbst nicht viel hielt. Es reizte ihn, daß der Junge hartnäckig an seinen Gedanken festhielt, und so kam es zu häßlichen Auftritten, die meist damit endeten, daß der Ältere dem Jüngeren ein paar sausende Hiebe versetzte.

Diese Auftritte drückten auf das feine Gemüt des Knaben. Nicht allein der Schläge wegen, obwohl er sie als Erniedrigung empfand, nein, schwerer war ihm, das wutentbrannte Gesicht seines Vaters sehen, die ungerechten, oft grausamen Worte hören zu müssen.

Die Mutter griff in diese Kämpfe meist nur mit einem beschwörenden „Peter, sei doch still!“ ein, das dem Jüngeren galt. Nachher pflegte sie ihn mit Vorwürfen zu überschütten und verteidigte des Vaters Auftreten mit Worten, deren Unlogik Peter reizte und zu spöttischen Antworten trieb. Er wußte, daß eine maßlose Heftigkeit, durch gekränkte Eitelkeit hervorgerufen, nun und nimmer „heiliger Vaterzorn“ genannt werden kann. Daß die Mutter es dennoch tat und oft, wie der Junge fühlte, gegen ihr besseres Wissen, erfüllte ihn mit Trotz und machte ihn blind gegen das eigene Unrecht, das ihm nur als erlaubte und gerechtfertigte Notwehr erschien.

Es war seltsam, so sehr Frau Elisabeth unter diesen Verhältnissen litt, sie konnte sich nicht verhehlen, daß sie sie ihrem Mann näher gebracht hatten. Als er merkte, daß sein Sohn ihm mit den Jahren fremder ward und es ihm nicht gelingen wollte, ihn gleichsam an seine Seite zu befehlen, wandte er sich in seiner Enttäuschung ihr zu, bei der er stets Zustimmung und Bewunderung gefunden und die ihn jetzt aus einem verstehenden Mitleid heraus doppelt warm umfing.

Der junge Peter sah es mit Staunen, und er war geneigt, in seinen Gedanken von dieser Liebe verächtlich zu denken.

Nach einem Auftritt gingen sich Vater und Sohn tagelang aus dem Weg, kaum, daß bei den Mahlzeiten einige knappe Worte gewechselt wurden, bis sich die Bitterkeit allmählich verlor und man zur Tagesordnung überging. Nie kam es zu einer herzlichen Aussprache, denn jeder hielt zäh an seinen Rechtsvorstellungen fest und erwartete vom andern den ersten Schritt.

Und bei all dem lebte in Peter eine starke Sehnsucht nach einer friedevollen, stillen Umgebung, nach Menschen, die seine Sprache redeten und verstünden. Er wußte, daß er anders war als Vater und Mutter, aber er sah darin nicht das Trennende. Warum sollen sich die Menschen nicht mit hellen Stimmen rufen, mit frohen Blicken grüßen können, auch wenn sie auf getrennten Wegen wandern?… Es muß sie nur ein jeder mit warmen Gedanken an den Nachbar gehen.

In der Schule war Peter ein Durchschnittsschüler. Nur im Aufsatz zeichnete er sich aus, d. h. wenn das Thema ihn fesselte. Der Lehrer hatte die Gewohnheit, die Besprechung mit ein paar kurzen Sätzen abzutun, um der Phantasie der Kinder möglichst weiten Spielraum zu lassen. Auf diese Weise heimste er manche dürftige Leistung, aber auch manches warm und lebensvoll Geschaute ein. Er behandelte mit Vorliebe Zeiten und Menschen vergangener Jahrhunderte, und auf diesen Wegen folgte ihm Peter gerne. Zerfallene Burgen, zerstörte Klöster, Städte, deren einst stolze Namen verklungen sind … in Peters Gedanken erstanden sie im alten Glanz. Scharfäugig trotzen die Burgen auf verwegener Höhe, üppig und ehrfurchtgebietend liegen die Klöster in waldigen Tälern, und in den alten Städten flutet Leben. Da sind Häuser, die mit schön gemeißelten Erkern und kunstvoll gearbeiteten Türen prunken. Wer ging da hinein und trug Lachen und Sonne in die dämmerigen Stuben?… Und wer saß am Brunnenrand, während das Mondlicht in silbernen Tropfen über die Dächer rieselte, und hatte eine Laute im Arm und sang, so schön, so schön … Überall öffneten sich die Fenster, und da und dort gab eine Türe eine lauschende Gestalt frei … Und wer fuhr in einem Nachen den Strom hinab, in einem Nachen, der ganz mit Rosen bekränzt war?… Immer neue Gesichter drängen heran, edle und abstoßende, geistvolle und leere, angstvolle und harte … Was wollen sie von dem kleinen Peter? Er kann sich der Schatten kaum erwehren. Ihm ist, ein jeder bitte ihn: gib mir Leben, gib mir warmes, rotes Blut! Laß mich noch einmal schluchzen und lachen, noch einmal Qual und Freude trinken …