„Niemeyer, Sie haben ja über das alte St. Gallen die reinste Novelle geschrieben,“ sagte Lehrer Röder, als er Peter sein Heft zurückgab. „Ist das wirklich alles in Ihrem Kopf gewachsen?“

„Ja!“ antwortete Peter und machte ein schuldbewußtes Gesicht.

Es war ihm seltsam ergangen, als er sich an das Schreiben des Aufsatzes gemacht. Die Tage, die er vor kurzer Zeit in St. Gallen verlebt, waren in ihm aufgestanden, mit zwingenden und drängenden Bildern. Er schritt wieder durch die Bibliothek und neigte sich über die Kästen, die die alten Evangelienbücher bergen. Wunderbar zarte, haarscharfe Schriftzüge, Blätter und Blumengewinde, die die heiligen Worte umrahmen, dazwischen Maria mit dem Kind … Wessen Hände haben dies alles erschaffen in langen, einsamen Stunden?… Und wer hat das dorngekrönte Haupt gezeichnet, das in einen schlichten Rahmen gefaßt in einer Ecke hängt? Auf den ersten Blick scheint es eine einfache Federzeichnung zu sein, aber dann entdeckt man, daß die Dornenkrone, daß Haupt- und Barthaar aus winzig kleinen Buchstaben bestehen, die sich für scharfe Augen zu einzelnen Worten formen, und man findet die kleine Schrift, die besagt, daß „in diesen figurs haaren ist die gantze Passion Vnsers Herrn Jesu Christi geschrieben“.

Draußen sinkt der Abend, und die Dämmerung füllt die alte Bibliothek. Das ist die Stunde der Schatten. Sie kriechen aus den Ecken und nehmen langsam Gestalt an. Sie gehen wieder mit lautlosen Schritten durch den hohen Raum. Sie neigen sich über Tische und sind mit Federkiel und Pinsel beschäftigt. Und da ist einer, unter dessen Kutte ein heißes Herz schlägt, ein Herz, das zu Gottes und der Heiligen Ehre ein Werk ersinnen möchte, drin er all seine Liebe und Inbrunst bergen könnte. Er kann ihr nicht Gestalt geben, wie der und jener Bruder, in glühenden Farben oder in jubelnden Tönen … Da nimmt er ein Blatt Papier und zeichnet in zarten Linien das heilige Haupt, und danach schreibt er die ganze leidvolle Geschichte des Menschensohns in die Dornenkrone, in Haupt- und Barthaar des Antlitzes. Es geschieht „von freyer hand mit bloser feder und dinten“, und die Augen werden müde und brennend dabei … Ach, was bedeutet der Schmerz gegenüber der brennenden Sehnsucht seines Herzens!

Die Schatten umringen Peter. Aber er muß sich aus ihrer Mitte lösen, wenn er nicht mit ihnen eingeschlossen sein will, und dann steht er verstört und fremd im Straßengewühl und starrt in modern erleuchtete Fensterläden. –

Alle diese Bilder waren beim Schreiben des Aufsatzes in Peter aufgestiegen und hatten die gewünschte Beschreibung der ersten Jahre des Klosters verdrängt. Mit beklommenem Gewissen hatte er sein Heft abgegeben. War er diesmal nicht zu sehr abgewichen vom vorgeschriebenen Pfad?

Aber als der Lehrer die Bemerkung über die Novelle machte, ruhte sein Blick nicht ungütig auf Peter. Er winkte ihn am Schluß der Stunde zu sich her und sagte: „Das Thema haben Sie ja gänzlich außer acht gelassen, Niemeyer. Aber – im übrigen gefällt mir die Sache … Lesen Sie viel?“

Peter bejahte und sah wieder schuldbewußt drein. Er mußte daran denken, wie oft die Schulaufgaben einer spannenden Geschichte wegen zu kurz gekommen waren.

„Na, was lesen Sie denn? Haben Sie einen Lieblingsschriftsteller?“

„Ja, zwei. Conrad Ferdinand Meyer und Karl May.“