Der alte Peter aber blieb stehen und hatte plötzlich eine Vision des kleinen Peterleins, wie es ihm am ersten Schultag eine Geschichte erzählte. Hatte er ihn damals abgewiesen? Hatte er sich nicht gefreut an des Kindes Freude? Warum heute nicht? War ihm denn sein Kind, sein eigen Kind, nicht mehr lieb? Was bedeutete dieser feindselige Geist, der ihn zu zwingen schien, des Jungen Freude auszulöschen?

Die Fragen und Beschuldigungen jagten sich in Peter Niemeyers Hirn. Es geschah nicht oft, daß er ihnen Gehör gab. In diesem Augenblick aber war ihm, eine harte Stimme rede auf ihn ein … Für dich haben wolltest du ihn, für dich allein. Und zwar ohne Anstrengung, ohne Opfer und Hingabe deinerseits. Dem kleinen Peter, ja, dem schenktest du Gehör. Das war keine große Anstrengung. Aber später, als der Bub anders ward, als du es wünschtest, gingst du zu Werk wie ein Tölpel. Knicken wolltest du, was sich da in fremder junger Kraft regte, weil es dir nicht paßte. … Dein Kind – – jawohl. Aber zugleich ein Menschenkind für sich, dessen Eigenart du hättest feinfühlig erkunden und pflegen sollen … Aber du warst zu bequem, zu eigensinnig, zu – arm dazu …

Wollte die Stimme denn nicht schweigen? Das war ja nicht zum Aushalten. Man meinte es ja gar nicht so schlimm. Man wollte dem Jungen gewiß nicht die Freude rauben. Nein, – – meinetwegen konnte man sich ja für das Buch interessieren.

Er tat es wenige Tage später bei Tisch, als ihm auffiel, wie wortkarg Peter dasaß. „Na, wie ist's mit dem Buch? Gefällt es dir?“

Peter nickte, aber er erzählte nichts. Wie konnte er seinem Vater davon sprechen, was dies Buch für ihn bedeute. Neuland … Neuland … Herr Röder hatte recht gehabt. Und nun wußte er, was seines Lebens Inhalt werden sollte. In fremden Landen den Geheimnissen nachspüren, die in Felsen und Wäldern, auf dem Grund einsamer Seen schlummern. Wenn er auch nicht mehr der erste sein würde, der ein unbekanntes Zauberland betritt, in den Fußstapfen eines Tapfern wandeln ist auch etwas Großes, und Entdeckerfreude, das merkte Peter, blieb auch so noch übergenug.

Eine große Sehnsucht füllte und weitete sein ganzes Denken. Die Bilder der Zukunft, die er sich bis in alle Einzelheiten ausmalte, standen oft so greifbar vor ihm, daß es ihn mit hilflosem Erstaunen erfüllte, wenn er sich, durch irgend ein Geräusch erwachend, im Straßengewühl fand, nachdem er eben noch über einsame Höhen geritten, einen langen Zug fremdländischer Menschen und Tiere hinter sich.

In der Schule warf er sich mit fröhlichem Eifer auf seine Studien. Denn auch was an praktischen Fähigkeiten in Peter geschlummert, war aufgewacht, und er sagte sich mit großer Nüchternheit, daß er zur Erfüllung seiner stolzen Pläne vor allem Geld brauche. Das mußte er sich verschaffen, er selbst, denn auf die Unterstützung seines Vaters konnte er kaum rechnen. Überhaupt der Vater … Würde er zugeben, daß sein Sohn studiere, noch dazu Naturwissenschaften? Vielleicht, wenn er ihm auseinandersetzte, daß es für junge Stein- und Pflanzenkundige in überseeischen Ländern glänzende Stellungen gebe. Riesensummen wurden genannt, und Peters Augen funkelten, wenn er daran dachte. O, er wollte sparen, keinen Rappen unnötig ausgeben! Dann mußte es doch möglich sein, nach Verlauf einiger Jahre eine Reise unternehmen zu können.

Hie und da gefiel sich Peter in dunkeln Äußerungen seiner Mutter gegenüber. Er erkundigte sich auch, wie das Geschäft gehe und ob es etwa leicht einen Käufer fände. Frau Elisabeth fühlte sich durch solche Fragen, die ihr Vorboten neuer Kämpfe schienen, verwirrt und verletzt. Daß auch Peter gar keine Liebe fühlte für die Arbeit, die schon sein Urgroßvater in Händen gehabt. Ach, wie war dieses Kind aus der Art geschlagen, innerlich und äußerlich.

Sie ging an einem Abend, als sie Peter schlafend wußte, auf sein Zimmer und betrachtete lange das herbe, stolze Gesicht. Sechzehn Jahre alt war Peter, und in wenigen Wochen sollte er eingesegnet werden. Er war doch eigentlich noch ein halbes Kind, aber im Schein der Kerze erschien sein Gesicht merkwürdig alt und beinahe streng. Daran mochten die finstern Augenbrauen, die über der Nase zusammenliefen, Schuld tragen. Frau Elisabeth beugte sich tiefer. Zu beiden Seiten des Mundes die feinen Linien … Das sollte doch nicht sein in einem so jungen Gesicht … Und sie rühren nicht her vom vielen Lachen. Peter lacht selten … Peterlein, Peterlein – – wo ist all das Glück geblieben, das mir deine ersten Jahre geschenkt?

Ein schluchzender Ton drang aus Frau Elisabeths Mund. Peter bewegte sich, richtete weitaufgerissene Augen, die nichts erkannten, auf die Mutter, drehte sich zur Seite und murmelte: „Durch, durch! Man muß – –“