Frau Elisabeth seufzte. Mit schweren Schritten ging sie nach der Türe.


„Peter! Peter! So warte doch! Ich soll dir einen Gruß sagen.“

Peter blieb am Fuß des langen Treppengäßchens, das zur elterlichen Wohnung hinaufführte, stehen und schaute der Rufenden entgegen. Sie war ein feingliedriges Mädchen mit langen lichten Zöpfen, die beim Springen lustig tanzten. Bei Peter angelangt, sprudelte sie rasch hervor: „Das kannst du nicht erraten, von wem ich dich grüßen soll! Oder doch – probier's einmal!“

Während die beiden langsam die Stufen erstiegen, begann ein lustiges Raten und Verneinen. Alle gegenseitigen Bekannten der Nachbarskinder, Lehrer und Mitschüler, zuletzt in einer launigen Anwandlung Namen hochgestellter Personen, wurden von Peter vorgebracht. Alles ohne Erfolg. Das Mädchen lachte in einem hellen, jubelnden Ton, der unwillkürlich zur Freude mitriß. Sie sprach sehr lebhaft und mit blitzenden Augen. Nie hatte Peter frohere Augen gesehen und überhaupt wollte ihm mit einem Male dünken, noch nie so schöne, tiefblaue. Sie standen in einem Gesicht, das zu schmal und unentwickelt war, um hübsch zu wirken. Aber die Haut war weiß und rosig und so durchsichtig zart, daß man sah, wie das Blut kam und ging … bei einer schnellen Erregung dunkelrote Wangen … bei plötzlichem Erschrecken ein schneeblasses Antlitz. Peter, der vor noch nicht allzu langer Zeit beinahe täglich mit dem Nachbarskind verkehrt hatte, betrachtete sie nun mit einem Gefühl, als sähe er sie zum erstenmal.

Wie war das so fein und schmal, das da auf leichten Füßen neben ihm schritt und mit seinem glitzernden Lachen die Welt in einen Sonnentag zu verwandeln schien … in einen Sonnentag, in dessen Bläue selige Lerchen steigen.

Sie trennten sich am Niemeyerschen Hause, ohne daß es Peter gelungen wäre, den Namen zu erfahren. „Wir können ja morgen wieder zusammen heim; vielleicht bist du da gescheiter,“ sagte Ruth mit einer hoheitsvollen Miene, die in merkwürdigem Gegensatz zu ihrem Kindergesicht stand, Peter aber sehr reizvoll erschien. Er betrachtete sie, bis sich die Hoheit in lauter Ungeduld verwandelt hatte, dann aber schüttelte er sehr energisch den Kopf. Er kannte die Lästermäuler der männlichen und der weiblichen Schuljugend. Er brauchte nur ein paarmal mit Ruth auf dem Schulweg gesehen zu werden, dann hatte die Geschichte ihren Namen weg.

„Ich komme lieber heute abend einmal zu euch, da können wir weiter raten,“ schlug Peter vor.

„Ja, aber erst um sieben. Vorher muß ich üben.“

„Erst um sieben! Um halb acht Uhr muß ich zu Hause sein. Kannst du das Üben nicht abkürzen?“