„Ich kann schon, aber – – ich mag nicht,“ kam es etwas zögernd von Ruths Lippen.

„Spielst du so gerne? Was spielst du denn?“

„Geige. Und furchtbar gern tu ich's. Peter, ich will dir ein Geheimnis sagen, aber du mußt mir versprechen, daß du es keinem Menschen auf der ganzen, ganzen Welt wiedersagen wirst. Ja?… Also … ich will eine Künstlerin werden. Ich will immer, immer Musik um mich haben. Aber sie wissen's zu Hause noch nicht, nur Mutter natürlich. Vielleicht darf ich auch nicht. Dann muß ich es eben bleiben lassen … Mutter sagt, es kann auch so noch schön werden, und das glaube ich auch.“

„Unsinn, Ruth! Man läßt doch etwas nicht bleiben, von dem man weiß: ich muß es haben. Durchsetzen soll sich der Mensch, merk' dir das.“

Ruth sah einen Augenblick kläglich drein, und Peter mußte, in das schmale Kindergesicht blickend, selbst über seine Worte lächeln. Es war, als hätte er einer kleinen Schwalbe den Rat gegeben, gegen eine Mauer zu stürmen. Nur gut, daß er breite, starke Schultern hatte.

„Wie alt bist du eigentlich, Ruth?“ fragte er, in die Türe tretend.

„Vierzehn. Weißt du, an Silvester wurde ich vierzehn. Und du?“

„Ich bin eben sechzehn geworden.“ –

Kurz vor sieben Uhr trat Peter in das Nachbarhaus. Ruths Mutter begrüßte ihn. „Nett, daß du wieder einmal kommst, Peter. Ich dachte schon, du wolltest jetzt nichts mehr von Ruth wissen, seit du so ein großer Bub geworden. Und ich fand es eigentlich schade. Ihr seid doch all die Jahre so gute Kameraden gewesen. Aber freilich – jetzt hast du eben genug an deinen Freunden.“

„Ich habe keinen Freund,“ sagte Peter nachdenklich, „und ich weiß eigentlich nicht, warum ich nicht mehr mit Ruth gespielt habe … Wir hatten so viele Aufgaben, und – – ich lese viel.“