Ruths Mutter lachte. „Na, du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Jetzt geh nur zu Ruth hinauf. Sie übt in ihrem Zimmer.“
Peter ging durch den langen, immer dämmrigen Flur eine mächtig gebaute Treppe hinauf, auf deren breitem Geländer er hundertmal abgerutscht war. Er trat sehr leise auf und, auf der obersten Stufe angelangt, setzte er sich, wenige Schritte von Ruths Zimmertüre entfernt.
Ruth spielte in raschem Tempo eine ziemlich monotone Übung. Ein-, zweimal griff sie daneben, und Peter hörte ein ungeduldiges „So paß' doch mal auf!“
„Nun hat sie gewiß ganz rote Backen, wenn sie sich ärgert,“ dachte Peter und lächelte.
Dann, als die Sache ein paarmal glatt durchgegangen, hörte er ein befriedigtes „So“. Und nun begann ein anderes Spiel.
Eine feine, sehnsüchtige Melodie kam dahergeglitten, warb und flehte … und brach ab in einem jammervollen Schluchzen.
Peter lauschte atemlos. So also konnte Ruth spielen. Ach, dann würde wohl auch ihr Traum vom Künstlertum in Erfüllung gehen … Warum nur stimmte ihn das so traurig?
Horch, nun begann wieder das Spiel.
Da war etwas Dunkles, Leidvolles, Zagendes, und dazwischen klang ein seliges Lachen. Aber es wurde immer wieder erstickt von dem Schweren … Bis es mit einem Male siegreich emporjubelte, all das Leidvolle, Beengende zurückdrängend. Wie es sich wiegte in der Luft, im Sonnenschein! Wie es stieg – – höher und höher und endlich verklang in einem letzten, unendlich zarten Triller.
Es folgte eine kleine Stille, dann kamen ein paar energische Doppelgriffe, und nun spielte Ruth eine Choralmelodie. Breite, ruhevolle Wogen strömten daher … Peter kannte die Worte, die er vor kurzem im Konfirmandenunterricht gelernt hatte. Einige der Verse hatten ihn tief ergriffen, und auch jetzt wieder füllte ihn eine geheimnisvoll-ehrfürchtige Stimmung. Gott ist gegenwärtig, dem die Cherubinen Tag und Nacht gebücket dienen … Luft, die alles füllet, drin wir immer schweben, aller Dinge Grund und Leben, Meer ohn' Grund und Ende, Wunder aller Wunder, ich senk' mich in dich hinunter.