Ruths Zimmertüre ward plötzlich geöffnet. Helles Licht ergoß sich auf die dunkle Treppe, so daß Peter einen Augenblick die Hände vors Gesicht legte.

„Hast du schon lange hier gesessen?“ fragte Ruth. Nun mußte Peter sie ansehen. Sie lehnte am Türpfosten, die Geige im Arm, und hatte ein blasses, ganz ernsthaftes Gesicht.

„Es war so schön, Ruth! Komm, setze dich hierher zu mir. Bist du mir böse, weil ich zugehört habe? Ich habe Musik auch gern.“

„Dann tut es nichts. Und ich hab' dich auch gern. Deshalb darfst du zuhören. Leuten, die Musik nicht lieb haben und die ich nicht mag, spiel' ich nichts vor.“

„O Ruth! Wie wird es dir ergehen!“ lachte Peter. „Eine Künstlerin muß allen vorspielen, ob sie sie leiden mag oder nicht.“

„Ach, weißt du, dann denke ich eben an einen Menschen, den ich lieb habe, und spiele dem alles vor. Aber nun sollst du raten.“

Peter war so erstaunt über diese plötzliche Aufforderung, daß er das Mädchen ein paar Augenblicke wortlos betrachtete. Sie saß jetzt auch auf der Treppe, die Hände um die Knie geschlungen, und sie sah nun wieder aus wie am Morgen, ein unbekümmertes kleines Schulmädel, dem die Necklust aus den Augen sprühte.

Sie mochte sein Schweigen für Ratlosigkeit halten, denn sie fuhr fort, ihn mit aufmunternden Worten auf die rechte Spur zu leiten.

„Du mußt viel weiter zurückdenken, Peter. Wie du noch klein warst, hast du sie gesehen … Wie du einmal in den Bergen warst … So – jetzt ist's aber leicht.“

Nun war Peter völlig bei der Sache. Er war schon ein paarmal in den Bergen gewesen, aber als kleiner Bub nur einmal. Wie lag das alles so weit zurück – – und wie lag es so schön und grüßte herüber … „Die Tante! Ist es die fremde Tante?“