„Ja, die ist's!“ jubelte Ruth. „Tante Trude! Du weißt doch, daß sie eine Norddeutsche ist? Na, Mutter und sie waren zusammen in Pension in der französischen Schweiz, und da waren sie Freundinnen, und nachher, wie Mutter heiratete, ist sie Rudolfs Patin geworden. Und nun hat ihr Mutter geschrieben, sie möge doch einmal kommen, weil Rudolf konfirmiert wird. Ich glaube, sie hatten sich schon lange nicht mehr geschrieben. Die Tante hat so viel Arbeit und kennt so viele Menschen, sagt Mutter. Ja, und nun hat sie geantwortet und hat gefragt, ob wir nicht einen Peter Niemeyer kennen, der werde jetzt wohl auch konfirmiert, und wenn wir nun doch schon ein paar Jahre in der Nähe vom Totengäßchen wohnten, müßten wir dich sicher kennen. Und dann schreibt sie, ihr hättet euch so lieb gehabt, wie du ein kleiner Junge gewesen, und sie lasse dich grüßen. Kannst du dich noch an sie erinnern?“

„Ja, schon ein wenig. Ich glaube, sie war sehr freundlich zu mir und hat mir manchmal geholfen. Aber ihr Gesicht – – nein, daran kann ich mich nicht mehr erinnern.“

„Mutter sagt, sie sei der beste Mensch auf der Welt, und das stehe auch in ihrem Gesicht. Weißt du, sie arbeitet den ganzen Tag für andere, immer nur für andere, und denkt an sich nur so im letzten Augenblickchen. Mutter sagt, die kriegt mal einen guten Platz im Himmel … Peter!“

„Ruth?“ Peter ist wirklich gespannt, was nun kommen wird. Das Gesichtchen, das aus dem Dämmerschein zu ihm aufblickt, ist eines, das er noch nicht kennt. Warm und froh und ein bißchen sehnsüchtig schauen die großen Augen, die ein so treuer Spiegel des beweglichen Geistchens sind.

„Peter, ich habe schon zweimal vom Himmel geträumt, d. h. nur einmal war es der Himmel selbst. Das andere Mal war ich auf dem Weg dahin. Es war ein sehr schlimmer Weg, Peter. Weißt du, mit schrecklich viel Steinen und so großen Löchern, daß ich manchmal nicht wußte, wie hinüberkommen. Es waren viele, viele Kinder bei mir, und ich glaube, auch ein paar große Leute. Das weiß ich nicht mehr so recht … Ja, und wie wir so gingen, sahen wir ein großes, langes Haus. Darin mußten tausend Lichter brennen, denn aus allen Fenstern gingen Strahlen. Aber denke dir, Peter, gerade kurz vor dem Haus war ein so breiter Graben – – ich konnte einfach nicht hinüber, ich fürchtete mich. Und ich war so traurig, denn eine Menge Kinder gingen hinüber und gingen in das Haus hinein. Und da kam auf einmal ein Mann und nahm meine Hand … Ach, und da war ich so froh! Ich konnte nun gut weitergehen, und der Mann sprach zu mir. Ich weiß nicht mehr, was er sagte. Ich wußte es schon nicht mehr, wie ich aufwachte. Ich glaube, ich habe nicht gut aufgepaßt. Ich dachte immer: nie hast du eine so freundliche Stimme gehört, nie hat dich jemand so geführt … Ich war damals noch ein bißchen klein, Peter, es sind schon ein paar Jahre her. Ja, und nun gingen wir nach dem Haus, und es ging die Türe auf, und da war ein so großes Licht, daß ich es nicht ertragen konnte – – und ich wachte auf, und da war mein ganzes Zimmer voll Sonntagssonne und die Glocken läuteten … War das nicht ein schöner Traum, Peter?“

„Ja,“ sagte Peter und tat einen tiefen Atemzug, „das war ein schöner Traum. Und wer, glaubst du, ist der Mann gewesen, Ruth?“

„O, Peter! Hast du es nicht gespürt? Das war doch der Herr Jesus. Ich habe es gleich gewußt. Weißt du, nachher, wie ich ganz traurig war, daß ich mich nicht mehr an seine Worte erinnern konnte, habe ich gedacht, vielleicht hat er gesagt: Lasset die Kindlein zu mir kommen. Das hätte er doch gut sagen können, nicht, Peter?“

„Freilich, ja. Und was hast du sonst noch geträumt?“

„O, der andere Traum war vom Himmel selbst. Aber da war er kein Haus. Nein, eine große Wiese in den Alpen. Und gleich hinter der Wiese standen die weißen Berge, und davor war ein großer Stuhl, und da saß der liebe Gott. Er hatte einen mächtig langen Mantel an, der lag ganz breit auf der Wiese. Und eine Menge Menschen waren da. Ein paar standen ganz nahe bei ihm. Aber ich hatte auch ein feines Plätzchen, Peter! Und das Feine war, daß mich niemand sehen konnte! Denk' dir, ich saß in einem Zipfel von Gottes Mantel. Ich war ganz versteckt, und ich war so vergnügt. Aber nun solltest du gewiß gehen, Peter.“

„Ja, es ist Zeit. Aber ich darf doch wiederkommen?“