Da kam die Sache mit dem Brief, und hier nun fand ihre Entrüstung ein Echo. Peter Niemeyer tadelte die Schreiberei als überspannt und lächerlich; Frau Elisabeth fühlte sich in ihren mütterlichen Rechten angegriffen. Eifersüchtige und aufreizende Bemerkungen flogen hinüber und wurden mit trotzigen und höhnischen beantwortet.
Eines Abends, als Peter mit weichen, versonnenen Augen am Fenster lehnte, trat Frau Elisabeth zu ihm.
„Mein lieber Bub,“ sagte sie und legte den Arm um ihn, „nun laß dir noch einmal in aller Liebe etwas sagen.“
Peter entzog sich jäh ihrer Umarmung. Er haßte diese Art von Liebesbezeugung, die immer die Einleitung zu Vorwürfen bildete und ihn von vornherein in eine rebellische Stimmung versetzte. Er hatte dies schon mit dürren Worten ausgesprochen, ohne eine Änderung herbeizuführen. Denn Frau Elisabeth gefiel sich in dieser mütterlichen Rolle, und sie konnte nachher um so schmerzlicher bei ihrem Gatten klagen: „Ich habe so freundlich angefangen, aber er läßt sich ja gar nichts sagen …“
Frau Elisabeth zog sich seufzend von Peter zurück. Sie setzte sich an ihren Nähtisch, brach in ein scheltendes Klagen aus über Peters Undankbarkeit, allgemeine Bosheit, Verschlossenheit und Absonderlichkeit. „Wozu willst du denn nach Halle schreiben? Die Person geht dich doch gar nichts an. Was soll denn die ganze Geschichte bedeuten?“
Peter, der mit gekünstelter Gleichmütigkeit zugehört und nur bei dem Wort „Person“ einen bösen Blick auf die Mutter geworfen, trat plötzlich dicht an sie heran. Langsam und schwer atmend stieß er hervor: „Warum ich schreibe? Vielleicht könnte es sein, weil ich auch einmal jemand brauche, der mich versteht, und zwar jemand, der nicht nur immer als Mutter geehrt sein will und immer von Mutterrechten spricht, sondern wirklich eine Mutter ist.“
Das waren harte Worte. Frau Elisabeth brach in Tränen aus und schluchzte, Peter werde einmal an ihrem Grab Buße tun, und ob er denn gar nicht an seine Konfirmation denke. Statt aller Antwort ging Peter pfeifend aus dem Zimmer; aber in seiner Stube pfiff er nicht mehr. Er saß und brütete vor sich hin in unseligen Gedanken, die sein feines Gesicht häßlich verzerrten.
Dann, als habe ihn ein lichter Geist berührt, glätteten sich seine Züge. Ganz plötzlich, in wirrer Ideenverbindung war ihm eine Erinnerung an die letzte Unterweisungsstunde aufgetaucht.
Der Pfarrer hatte die Szene gezeichnet, wie die Jünger, als sie mit Jesu gingen, zurückblieben und ins Streiten gerieten.
Und wieder erlebt Peter das Seltsame, Atemraubende, daß es ihm ist, als rollten die Jahrhunderte zurück in einer einzigen großen Bewegung – – und er ist mitten unter ihnen, ist einer von denen, die hinter Jesu gehen. Ein schmaler Weg durch hohes Korn … eine Gestalt … sie wendet sich, und aus ruhevollem Antlitz fragen ihn zwei tiefe Augen … Vorbei. Peter sitzt wieder in seiner Stube und fühlt sich erbärmlich und klein.