Ruth kann auch singen. Sie begleitet sich dazu auf der Gitarre, und Peter weiß eigentlich nicht, was er mehr liebt, die Geige oder Ruths Stimme. Das Geigenspiel ist vielleicht schöner, ja unbedingt schöner, aber Ruths Stimme ist, wie sie selbst, leicht und innig, glücklich und lachend. Nur wenn sie ernste Lieder singt, erlischt das Lachen, und dann kann Peter das traurige Stimmchen kaum ertragen.

„Heute weiß ich ein neues Lied, Peter. Ein wunderschönes. Paß' einmal auf. Ich habe es unter Mutters Noten gefunden. Aber es sind so viele Verse – ich habe mir nur die zwei ersten und den letzten gemerkt:

Jungfräulein, soll ich mit euch geh'n
in euren Rosengarten?
Da, wo die roten Röslein steh'n,
die feinen und die zarten,
und auch ein Baum, der blühet
und seine Läublein wiegt,
und auch ein kühler Brunnen,
der grad darunter liegt.

In meinen Garten kannst du nicht
an diesem Morgen früh;
den Gartenschlüssel find'st du nicht,
er ist verborgen hie.
Er liegt so wohl verschlossen,
er liegt in guter Hut –
Der Knab' 'darf feiner Lehre,
der mir den Gart'n auftut.

Dort hoch auf jenem Berge,
da steht ein Mühlenrad.
Das mahlet nichts als Liebe,
die Nacht bis an den Tag.
Die Mühle ist zerbrochen,
die Liebe hat ein End' –
So segn' dich Gott, mein feines Lieb,
jetzt fahr' ich ins Elend.

Gefällt es dir nicht, Peter? Du bist so still.“

„Ach, Ruth, es ist so furchtbar traurig. Merkst du das nicht? Nun muß er wandern, immer weiter weg von dem wunderschönen Garten. Wie heißt es doch?… und auch ein Baum, der blühet und seine Läublein wiegt …“

„Und auch ein kühler Brunnen, der grad darunter liegt,“ summte Ruth. Sie betrachtete ihren Kameraden mit scheuen Augen. „Vielleicht hat sie ihm doch einmal aufgemacht, später, weißt du, wie er wieder gekommen ist.“