Er wußte noch nicht, daß unser Innigstes und Größtes, das in unendlich seligen und in unendlich schweren Augenblicken Empfangene, nie in seiner ganzen Schöne und Wärme ans Licht treten kann. Ein blasses Schattenbild … ein verlorener Nachklang …
Und doch können wir dem geheimnisvollen, drängenden Rieseln nicht wehren und hoffen immer aufs neue, es werde der starke, singende Quell der Schönheit hervorbrechen.
Der Tag der Einsegnung ging vorüber, und nun fehlten nur noch drei Wochen bis zum Abschluß des Schuljahrs. Peter mußte sich zum Sprechen entschließen, denn die Eltern schienen es als eine ganz selbstverständliche Sache anzusehen, daß er der Schule Lebewohl sagen und ins Geschäft eintreten werde. Die letzte Zeit war äußerlich eine friedliche gewesen. Am Konfirmationstag selbst hatte Frau Elisabeth eine jener Stunden erlebt, in denen ihre kleine Seele über sich selbst hinauswuchs. Die Worte des Pfarrers, der sich ebenso sehr an die Eltern als an die Kinder wendete, trafen sie ins Herz, und sie ging aus der Kirche voll guter Vorsätze. Sie wollte versuchen, in innigere Fühlung mit Peters verschlossener Seele zu kommen, wollte lernen, zu ihm zu stehen. Auch seinem Vater gegenüber? Dieser Gedanke war peinlich und unbequem, und sie vermochte ihn nicht zu Ende zu denken. „In der letzten Zeit ging es ja so gut,“ redete sie sich tröstlich zu. „Wer weiß, wenn sie einmal im Geschäft beisammen sind, lernen sie sich besser verstehen.“
Dieser Gedanke bewegte auch Peter, den älteren, denn wenn er sich auch zu Zeiten einredete, seines Kindes Entfremdung lasse ihn gleichgültig, im Grund seiner Seele ruhte nach wie vor die Sehnsucht nach seinem Besitz. –
„Was meinst du, Peter, wann sollen wir mit der Lehre beginnen?“ fragte Vater Niemeyer eines Abends hinter der Zeitung hervor. Er war in heiterer Stimmung, und seine Augen forschten mit freundlichem Ausdruck in des Jungen Gesicht.
Peter ward dunkelrot. Er fühlte, daß seine Antwort einen Sturm entfesseln werde.
Das Zarte und Nachgiebige in ihm flüsterte: füge dich! Aber die junge Willens- und Lebenskraft reckte sich mächtig und ließ ihn beinahe rauh hervorstoßen: „Ich kann kein Buchbinder werden. Ich will lieber in der Schule bleiben. Ich möchte das Maturitätsexamen machen.“
„So!“ erwiderte Peter Niemeyer und legte die Zeitung auf den Tisch. „So – – mein Herr Sohn! Und seit wann hat man sich das in den Kopf gesetzt?“
Seine Stimme klang hart, und ein drohender Blick flog zu dem Buben hinüber. Peter schwieg und schaute starr geradeaus.