5. Mai.

Mit voller Gesundheit wachte ich auf, erfreute mich ihrer aber nur kurze Zeit. – Wir hatten in der Nacht das Kattegat und das Skagerak verlassen, und trieben nun auf der bewegteren Nordsee herum. Ein gar zu emsiger Wind, der beinahe in Sturm ausgeartet war, warf unser armes Schiff dermaßen herum, daß man schon ein tüchtiger Tanzkünstler hätte sein müssen, um sich nur einigermaßen auf den Füßen erhalten zu können; – ich war leider schon in meiner Jugend keine Verehrerin Therpsichorens gewesen, und also erst jetzt! – Unerbittlich erfaßten mich die Najaden dieser stürmenden See, und taumelten mit mir so lange herum, bis sie mich in die Arme des schrecklichsten der Schrecken – zwar nicht nach Schillers Deutung aber nach meiner Empfindung, – der Seekrankheit warfen. Anfangs achtete ich ihrer nicht sehr, und dachte, dieß Uebel würde von einer, so wie ich, an Alles gewohnt sein sollenden Reisenden, bald überwältigt. Umsonst war mein Kampf; – ich wurde immer leidender und mußte endlich in meiner Koje liegen bleiben, wo mich nur der einzige Gedanke tröstete, daß wir heute auf offener See waren, und ich ohnehin nichts hätte sehen können. – Doch den folgenden Tag schifften wir im Angesichte der Küste Norwegens; die mußte ich sehen. – Halbtodt schleppte ich mich auf das Deck, begrüßte eine Reihe schöner, ziemlich hoher Gebirge, deren Gipfel in so früher Jahreszeit noch in hellem Silber erglänzten, und eilte dann, beinah erstarrt durch die Kälte des eisigen Windes, in mein gutes, warmes Federbett zurück. – Niemand, der es nicht selbst erprobte, kann sich einen Begriff von der schneidenden, durchdringenden Kälte eines nordischen Sturmwindes machen. – Die Sonne stand glänzend am Himmel, der Thermometer wies drei Grad – ich rechne stets nach Reaumür – Wärme, und obwohl ich doppelt so viel warme Kleider anhatte, als in meinem Vaterlande bei einer Kälte von 6-8 Grad, so fror es mich doch bis in das Innerste, – ja es kam mir gerade so vor, als hätte ich gar keine Kleider an.

In der Nacht vom 4. auf den 5. Tag segelten wir glücklich an den Schetlands-Inseln vorüber und noch denselben Tag gegen Abend kamen wir so nahe an die herrlichen Felsgruppen der Faröen, daß wir ordentlich fürchten mußten, bei den unausgesetzten Stürmen an sie geschleudert zu werden.

Am siebenten Tage schon erreichten wir Islands Küste – eine unerhört schnelle Fahrt. Die Schiffer versicherten auch, daß ein günstiger Sturm dem Dampfe selbst vorzuziehen sei, und wir dießmal gewiß jeden Dampfer überflogen hätten. – Doch ich arme Seele hätte gerne auf Sturm und Dampf Verzicht geleistet, um nur einige Stunden Ruhe zu gewinnen. Mein Leiden nahm dermaßen zu, daß ich am fünften Tage beinah zu unterliegen wähnte. Eiskalter Schweiß durchnäßte meine Glieder; ich war im höchsten Grade schwach, mein Mund ausgetrocknet und die Uebelkeiten unausgesetzt. Ich fühlte die Nothwendigkeit entweder einen Gewaltstreich vollführen oder erliegen zu müssen. Ich raffte mich also auf, schleppte mich mit Hilfe des Schiffsjungen zu einem Sitze und versprach jedes Mittel zu nehmen, das man für gut fände. – Da gab man mir feine Grütze in Wasser gekocht, mit Wein und Zucker gemischt; davon mußte ich so lange genießen, bis es mein Magen behielt. Doch nicht genug, auch kleine Stückchen rohen Speck, tüchtig mit Pfeffer gewürzt, und sogar einige Tropfen Rum mußte ich verschlucken. – Welch ein herzhafter Entschluß zu solch einer Cur gehört, brauche ich wohl nicht zu sagen. Mir blieb aber keine Wahl; es hieß mich bezwingen oder unterliegen. Mit Ruhe und Ergebung verschluckte ich die mir gereichten Gaben, so oft, bis endlich nach vielen Stunden mein verwünschter Magen eine kleine Dosis davon behielt. Diese Cur wurde zwei ewig lange Tage fortgesetzt, – da fing ich erst an mich ein wenig zu erholen.

Ich beschreibe meine Krankheit und deren Heilart so genau, weil leider so viele Menschen daran leiden, und sich in diesem Zustande so schwer entschließen, eine Nahrung zu nehmen. Ich aber rathe Jedermann es nicht so lange anstehen zu lassen, wie ich es that, sondern gleich Anfangs Nahrung zu nehmen, und zwar so lange bis sie der Magen behält.

In der Reconvalescenz suchte ich meinen nicht minder krank gewordenen Geist durch ein emsiges Studiren des Lebens und Treibens der nordischen Seeleute auch wieder auf die Beine zu helfen.

Meine Schiffsgesellschaft bestand aus Herrn Knudson, Herrn Brüge, einem Kaufmann, den wir an den Westmanns-Inseln absetzen sollten, dem Capitän, dem Steuermann und sechs bis sieben Matrosen. – Die Lebensweise in der Kajüte war folgende: Des Morgens um 7 Uhr ward schwarzer Kaffee gereicht, – aber was für einer? – das wissen die Götter. – Ich verkostete ihn durch eilf Tage, und war nie so glücklich auf die Spur seines Vaterlandes zu gerathen. – Um 10 Uhr wurde Butter, Brod, Käse, nebst etwas kaltem Ochsen- oder Schweinefleisch genossen; – alles herrliche Gerichte – für gesunde Leute. – Den Schluß dieses Vormittags-Essens machte holländisches Theewasser – in Skandinavien und auch auf Island sagt man nie: »ich trinke Thee,« man setzt immer »Wasser« hinzu: Ich trinke Theewasser – wenn möglich noch schlechter als sein Vorgänger, der unvergleichliche Kaffee. – Ich fiel also überall durch; die Gerichte waren mir zu stark, die Getränke zu – ich finde eigentlich gar keinen Ausdruck – vermuthlich zu verkünstelt. Mein Trost blieb die Mittagstafel. – Ach wie bald zerrann dieser schöne Traum! – Am sechsten Tage zum erstenmale setzte ich mich an den gedeckten Tisch. Da fiel mir gleich das darüber gebreitete Tuch in die Augen. – Bei unserer Einschiffung mochte es vielleicht weiß gewesen sein, – jetzt keineswegs mehr. Das unaufhörliche Rollen und Werfen des Schiffes hatte alle genossenen Gerichte und Getränke darauf verzeichnet. Eine Art Netz von Holz wurde nun darüber gespannt, die Teller und Gläser darein gesetzt, um so gegen das Hinabrollen gesichert zu sein. Ehe aber der gute Schiffsjunge dieß that, nahm er jedes einzelne Teller und Glas und reinigte es an einem in der Nähe hangenden Handtuche, welches zwar an Farbe nicht einem Regenbogen wohl aber an Schmutz dem Fußboden glich; und dieß wäre noch zu ertragen gewesen, – aber des Morgens diente es wirklich als Handtuch und zu den andern Zeiten des Tages auch als Handtuch – für Teller und Gläser.

Bei dergleichen Operationen wandte ich immer die Augen ab, und dachte mir, daß vielleicht gerade mein Glas und mein Teller am zartesten, oder wohl gar nicht damit berührt worden sei, und wandte meine ganze Aufmerksamkeit auf die nun zu erwartenden Speisen.

Eine Suppe machte den Anfang; aber statt der Rindsuppe war es eine Wassersuppe, mit Reis und getrockneten Pflaumen verkocht. Darein wurde bei Tische noch etwas rother Wein und Zucker gemischt, und nun war für dänische Gaumen eines der kostbarsten Gerichte bereitet; – mir behagte es durchaus nicht. – Die zweite und letzte Speise bestand aus einem tüchtigen Ochsenbraten, an dem ich nichts aussetzen konnte, als, daß er für meine noch schwache Gesundheit zu schwer war. – Der Abend bot dasselbe, was wir zum Vormittags-Imbiß gehabt hatten. Jede Mahlzeit wurde noch überdieß mit Theewasser beschlossen. Im Anfange behagte mir diese Lebensweise gar nicht; doch siehe, schon nach einigen Tagen meiner Besserung gewöhnte ich mich daran, und konnte die Schiffskost recht gut vertragen.[3]

Da der reiche Schiffsherr selbst am Bord war, so fehlte es auch nicht an den besten Weinen, und selten verging sogar ein Abend, ohne daß nicht auch Punsch gekostet worden wäre. – Freilich fand man für jede zu trinkende Flasche Wein oder Bowle Punsch irgend eine besondere Veranlassung, z. B. bei der Abfahrt, oder wenn der Wind günstig war, da trank man ihm zu, mit der Bitte so zu bleiben; war er ungünstig, mit der Bitte anders zu werden; – sah man Land, so mußte es mit einem Gläschen Wein begrüßt werden; – es mochten wohl oft auch mehrere gewesen sein, zum Zählen war ich aber zu seekrank – verloren wir es wieder, mußte ihm »Lebewohl« gesagt werden, – und so gab es täglich drei, vier ganz besondere Veranlassungen.