Die Leute, welche jene Naturmenschen gesehen haben wollen, behaupten: daß sie größer und stärker seien als die andern Isländer, daß ihre Pferde, statt mit eisernen Hufen – mit Hufen aus Horn beschlagen wären, und daß man sehr viel Geld bei ihnen sähe, welches sie wohl nur durch Raub erlangen könnten. Als ich aber frug, wer von den rechtlichen Bewohnern Islands, wann und in welchen Gegenden er von dieser wilden Menschenrace beraubt worden wäre, wußte mir Niemand eine andere Antwort zu geben als: das wisse man nicht. – Ich glaube aber kaum, daß in Island eine Person, viel weniger ein ganzer Stamm vom Raube leben könnte.
Abreise von Island; – Fahrt nach Kopenhagen.
Ich hatte jetzt alles Merkwürdige in Island gesehen, alle meine Reisen in diesem Lande glücklich beendet, und erwartete nun mit unaussprechlicher Sehnsucht das Absegeln eines Fahrzeuges, das mich meiner theuern Heimat wieder etwas näher bringen sollte. Ach, ich mußte noch 4 ewig lange Wochen in Reikjavik bleiben, täglich meine Geduld auf die Probe stellen, und selbst dann, nach so langem Harren, mit der ersten besten Gelegenheit vorlieb nehmen.
Freilich segelten auch unter dieser Zeit einige Schiffe ab, und auch Herr Knudson, mit dem ich die Herüberfahrt von Kopenhagen gemacht hatte, lud mich ein, Theil an seiner Rückreise zu nehmen, – aber da ging Alles nach England oder Spanien, und diese Wege wollte ich nun einmal nicht einschlagen. – Ich wünschte eine Gelegenheit nach Scandinavien, um auf diese pittoresken Länder wenigstens einige Blicke werfen zu können.
Endlich fanden sich zwei Schaluppen, die gegen Ende Juli in die See zu stechen gedachten. Die Eine davon, die bessere, ging nach Altona, und die andere nach Kopenhagen. Ich wollte mit der Ersteren gehen, allein da hatte schon ein Kaufmann von Reikjavik den einzigen Platz – mehr gibt es auf so kleinen Fahrzeugen selten – gemiethet, und so mußte ich mich noch glücklich schicken, auf der zweiten einen Platz zu erhalten. Herr Bernhöft meinte freilich, das Schiff könnte zu erbärmlich sein, um eine so bedeutende Reise darauf zu machen, und er wollte es doch wenigstens vorher in Augenschein nehmen und mir einen Bericht darüber erstatten. Allein da ich fest entschlossen war, nach Dänemark zu gehen, so bat ich ihn, die Untersuchung zu unterlassen und mit dem Kapitain auf dem Lande für meine Ueberfahrt zu unterhandeln. – Würde er, wie ich gleich voraus vermuthete, das Fahrzeug gar zu schlecht gefunden haben, so hätten seine Warnungen vielleicht meinen Vorsatz erschüttern können, und das wollte ich vermeiden.
Zuletzt erfuhren wir noch, daß auch eine Dänin, die hier im Dienste stand, sich auf diesem Fahrzeuge einzuschiffen wünsche. – Sie war so vom Heimweh' erfaßt worden, daß sie um jeden Preis ihr geliebtes Vaterland wieder sehen wollte. Nun, dachte ich mir, ist bei diesem Mädchen das Heimweh stark genug, sie gegen Gefahr gleichgiltig zu machen, so wird dieß bei mir die Sehnsucht thun, und ich werde ihr nicht zurück stehen.
Unsere Schaluppe führte den beruhigenden Namen »Haabet« (die Hoffnung) und gehörte dem Kaufmanne Fromm in Kopenhagen.
Die Abfahrt war für den 26. Juli bestimmt. – Von diesem Tage an durfte ich mich kaum vom Hause entfernen, und mußte jeden Augenblick die Botschaft erwarten gleich an Bord zu kommen. – Leider verhinderten heftige Stürme unser Auslaufen, und ich wurde erst am 29. Juli an Bord geholt. – Nun hieß es Abschied nehmen.
Von dem Lande that ich es leicht. – Hatte ich gleich wirklich viel Wunderbares, Neues und Interessantes gesehen, – ich sehnte mich doch wieder nach den heimatlichen Fluren, in denen man zwar nicht so großartige, ergreifende, aber desto heitrere, lieblichere Bilder findet. – Schwerer ward mir die Trennung von Herrn Knudson, und von der Familie Bernhöft. Alles Gute, das mir in diesem Lande erwiesen wurde, jede Anleitung und Erleichterung meiner Reisen habe ich nur ihnen zu verdanken. – Nie wird aber auch mein Dank, mein Andenken an diese guten Menschen in meiner Brust ersterben.
Um Mittag also befand ich mich bereits auf der Schaluppe, und konnte mit Muße all' die schönen Flaggen und Fähnlein betrachten, mit welchen die französische Fregatte, die hier vor Anker lag, geschmückt war, um das Andenken der Juli-Revolution zu feiern.