Ich suchte meine Aufmerksamkeit so viel als möglich von meinem Schiffe abzulenken, denn nach Allem, was ich bereits unwillkührlich davon gesehen hatte, ließ es sehr viel zu wünschen übrig. – Auch die Kajüte nahm ich mir vor, nicht eher zu betreten, als bis wir in offner See wären, und die Lootsen unsere Schaluppe verlassen hätten, damit mir dann jede Möglichkeit einer Rückkehr abgeschnitten sei.

Unsere Mannschaft bestand aus dem Kapitain, dem Steuermann, zwei Matrosen und einem Schiffsjungen, der den Titel eines Koches hatte; wir fügten ihm auch noch den eines Kammerdieners bei, da er zu unserer Bedienung bestimmt war.

Als uns die Lootsen »Lebewohl« gesagt hatten, suchte ich den Eingang der Kajüte, des einzigen, und daher gemeinschaftlichen Gemaches. – Er bestand aus einem ungefähr 2 Fuß breiten Loche, das sich gähnend zu meinen Füßen öffnete, und in welches eine Leiter von fünf Sprossen senkrecht hinab führte. – Ich stand lange sinnend davor, und überlegte, auf welche Art am Besten da hinab zu kommen sei. – Endlich wußte ich mir nicht anders zu helfen, als daß ich beschloß unsern Hausherrn, den Schiffskapitain, darum zu fragen. – Er zeigte es mir gleich, indem er sich an den Eingang niedersetzte und die Füße hinab ließ. – Man denke sich nun eine solche Expedition mit unsern langen Kleidern, und noch dazu bei schlechtem Wetter, wenn das Schiff von Stürmen tüchtig herum geworfen wird! – Aber der Gedanke, daß es viele Menschen noch viel schlechter treffen, und dennoch fortkommen, war bei dergleichen Unannehmlichkeiten immer der Ankerstab des Trostes, an dem ich mich festhielt. Ich stellte mir gleich vor, daß ich ja aus demselben Teige gemacht sei, wie meine Nebenmenschen, nur verzärtelter, verwöhnter, und daß ich dasselbe ertragen könne, wie sie. In Folge dieser Vorstellungen setzte ich mich augenblicklich nieder, versuchte die neue Rutschbahn und langte glücklich in der Tiefe an.

Vor allem andern mußte ich meine Augen an das hier herrschende Halbdunkel gewöhnen, denn die Lucken (Schiffsfensterchen) ließen die Tageshelle nur gar zu spärlich ein. – Leider sah ich aber bald nur zu viel. – Diese trostlose Erbärmlichkeit, dieser Schmutz, diese Unordnung, die ich da fand! – – Doch ich will Alles nach der Ordnung, und zwar noch dazu recht ausführlich beschreiben, denn ich schmeichle mir, daß manche meiner lieben Landsmänninen im Buche diese Reise mit mir machen wird, und da Viele unter ihnen wahrscheinlich noch nie Gelegenheit gehabt hatten, ein Seefahrzeug zu sehen, so dürfte eine solche ausführlichere Beschreibung hier nicht überflüßig sein. – Daß ich der Wahrheit getreu bleiben werde, mögen ihnen alle Jene bezeugen, die mit dem Seewesen vertraut sind. – Kehren wir also wieder zu meiner geliebten Schaluppe zurück. – An Alter wetteiferte sie mit mir, – wir Beide stammten aus dem vorigen Jahrhundert. Unglücklicherweise wurde damals bei Schiffsbauten wenig Rücksicht auf die Bequemlichkeit der Menschen genommen, und aller Raum nur für die Fracht bemessen; – eine Sache, über die man sich eben nicht wundern darf, da des Schiffers eigentliches Leben nur auf dem Deck ist, und das Schiff für Reisende nicht gebaut wurde. – Die ganze Länge der Kajüte maß von einer Koje zur andern 10 Fuß, die Breite 6 Fuß. Letztere ward noch überdieß auf der einen Seite durch einen Kasten, auf der andern durch ein Tischchen und zwei Bänkchen dermaßen eingeengt, daß gerade nur so viel Raum blieb, durchgehen zu können.

Beim Diner oder Souper saßen wir Damen – die Dänin und ich – auf dem Bänkchen, wo wir so eingepreßt waren, daß wir uns kaum rühren konnten; – die beiden Cavaliere – der Kapitain und der Steuermann – mußten aber vor dem Tischchen stehen, und in dieser Stellung ihr Mahl einnehmen. – Das Tischchen war so klein, daß sie ihre Teller in den Händen halten mußten. Kurz man sah aus Allem, daß die Größe der Kajüte blos auf den Schiffsstand, nicht aber auf Passagiere berechnet war.

Die Luft in diesem Gemache war auch nicht die allerbeste, denn außerdem, daß es unsern Speise-, Schlaf- und Empfangssalon bildete, ward es noch als Vorrathskammer verwendet, und in den Seitenschränken lagen Lebensmittel aller Art, Oelfarben, und eine Menge anderer Sachen. – Ich zog es vor, auf dem Verdecke zu sitzen, und lieber Sturm und Kälte zu ertragen, oder mich von einer Woge überschütten zu lassen, als da unten halb zu ersticken. Manchmal mußte ich aber doch hinab, theils wenn es gar zu sehr regnete und stürmte, theils wenn das Schiff von Gegenwinden erfaßt, und von den hohen Wellen derart herumgeworfen oder geschlungen[ [5] wurde, daß man auf dem Verdecke nicht sicher war. – Das Rollen und Werfen des Schiffes war oft so arg, daß wir – die Dänin und ich – nicht einmal sitzen, viel weniger stehen konnten, und manchen langen Tag in der erbärmlichen Koje liegen bleiben mußten. – Ich beneidete da meine Gefährtin, die konnte Tag und Nacht in einem fort schlafen. – Mir ging es nicht so gut, – ich wachte immer, und empfand dabei viel Langeweile und Unbehagen, denn die Lucken, der Eingang, Alles war bei Regenwetter verschlossen, und in dem Gemache herrschte nebst einer athembehemmenden Luft auch noch eine wahrhaft egyptische Finsterniß.

Was die Kost betraf, so speiste Alles, Passagiere, Kapitain, Steuermann und Matrosen aus einem und demselben Topfe. – Den Anfang machte des Morgens ein erbärmlicher Thee, oder besser gesagt, ein übelschmeckendes Wasser, das eine Theefarbe hatte. Die Matrosen tranken es ohne Zucker, der Kapitain aber und der Steuermann nahmen dazu ein kleines Stückchen Kandiszucker – dieser Zucker zerfließt weniger schnell als der raffinirte – in den Mund, schlürften eine Tasse Thee nach der andern, und aßen dazwischen Schiffszwieback mit Butter.

Die Mittagskost wechselte von einem Tage zum andern. Den ersten Tag bekamen wir gesalzenes Fleisch, das schon immer den Abend vorher in Seewasser geweicht, und am folgenden Tag in Seewasser gekocht wurde. Es war so übersalzen, hart und zähe, daß wohl nur ein Matrosen-Gaumen daran Behagen finden konnte; als Suppe, Gemüse und Mehlspeis kam dazu Gerstengrütze, die ganz einfach, ohne Salz und Butter in Wasser gekocht, und Mittags bei Tische mit Syrup und Essig gemischt wurde. – Alle fanden dieses Gericht sehr leckerhaft, und konnten sich, als ich es für ungenießbar erklärte, nicht genug über meinen verdorbenen Geschmack wundern.

Der zweite Tag brachte uns ein in Seewasser gekochtes Stück Speck, und dazu abermals die Gerstengrütze. – Der dritte Stockfische mit Erbsen. Letztere waren zwar etwas hart gekocht und ohne Butter, doch fand ich sie unter allen Gerichten noch am genießbarsten. – Am vierten Tage bekamen wir wieder die Speisen des ersten, und so ging es regelmäßig fort; – den Schluß jedes Diner's machte schwarzer Kaffee. – Der Abend bot die Morgenkost, Theewasser, Schiffszwieback und Butter.

Ich hätte mich gerne in Reikjavik mit einigen Hühnern, Eiern und Kartoffeln versehen, allein ich konnte keinen dieser Artikel bekommen. Hühner werden nur wenig gehalten, höchstens von den Beamten oder Kaufleuten; – Eier bekömmt man zwar ziemlich häufig von Eidergänsen und andern Vögeln, aber es werden nur so viele gesammelt, als man zum täglichen Gebrauche benöthiget, und das nur im Frühjahre zur Brütezeit dieser Thiere; – für die Kartoffeln war es noch zu früh an der Zeit. – Man denke sich nun das üppige Leben, daß ich auf diesem Schiffe führte. – Hätte ich das Glück gehabt auf ein besseres Fahrzeug zu kommen, wo man doch bequemer wohnt, und schmackhaftere Speisen erhält, würde mir die Seekrankheit dießmal gewiß nichts angehabt haben; – so aber in Folge der dunstigen Kajüten-Luft und der schlechten Nahrung litt ich doch den ersten Tag daran. Aber schon am zweiten Tage ward ich gesund, der Hunger stellte sich wieder ein, und ich speiste ein Stück Salzfleisch, Speck und Erbsen u. s. w. so gut wie ein Matrose; nur den Stockfisch, die Grütze, den Kaffee und Thee ließ ich unberührt.