Von der außerordentlichen Klarheit und dem Schimmer einer nordischen Mondnacht haben wir südlich Gelegenen keinen Begriff; es ist gerade als ob ein Theil des Sonnenlichtes sich mit dem nächtlichen Gestirne vereinte. Ich habe herrliche Nächte an den asiatischen Küsten, auf dem mittelländischen Meere erlebt, – ich fand sie aber hier an den Gestaden Skandinaviens heller und schimmernder.
Die ganze Nacht blieb ich auf dem Verdecke. Eine solche Masse von Schiffen zu sehen, die sich hier zusammen drängten, und gleichzeitig die Einfahrt in den Sund erstürmen wollten, war für mich ein seltenes Schauspiel. Ich konnte mir nun einen deutlichen Begriff von einer Flotte machen, denn ich glaube nicht zu irren, wenn ich diese Masse von Schiffen mit einer Kauffarthei-Flotte vergleiche.
Am zwanzigsten Tage unserer Reise um drei Uhr Morgens liefen wir in den Hafen von Helsingör ein. Man muß hier den Sund-Zoll entrichten, oder wie der Schiffer es nennt: »das Schiff klar machen.« – Es ist dieß eine sehr lästige Unterbrechung, und das Anhalten und wieder Weiterfahren des Schiffes macht sehr viele Umstände. Da müssen die Segel eingeräfft, die Anker ausgeworfen, die Jolle ausgesetzt und der Kapitain an das Ufer gerudert werden. Meist vergehen viele Stunden bis er abgefertigt ist. – Kehrt er endlich an das Schiff zurück, muß die Jolle wieder aufgewunden, müssen die Anker wieder gelichtet, die Segel entfaltet werden. – Oft hat unterdessen der Wind umgeschlagen, und man verdankt es nur diesen Plackereien, daß man den Hafen von Kopenhagen viel später erreicht, als man gehofft hat.
Ist man erst so unglücklich, in einer finstern Nacht in die Nähe von Helsingör zu kommen, so darf man, um mit andern Schiffen nicht zusammen zu stoßen, gar nicht einlaufen; man muß im Kattegat vor Anker gehen, und somit zwei Unterbrechungen erleiden. – Kömmt man in der Nacht vor vier Uhr nach Helsingör, so muß man warten, da erst um diese Zeit das Zollamt eröffnet wird.
Freilich steht es dem Schiffer frei, hier nicht anzuhalten und gleich nach Kopenhagen zu fahren, allein diese Freiheit kostet ihm 5 Thaler. – Kann nun aber der Zoll auf diese Art auch in Kopenhagen entrichtet werden, so ist dann die Forderung des Anhaltens bei Helsingör eigentlich nichts als eine Finte, um dem Schiffer eine höhere Taxe zu entlocken, denn hat dieser große Eile, oder einen gar zu herrlichen Wind, so läßt er in Gottesnamen diese 5 Thaler fahren und segelt unaufgehalten bis Kopenhagen.
Unser guter Kapitain berücksichtigte weder Zeit noch Arbeit, er machte das Schiff hier klar, und so begrüßten wir erst um 2 Uhr Nachmittag die liebe Stadt Kopenhagen, die mir beinahe heimatlich vorkam, und so schön und herrlich, als ob ich in meinem ganzen Leben nichts Aehnliches gesehen hätte. Man muß aber auch bedenken, woher ich kam, und wie lange ich an ein Fahrzeug gebannt war, auf dem ich mich kaum bewegen konnte. – Als ich die Erde wieder betrat, ging es mir beinahe wie Columbus, ich wäre bald niedergesunken und hätte sie geküßt.
Abreise von Kopenhagen. – Christiania.
Am 19. August – den folgenden Tag nach meiner Ankunft von Island – um zwei Uhr Nachmittag saß ich schon wieder zu Schiffe, und zwar auf dem schönen königlichen norwegischen Dampfer »Christiania« von 170 Pferdekraft, um nach der 304 Seemeilen entfernten Stadt Christiania zu segeln. – Bald hatten wir den Sund durchschnitten und gelangten glücklich in das Kattegat, in welchem wir uns jetzt mehr rechts hielten, als auf der Reise nach Island, denn dießmal war es uns nicht genug Schweden und Norwegen nur von der Ferne zu sehen; wir wollten auch daselbst Anker werfen, und zwar an der schwedischen Küste schon den folgenden Morgen.
Wir sahen vollkommen gut die schöne Gebirgskette, welche rechts das Kattegat begrenzt, und deren äußerste Spitze, die Kulm, sich derart in das Meer verläuft, daß sie eine lange Erdzunge bildet. – Sowohl hier, als an allen andern gefährlichen Stellen, deren es eine Menge gibt, sowohl an der dänischen als schwedischen Küste, stehen Leuchtthürme, deren Lichter uns Abends von allen Seiten entgegen schimmerten. Diese Lichter sind theils beweglich, theils unbeweglich, um dem Schiffer in finsterer Nacht die verschiedenen Stellen anzuzeigen, die er zu vermeiden hat.