Wir fuhren dann noch über den See, der gewiß eine Meile breit ist, und blieben die Nacht über am Eingange des Kanals, der uns am nächsten Morgen in einen Busen der Ostsee leiten sollte.
8. September.
Dieser Kanal ist einer der längsten; seine Umgebungen sind ziemlich hübsch, und das Thal, welches er durchschneidet, gehört zu den größeren. Das Städtchen Söderköping lehnt an hohen malerischen Felsgruppen, die sich weit verzweigen.
Auch in Schweden sah ich jedes Thal, jedes Fleckchen Erde sorgfältig angebaut und cultivirt. Das Volk war im Ganzen ziemlich wohl gekleidet, und besaß zwar kleine, aber äußerst niedliche Häuschen, deren Fenster an den obern Theilen sogar häufig mit neuen, weißen Vorhängen drapirt waren. Ich besuchte mehrere solche Häuschen, denn, während das Schiff durch die Schleußen ging, hatte man zu Spaziergängen und kleinen Ausflügen Zeit genug. – Ich glaube, daß man die ganze Reise von Gothenburg bis Stockholm zu Fuß in derselben Zeit zurücklegen könnte, wie mit dem Dampfschiffe. Täglich verliert man viele Stunden mit diesen Schleußen, und muß sogar ihretwegen die Fahrt bei der Nacht einstellen. Man rechnet die Entfernung auf 40-45 deutsche Meilen, und bringt gewöhnlich 5 Tage auf der Reise zu.
Erst des Nachmittags kamen wir in die Scheren der Ostsee, welche ganz den Character jener der Nordsee an sich tragen. Man befindet sich in einem Meere von Inseln und Inselchen, von Felsen und Klippen; man begreift hier so wenig wie dort, wie es dem guten Steuermanne möglich ist, alle diese hervorragenden Klippen zu vermeiden, und das Schiff so sicher mitten durchzuführen. Ueberall theilt sich das Meer in Ströme und Buchten, in kleine und große Seen, die sich zwischen den Inseln und Waldungen bilden, und von schönen Hügeln ungesäumt sind. – Nichts gleicht aber dem überraschenden Anblicke des Schlosses Storry Husby, das in einer Bucht auf einem hohen Berge liegt. Vor dem Fels breitet sich ein schöner Wiesenteppich bis an die Ufer des Meeres aus, während er im Hintergrunde von herrlichem Tannengehölze umgeben ist. Und unweit von diesem niedlichen Bilde taucht aus einem bewaldeten Inselchen ein Thurm auf, als Rest der großen Ruine Stegeborg. Es ist nicht leicht möglich etwas Romantischeres zu sehen, als die Zusammenstellung dieser Gegend, und überhaupt die ganze Fahrt in diesem Fiord, der in ewig wechselnden Gestaltungen dem Blicke erscheint.
Doch nach und nach werden die Hügel niedriger, die Inseln seltner; das Meer drängt Alles zurück, es scheint eifersüchtig zu sein, die Aufmerksamkeit des Reisenden mit so vielen andern Gegenständen theilen zu müssen, es will sie allein besitzen, und nimmt das Schiff in seine weiten Räume auf. Und nun ist man bald in der offenen See, und sieht nur Himmel und Wasser, und bald ist man wieder von Felsen und Klippen derart eingeengt, daß man ohne Lootsen den Ausweg gar nicht finden könnte.
9. September.
Heute verließen wir das Meer und schifften durch einen sehr kurzen Kanal abermals in einen See, und zwar in den durch die Zahl seiner Inseln berühmten Mälar-See. – An seinem Eingange liegt das Städtchen Sotulje reizend in einem engen Thale am Fuße eines ziemlich steilen Hügels. – Dieser See gleicht anfangs eigentlich mehr einem breiten Strome, er erweitert sich jedoch bei jedem Ruderschlage, und erscheint bald in ausgedehnter Größe. – Die Fahrt auf dem Mälarsee dauert 4 Stunden, und ist eine der reizendsten die man sich nur denken kann. – Dieser See soll bei 1000 Inseln und Inselchen enthalten, man kann sich nun leicht vorstellen, wie in ewig wechselnden Gestaltungen und Formen dieser schöne Wasserspiegel erscheint und wie er, gleich seinem Vorgänger, dem herrlichen Fiord der Ostsee, bald kleinere und größere Seen, bald Ströme und Buchten u. s. w. bildet.
Auch die Ufer sind sehr abwechselnd und schön. Bald ziehen sich Hügel und Berge bis knapp an den See, und steil abfallende Felsen bilden gefährliche Wände, bald erscheinen wieder dunkle, finstere Tannen-Waldungen, oder es öffnen sich freundliche Thäler mit Wiesen und Feldern, mit Dörfchen und Höfen. – Manche der Reisenden behaupten zwar, daß dieser See doch eigentlich nur ein ewiges Einerlei biete; ich konnte jedoch ihre Meinung nicht theilen, ich fand ihn so reizend, daß ich wohl unzählige Male darauf fahren könnte, ohne dieses lieblichen Einerlei's überdrüßig zu werden. – Er hat zwar nicht die majestätischen Umgebungen der Schweizerseen, aber gerade seine Unzahl von Inselchen bilden eine Eigenthümlichkeit, die man gewiß auf keinem andern See findet.
Auf der Spitze eines steilen Abhanges, wie deren mehrere den See umgeben, ist eine hohe Stange errichtet, auf welcher der Hut des unglücklichen Eriks befestiget ist. Die Geschichte erzählt von diesem Könige, daß er in einer Schlacht vor dem Feinde geflohen, und hier von einem Soldaten ereilt worden sei, der ihm darüber Vorwürfe gemacht haben soll. Aus Scham und Verzweiflung gab er seinem Pferde die Sporen, und stürzte sich mit ihm in die fürchterliche Tiefe. Bei diesem Sturze soll ihm der Hut vom Kopfe geflogen, und an dieser Stelle zurück geblieben sein.