Zu all diesen Annehmlichkeiten kömmt auf einem schwedischen Dampfschiffe auch noch jene, daß man bei nur etwas ungünstigem Wetter gar nicht vom Flecke kömmt. – Vermuthlich sind die Maschinen zu schwach; wenigstens behaupteten dieß Viele der Reisenden. – Wir hatten nur etwas Gegenwinde und hohes Meer, aber bei weitem keinen Sturm, und doch verspäteten wir uns schon auf der ersten Hälfte des Weges, auf der Fahrt von Stockholm nach Calmar, um 24 Stunden. In Calmar warfen wir Anker und warteten auf bessern Wind. – Ein paar Herren, deren Geschäfte zu Lübeck sehr dringend waren, verließen hier das Dampfboot und setzten ihre Reise zu Lande fort.
Anfänglich hat die Ostsee den Charakter des Mälarsee's. Inseln, Klippen, Felsen, große und kleine Wasserbecken u. s. w. erscheinen immer wechselnd und schön. Rechts sieht man im Hintergrunde die unendlich lange hölzerne Brücke Lindenbrog, die eine Insel mit dem Festlande verbindet.
An dem Ende eines der Becken, in die man einlenkt, liegt das Städtchen Wachsholm, und diesem gegenüber auf einer kleinen felsigen Insel ein herrliches Festungswerk mit einem kolossalen runden Thurme. – Nach der Zahl der Kanonen, welche auf den Wällen aufgepflanzt sind, zu urtheilen, muß diese Festung zu einer der wichtigsten gehören. – An ein ähnliches Festungswerk, Friedrichsborg, kamen wir einige Stunden später; es steht jedoch nicht so frei wie das erstere, sondern ist zum Theil von Waldungen umgeben. Wir fuhren in ziemlicher Entfernung vorbei, und konnten nicht viel davon sehen, so wie auch von einem auf der entgegengesetzten Seite gelegenen Schlosse, das ebenfalls von Waldungen umgeben ist und sehr großartig zu sein scheint.
Die See wird nun auf der rechten Seite auf Augenblicke unübersehbar; – doch bald kömmt man wieder auf eine schauerliche Partie nackter Felsen, an deren äußersten Enden die schöne Festung Dolero liegt. Unweit davon hängen an nackten, in die See ragenden Felsen gruppenweise viele Häuser, die einen sehr ausgebreiteten großen Ort bilden.
19. September.
Wir befanden uns heute auf offener, etwas stürmischer See. Erst gegen Mittag kamen wir in den Calmarsund, der links von dem flachen, einförmigen Ufer der 15 Meilen langen Insel Öland, rechts von dem Festlande Schmoland gebildet wird. Vor uns thürmte sich der Inselberg, die Jungfrau, auf, auf welchen Wunderberg jeder Schwede mit Stolz hinweist. Seine Höhe fällt jedoch nur auf, weil Alles rund umher flach und eben ist. – Gegen die stolze, riesige Jungfrau in der Schweiz dürfte er wohl nur als Hügelchen erscheinen.
20. September.
Gestern Abend wurde, des widrigen Windes wegen, Anker geworfen, und erst heute Morgens die Fahrt nach dem Städtchen Calmar fortgesetzt, welches wir gegen 10 Uhr Vormittags erreichten. Das Städtchen liegt auf einer unübersehbaren Ebene, und bietet nicht viel Interessantes. Höchstens könnten die ausgezeichnet schöne Kirche und das sehr alterthümliche Schloß den Wunsch erregen, da einige Stunden verweilen zu dürfen. Uns wurde dieser Wunsch nur zu sehr gewährt. Wind und Wogen schienen sich gegen uns verschworen zu haben, und der Kapitain kündigte uns daher eine ungewisse Frist des Bleibens an. – Man wollte uns anfangs nicht an das Land setzen, da die Wogen zu hoch gingen. Endlich wagte sich doch eines der größeren Boote heran, und die Neugierigsten unter uns wagten es, das schwankende Fahrzeug zu besteigen, und an das Land zu schiffen.
Die Kirche würde man dem äußern Bau nach für ein schönes, aus vergangenen Zeiten stammendes Schloß halten. Vier schöne Eckthürme geben ihr dieses Ansehen, das noch dadurch vermehrt wird, daß die Kuppel das Gebäude nur wenig überragt, und die übrigen Thürme, die hie und da als Zierde angebracht sind, kaum bemerkbar werden. Das Innere der Kirche zeichnet sich durch Größe, Höhe und durch ein besonders schönes Echo aus. Einen ergreifenden Eindruck sollen die Töne der Orgel hervor bringen. – Wir sandten um den Organisten, der aber leider nirgend zu finden war, und wir mußten uns mit dem Echo unserer Stimmen begnügen. – Von da wanderten wir in das kaum zehn Minuten weit entfernte alte königliche Schloß, welches unter der Königin Margaretha im 16. Jahrhundert erbaut wurde. Im Innern ist dieses Schloß so gänzlich verfallen, daß ein längeres Verweilen in den obern Sälen beinahe nicht rathsam wäre. Die untern Gemächer des Schlosses wurden ausgebessert und dienen als Gefängnisse; aus vielen der eisenvergitterten Fenster ragten Arme hervor und flehende Stimmen baten uns Vorübergehende um eine kleine Gabe. – Es sollen sich gegenwärtig über 140 Gefangene hier befinden.
Gegen 3 Uhr Nachmittag ließ der Wind etwas nach, und wir setzten die Reise fort. – Die Fahrt in dem Calmars-Sunde ist höchst einförmig, da man nichts als flache öde Ufer an den Seiten hat; ein Wäldchen gehört schon zu den Seltenheiten.