In Thorfastädir kam ich gerade zu einem Begräbnisse. Als ich in die Kirche trat, waren die Leidtragenden eben beschäftigt, sich gegenseitig mit Brandwein Muth und Trost einzutrinken. Freilich lautet das Gesetz, daß dieß nicht in der Kirche geschehen soll; – doch hielten sich alle Leute an das Gesetz, zu was wären die Richter? – Gewiß denken die Isländer so; sonst würden sie diesen Unfug unterlassen.

Endlich kam der Priester. – Nun wurde ein Psalm oder ein Gebet – ich verstand nichts davon, da es isländisch war – unter Anleitung eines Vorbeters von dem Priester und von mehreren Auserwählten – Bauern – derart herab geschrieen, daß die guten Leute ganz erhitzt wurden, und völlig außer Athem kamen. – Hierauf stellte sich der Priester an den Sarg, der aus Mangel an Raum auf die Lehnen der Bänke gestellt worden war, und las da mit lauter Stimme ein Gebet ab, das über eine halbe Stunde dauerte. Die Funktionen im Innern der Kirche waren hiemit beendet, und die Leiche wurde nun in Begleitung des Priesters und der Anwesenden um die Kirche herum dem Grabe zu getragen. Letzteres war von einer Tiefe, wie ich noch nirgends gesehen. – Als die Leiche hineingesenkt worden war, warf der Priester dreimal Erde darauf; von den Leidtragenden that aber dieß Niemand. – Unter der herausgegrabenen Erde befanden sich vier Todtenschädel, mehrere Gebeine, und ein Stück Brett von einem einstigen Sarg. Alles wurde dem so eben eingesenkten nachgeworfen, und das Grab im Beisein des Priesters und des Volkes zugeschaufelt. Ein Mann trat dabei die Erde fest; dann wurde ein Leichenhügel aufgerichtet, und mit Rasenstücken, die schon bereit lagen, überdeckt. Die ganze Arbeit ging mit beispielloser Raschheit von Statten.

Das Oertchen Skalholt, meine heutige Nachtstation, war in religiöser Beziehung einst so berühmt, wie Thingvalla in politischer. – Hier ward, bald nach Einführung der christlichen Religion, das erste Bisthum im Jahre 1098 gegründet; auch soll die hiesige Kirche eine der größten und reichsten gewesen sein. – Jetzt ist Skalholt ein erbärmliches Nest; es besteht aus einer mittelgroßen hölzernen Kirche – die vielleicht 100 Personen fassen mag – und 3-4 Kothen, und hat nicht einmal seinen eigenen Geistlichen, sondern gehört nach Thorfastädir.

Das Erste, als ich ankam, war, die noch vorhandenen Reste der Vergangenheit zu besehen. – Man zeigte mir vor Allem ein Bildniß in Oehl gemalt, das in der Kirche hängt und den ersten Bischof von Skalholt, Thorlakur, darstellen soll, der wegen seines strengen und frommen Lebenswandels beinahe als Heiliger verehrt wurde.

Hierauf wurden Anstalten gemacht, am Altar die großen Stufen, und mehrere Bretter vom Fußboden wegzuräumen. – Erwartungsvoll stand ich daneben und dachte an nichts anderes, als nun in eine Gruft steigen zu müssen, und darin den einbalsamirten Körper des Bischofes zu finden. – Ich muß gestehen, daß mir diese Aussicht gerade nicht sehr angenehm erschien, wenn ich an die herannahende Nacht dachte, die ich in dieser Kirche, vielleicht gerade ober dem Todten-Gerippe, zubringen mußte. – Ich hatte an dem heutigen Tage ohnehin schon zu viel mit Verstorbenen zu thun gehabt, und konnte den garstigen Leichengeruch, den ich in Thorfastädir einsog, gar nicht mehr aus meinen Kleidern und aus meiner Nase bannen.[ [1] – Wie erfreut war ich daher, statt der gefürchteten Gruft und Mumie, nur eine große Marmorplatte zu Gesichte zu bekommen, auf der die üblichen Anzeigen der Geburt, des Todes u. s. w. dieses Bischofes standen.

Noch zeigte man mir ein altes gesticktes Meßkleid, und einen einfachen goldenen Kelch, die beide aus jenen Zeiten herstammen sollen.

Dann stiegen wir in die sogenannte Rumpelkammer, die nur durch Bretter von dem untern Theile der Kirche geschieden ist, und sich bis gegen den Altar zu zieht. Hier befinden sich die Glocken und die Orgel wenn nämlich die Kirche etwas derart besitzt, die Lebensvorräthe, und eine Menge Geräthschaften verschiedener Art u. s. w. – Man öffnete da eine ungeheure Kiste, die große Stücke Talg, der in Form von Käsen gegossen war, enthielt, hob diese heraus, und kam auf die Bibliothek, in welcher ich einen sehr interessanten Fund machte. Ich fand nämlich unter mehreren sehr alten Büchern in isländischer Sprache, drei dicke Folianten, die ich ganz bequem lesen konnte; – sie waren deutsch, und enthielten Luthers Lehren, Briefe, Episteln u. s. w.

Jetzt hatte ich aber auch Alles gesehen. – Ich konnte nun auch auf meine leiblichen Bedürfnisse denken, und mir etwas heißes Wasser zum Kaffeeaufgusse bringen lassen u. s. w. Abermals pflanzten sich sämmtliche Einwohner des Oertchens vor und in der Kirche auf, vermuthlich um an mir das Studium ihrer Menschenkenntniß zu bereichern. Doch bald sperrte ich die Thür zu, und bereitete mir ein prächtiges Lager. Schon bei meinem ersten Eintritte in die Kirche hatte ich an einer der Wände einen langen Verschlag bemerkt, der ganz mit Schafwolle angefüllt war; auf diese warf ich meinen Polster, und da lag ich so warm und so weich, wie in dem besten Bette. – Des Morgens krauste ich die Wolle wieder sorgfältig auf, und kein Mensch hätte nun errathen können, wo ich eigentlich die Nacht zugebracht habe.

Nichts kam mir bei meinen derartigen Nachtquartieren komischer vor, als die Neugierde der Leute, die stets, nachdem ich des Morgens die Thür aufgeschlossen hatte, herein stürmten. Das erste, was sie zu einander sagten, war: »Kvar hefur hún sovid« (wo hat sie denn geschlafen?) Die guten Leute konnten durchaus nicht begreifen, wie es mir möglich sei, die ganze Nacht allein in einer Kirche mitten auf dem Friedhofe zuzubringen; sie hielten mich vielleicht für einen halben Geist oder wohl gar für eine Zauberin, und hätten gar zu gerne gewußt, wo denn dieses Geschöpf gehaust habe. – Wenn ich dann ihre verblüften Gesichter gesehen hatte, mußte ich mich immer umwenden, um nicht laut aufzulachen.

29. Juni.