Früh, zeitlich des Morgens setzte ich meine Reise wieder fort. Unweit Skalholt kamen wir an den Fluß Thiorsa, der ziemlich tief und sehr reißend ist. Wir wurden in einem Boote übergesetzt; die Pferde mußten durchschwimmen. Es braucht oft viel Mühe diese Thiere in solche Ströme zu bringen; sie entdecken gleich, daß sie da schwimmen müssen. – Führer und Bootsmann dürfen sich nicht eher vom Ufer entfernen, als bis sie vom Strome erfaßt sind, und selbst dann noch müssen sie ihnen Steine nachwerfen, mit der Peitsche drohen, und sie durch Lärmen und Geschrei erschrecken, damit sie nicht wieder umkehren.

Nachdem wir ungefähr drei Meilen auf größtentheils sumpfigen Wegen zurückgelegt hatten, kamen wir zu einem schönen Wasserfalle des Huitha. – Dieser Fall war nicht so sehr durch seine Höhe – die betrug kaum 15 bis 20 Fuß, – als vielmehr durch seine Breite und Wasserfülle ausgezeichnet. – Einige schöne Felsentrümmer sind an der Kante des Sturzes derart gelagert, daß sie ihn auf Augenblicke in drei Theile theilen; doch unter ihnen vereinigt sich der Sturz gleich wieder. – Das Bett dieses Flußes besteht, so wie auch seine Ufer, aus Lava.

Merkwürdig ist an diesem Flusse die Farbe des Wassers; sie spielt so sehr in's Milchweiße, daß wenn die Sonne darauf scheint, wirklich keine starke Einbildungskraft dazu gehört, die ganze Flüssigkeit für Milch zu halten.

Eine kleine ¼ Meile oberhalb des Wasserfalles muß man den Huitha, der einer der bedeutendsten Flüsse Island's ist, in einem Boote übersetzen. – Dann zieht sich der Weg durch Wiesen, die jedoch weniger versumpft sind, als ihre Vorgängerinen, bis zu einem großen Lavastrome, durch den man an die Nähe des fürchterlichen Feuerspeiers Hekla erinnert wird.

Noch waren mir in Island keine so großen Strecken, wie vom Thale des Geisers bis hierher, vorgekommen, die ich hätte durchziehen können, ohne auf Lavaströme zu stoßen. – Und selbst dieser hier schien für die schönen Wiesen einiges Mitleid zu empfinden; er theilte sich an mehreren Stellen in zwei Arme, und umschloß so die lachende Flur. Doch auf lange hatte er wahrscheinlich den nachstürmenden Massen nicht widerstehen können; er ward mit fortgerissen, um überall hin Tod und Vernichtung zu tragen. – Flächen, die mit dunklem Sande überdeckt waren, und steile Hügel, die sich dazwischen lagerten, machten den Weg etwas mühevoll und beschwerlich.

So ging es fort bis zu dem Oertchen Struvellir, wo wir anhielten und unsere Pferde einige Stunden ruhen ließen. Wir trafen hier eine große Versammlung von Menschen und Thieren.[ [2] Es war gerade Sonntag, und noch dazu ein recht warmer, sonnenklarer, und da wurde in der hübschen Kirche großer Gottesdienst gehalten. – Nach Beendigung desselben sah ich eine recht artige, ländliche Scene. Die Leute strömten alle aus der Kirche – ich zählte 96 Personen – eine unerhörte Versammlung für Island – theilten sich in verschiedene Gruppen, und schwatzten und schäckerten, wobei sie jedoch nicht vergaßen, ihre Kehlen mit Brandwein zu befeuchten, von dem sie bedeutende Quantitäten zur Vorsorge mitgenommen hatten. Dann zäumten sie ihre Pferde, und schickten sich zu ihrer Abreise an. Nun regnete es Küsse von allen Seiten und das Abschiednehmen hatte kein Ende, – die Armen wissen ja nie, ob und wann sie sich wieder zusammen finden.

In ganz Island besteht Willkomm und Abschied in einem derben Kusse, – ein Gebrauch der für den Nicht-Isländer sehr ekelhaft ist, wenn er einen Blick auf die häßlichen, schmutzigen Gesichter, auf die tabaktriefenden Nasen der Alten und auf die ....... der Kinder wirft. Jedoch für den Isländer hat dieß nichts auf sich. Alle küßten den Priester und er wieder sie, dann küßten sie sich untereinander, und so ging es fort und fort. Es herrscht hierbei nicht einmal Rangunterschied, und ich war nicht wenig erstaunt zu sehen, wie mein Führer, ein ganz gewöhnlicher Bauersknecht, ein halb Dutzend Töchter eines Sysselmanns küßte, oder die Frau und die Kinder irgend eines Pastors, oder den Sysselmann, den Pastor oder Probst selbst, und wie diese seine Küsse eben so herzlich erwiederten. – Ländlich, sittlich.

Die Ceremonieen in der Kirche fangen gewöhnlich erst gegen Mittag an und dauern zwei auch drei Stunden. – Die Lebhaftigkeit vor der Kirche ist deßhalb so groß, weil es nirgend eine Gaststube gibt, in der man sich versammeln, oder einen Stall, in den man die Pferde sperren könnte. Alles muß unter freiem Himmel bleiben.

Als der Gottesdienst beendet war, besuchte ich den Priester, Herrn Horfuson; er war so gütig, mir seine Begleitung nach dem zwei Meilen entfernten Oertchen Sälsun anzutragen, hauptsächlich um dort für mich mit einem Führer nach dem Hekla zu unterhandeln.

Ich war doppelt froh, diesen guten Mann an meiner Seite zu haben, da wir einen sehr gefährlichen Strom zu passiren hatten, der sehr reißend und so tief war, daß er den Pferden bis an die Brust reichte. Trotz dem, daß wir die Füße so viel als möglich hinauf zogen, wurden wir dennoch tüchtig durchnäßt. – Eine derlei Partie gehört zu den unangenehmsten, die ich kenne. – Das Pferd schwimmt mehr als es geht, und dieß erzeugt eine höchst widerliche Empfindung. Man weiß gar nicht, wohin man sehen soll; sieht man in den Strom, so wird man sehr leicht vom Schwindel erfaßt, und sieht man nach dem Ufer, so ist es auch nicht viel besser, denn dieses scheint sich ordentlich zu bewegen und davon zu gleiten, was natürlich daher rührt, weil das Pferd, von der Strömung erfaßt, ein Stück abwärts gerissen wird. – Zu meiner großen Beruhigung ritt der Priester an meiner Seite, um mich zu erfassen, wenn ich mich auf dem Pferde nicht mehr sollte erhalten können. – Glücklich überstand ich auch diese Feuer- – nein – Wasserprobe, und als wir das jenseitige Ufer erreicht hatten, machte mich Herr H. aufmerksam, wie weit wir von der Strömung waren mitgerissen worden.