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| Mauricy W***. | [1] |
| Von Genf nach Baden. | [25] |
| Die beiden Wittwen. | [43] |
| Waadtländerin und Pariser. | [56] |
| Tagebuch in Schwyz. | [111] |
| Im Mätteli. | [126] |
| Mys lieb Beat. | [132] |
| Die Urschweiz. | [178] |
| Ein Sonnenaufgang auf der Rigi. | [186] |
| Im Hotel Weber. | [191] |
| Die Heimathlosen. | [201] |
Mauricy W***.
Gleich zu Anfang unseres Aufenthaltes in der Schweiz wohnten wir einen Monat lang in Horgen am Zürchersee.
Der Meierhof ist eigentlich keine Pension: außer uns hielt sich nur noch ein Pole dort auf, derselbe, dessen Namen diese Skizze trägt. Wir wußten jedoch damals seinen Namen noch nicht, sondern nur, daß er an der Brust leide, den Sommer über in Interlaken zur Molkenkur gewesen sei und jetzt in Horgen die Traubenkur gebrauchen wolle. Warum er zu diesem Zwecke nicht lieber in die französische Schweiz ging? Eine polnische Familie, welche in der Nähe von Zürich ein Landhaus besaß, hatte einen sehr geschickten Arzt bei sich. Mit diesem war Mauricy in Interlaken bekannt geworden und hatte solches Vertrauen zu ihm gefaßt, daß er noch länger in seiner Behandlung zu bleiben wünschte. Die Familie hatte mit jener Herzlichkeit, welche die Polen unter sich verbindet und sie gleichsam zu Gliedern einer Familie macht, dem kranken Landsmann ihr Haus angeboten, aber er wollte weder geniren, noch genirt sein, und so kam es, daß wir ihn in Horgen kennen lernten. Von hier aus konnte er mit den vielen Dampfschiffen, welche den Zürichersee durchfurchen, täglich nicht nur ein, sondern mehrere Male hinüber.
Ich will unsern Hausgenossen schildern. Sein Aeußeres war sonderbar, doch für uns wenigstens gleich auf eine gewisse Art einnehmend. Wir sahen ihn zum ersten Male, als er die Treppe hinaufstieg, welche zu seinen und unsern Zimmern führte. Groß und schlank ging er langsam, gebückt und nachlässig, die Augen gleichgültig vor sich hin gerichtet, ohne irgend Etwas, folglich auch ohne uns zu bemerken. Sein glattes Haar war dunkel und tief auf die Stirn gekämmt, welche, gleich dem ganzen zusammengefallenen Gesichte, eine wachsgelbe Farbe hatte. Die Kleidung war grau, aber auch vom Kopf bis zu den Füßen so vollständig grau, daß wir Mauricy später nie anders nannten, als unsern grauen Geist. Indessen in dieser wunderlich schlotternden Umhüllung und trotz seines völligen Sichfallenlassens sah man in ihm den ächten Edelmann. Nie wäre es Einem eingekommen, den schlichten, blassen, grauen Menschen für einen commis voyageur zu halten. Sein Alter schätzte ich damals auf sechs- bis achtunddreißig Jahre, später sagte er uns, daß er achtundzwanzig sei.
Am Abend wurde uns gemeinschaftlich der Thee im Salon servirt, wo ein vortrefflicher Flügel stand. Horgen wird blos durch die Reisenden belebt, welche von Arth kommen, oder dorthin fahren – wir waren allein mit Mauricy. Er war anfangs ein stummer Gesellschafter; ich bemühe mich sonst gewöhnlich auch nicht um Bekanntwerden; was bewog mich denn, einen Versuch zum Gespräche mit dem bleichen Polen zu machen und mich durch seine Einsilbigkeit nicht zurückschrecken zu lassen? War es ein Vorgefühl, daß ein künftiger Freund zwischen uns Beiden sitze?
Er ließ sich allmählich gewinnen und zum Sprechen bringen. Ohne gut französisch zu können, verstand er es genug, um sich hinreichend über Alles auszudrücken. Bald glitt unser Gespräch in die Politik hinein, eine damals, wie noch jetzt, gefährliche Bahn. Ich hatte ein Gemälde von dem Glücke entworfen, wie ich es mir wünsche. Ein Landhaus unter schönem Himmel, einen Garten voll Schatten und Stille, mit mir mein Mann und mein Kind, das Meer nicht weit, im Hause Bücher, Musik und Frieden. – Unser Pole lächelte ein Wenig, schüttelte das Haupt – »das würde mir nicht genügen. Wenn ich mein Vaterland nicht wieder glücklich sähe –« Hier war die Gefahr zum Streit da. Polen und Preußen haßten sich eben wie vielleicht noch nie. Die Polen warfen den Preußen vor, Verheißungen gemacht und nicht erfüllt zu haben – die Preußen beschuldigten die Polen, daß sie gewährtes Vertrauen gemißbraucht. Bald versicherte Mauricy mir, daß er die Preußen weit mehr verabscheue als die Russen. Ich erwiederte eifrig und heftig: »Das habe ich schon vorausgesetzt, übrigens schätze ich jetzt die Polen so gering wie möglich.« Genug, wir stritten und sagten uns böse Dinge mit den bittersten Mienen und den lebhaftesten Geberden. Ich hatte über den Armen den Vortheil einer gesunden Brust und brachte ihn glücklich außer Athem. »Ich kann nicht mehr,« seufzte er, »Sie machen mich ganz schwach.« – »Warum haben Sie denn angefangen?« entgegnete ich trotzig. »Ich hätte Sie wahrlich in Ruhe gelassen, denn ich kenne die Polen schon.« Er nahm sein Licht, schlich davon, drehte sich jedoch in der Thür noch einmal um. »Wenn einst Krieg wird,« sagte er komisch-böse, »so schieße ich Ihnen Ihren Mann dort todt.« – »Ehe Sie das können, schieße ich Sie nieder,« war meine unumwundene Antwort. – »Oder ich Sie.« – »So, Sie würden also auch meiner nicht schonen?« – »Nein, aber vorher würde ich sehr höflich meinen Hut abnehmen und um Erlaubniß bitten.« – »O, bis Sie das gethan hätten!«
So war unsere erste Berührung mit Mauricy. Wunderlich, wird man sagen. Vielleicht, doch nicht ganz so, wie es scheinen mag. Ich sage immer: einmal zankt man sich doch mit Jedermann; da ist's denn viel besser, mit Zank anfangen, als damit aufhören.
Wenigstens bestätigte es sich hier. Die ausgetauschten zärtlichen Erklärungen störten nicht im Geringsten unser gutes Vernehmen, ja, sie schienen durch den unwillkürlichen Humor, welchen sie hervorgerufen, es im Gegentheil recht befördern zu wollen. Die gegenseitigen Fragen, wann wir uns todtschießen würden, ob wir einander dann beklagen würden und dürften, und andere, gleich harmlos-alberne, machten uns lachen, und wenn man erst über- und miteinander lacht, ist man auf gutem Wege zur Vertraulichkeit.
Nicht daß wir uns nicht mehr gestritten und selbst erboßt an einander geärgert hätten –, alle Tage! Wir alle Drei, und insbesondere noch Mauricy und ich, waren zu aufgeregt durch die Zeit, um nicht das nachmittagliche Lesen der Zeitungen mit lauten Anmerkungen begleiten zu müssen. Und aus diesen Anmerkungen wurden Kämpfe zwischen Demokratismus und Royalismus, wie sie schwerlich selbst in der durch politische Haltung sich wenig auszeichnenden Paulskirche erbitterter und hitziger durchgefochten worden sind. Jeder, der nur auf einer Barrikade gekämpft hatte, war für Mauricy ein Held, für uns – es ging Mauricy's Helden schlecht von uns! Dagegen schleuderte er die heftigsten Ergüsse seines Hasses gegen Alles, was auf Thronen saß, oder das unverzeihliche Verbrechen beging, in Amt oder Würden zu sein. Alle Könige und Fürsten müßten ermordet werden, das war sein unaufhörlich wiederkehrender Satz. Und wenn er könnte, setzte er jedes Mal hinzu und nahm sein Messer in die Hand, so würde er selbst immer Einen nach dem Andern niederstoßen. Wir, wieder nicht träge, ließen himmelhohe Galgen für die Radikalen errichten, kurz, es war schrecklich, was wir Alle wüthend und blutdürstig waren!