Die Polen sind durch eine ganz eigene nationale Liebenswürdigkeit begünstigt, das hat man oft geäußert, und ich kann es nur bestätigen. Je mehr ich verschiedene Nationalitäten kennen lerne, je abstechender gegen alle, je bestechender für mich finde ich die Polen. Wäre ich ein Mann, ich würde mich gewiß nur in eine Italienerin oder eine Polin verlieben. Wenn Mauricy mich dadurch gekränkt hatte, daß er seine schonungslosen Angriffe vorzüglich auf Preußen richtete, so durfte er mir nur seine kalte Hand bieten und mich mit seinem guten Blicke um Verzeihung bitten, und ich war versöhnt.
Der arme Mauricy, – er hatte immer so kalte Hände! Und so blasse, – noch nie hatte ich solche farblose Hände gesehen. Das Blut schien schon fremd in ihnen geworden zu sein, sich ganz nach den Lippen zu drängen, über die es täglich kam. Mauricy war krank, und wie er selbst glaubte, zum Tode. Auch ich war krank, an der Krankheit unseres Jahrhunderts, bei welcher das Leben lange währen kann, aber eigentlich nur eine lange Qual ist. Wir sahen uns gegenseitig leiden und bemitleideten einander. Er litt frömmer, geduldiger, als ich. Die Resignation, gegen welche ich mich noch sträubte, als müßte ich mit ihr das Leiden unwiderruflich annehmen, er hatte sie schon – hatte sich unter dem Kreuze gebeugt. Wir fragten einander eines Tages: wie lange wir schon krank wären. Vier Jahre, sagte er, ich sechzehn. »Dann,« sprach er sanft, »werden Sie zuerst gesund – ich kann warten.«
Dieses Wort war keine Phrase – Mauricy kannte die Phrase nicht. Die Geselligkeit war ihm deswegen zuwider, weil in ihr so viel – Schicklichkeiten – stattfinden müssen. »Was soll ich da?« fragte er, und ich konnte ihm das nicht sagen. Denn auch ich habe mich oft gefragt: was soll ich, wenn ich mich den Menschen so ganz überflüssig sah, und die Menschen mir.
Wir, Otto, ich und Mauricy, waren einander nicht überflüssig. Wir suchten uns. Wir hatten uns oft auch Nichts zu sagen, aber wir saßen zusammen und waren still. Während des Stillschweigens gewannen wir uns noch lieber, als während des Zankens. Und jeden Abend wünschten wir uns mit besserm Herzen gute Nacht.
Wenn wir Beide uns fragten, was eigentlich Mauricy zu uns führe, und uns bewege, für ihn Raum zu machen in unserm sonst so verschlossenen Zweileben, so wußte es am Ende Keiner. Er war nicht geistreich; – was er auf den Universitäten von Kiew und Moskau gelernt – ich hatte ihn stark in Verdacht, Alles wieder vergessen zu haben. Wie er das Examen zu seinem Proforma im russischen Staatsdienst gemacht, will mir noch jetzt nicht recht einleuchten. Uebrigens fehlte es ihm durchaus an nichts Wesentlichem, er wußte genug, dachte klar und klug, urtheilte richtig, nur glänzende Gaben hatte er nicht, und suchte sie auch nicht. Er hatte es sich wohl aus meinem Wesen und meinen Reden herausbuchstabirt, ich müsse eine geniale Frau sein, und wenn ich es ihm ausreden wollte, sagte er doch: ich denke mir das so, aber er fragte weiter nicht nach der genialen Frau. Ich ließ im Geplauder mit Mauricy Geist ganz ruhig Geist sein – ihn kümmerte auf der ganzen Welt Nichts weniger. Das führte ihn also nicht zu uns.
Ebensowenig das Bedürfniß, Erinnerungen auszutauschen, was bei Vielgereisten bisweilen so lebhaft ist, daß sie es selbst um den Preis befriedigen müssen, andere Gereiste und Nichtgereiste zu langweilen. Mauricy war am Rhein, in Belgien, in Frankreich und in Italien gewesen, aber er war eben auch nur dagewesen – Eindrücke aufgenommen, Beobachtungen gesammelt, Studien gemacht, das Alles hatte er nicht. Aus Rom erzählte er ein einziges Mal von St. Peter, von Belgien äußerte er, es wären schöne Kirchen da, von Ems erfuhren wir, daß er alle Abende bei einer Familie Thee getrunken und dabei in einem sehr bequemen Lehnstuhl gesessen habe, von Schlesien bemerkte er, es gäbe in Reinerz so schrecklich häßliche alte Frauen. Von der übrigen Welt sagte er – Nichts, Polen ausgenommen; aber Polen war auch nicht die Welt: Polen war das Paradies.
Unsern Geschmack, unsere Neigungen theilte er auch nicht. Die Natur war ihm gleichgültig. Wenn ich das Glühen der Appenzeller Alpen betrachtete, oder das lichtdurchschimmerte Abendwerden auf dem See, kam er wohl langsam zu mir und fragte: »Aber wie können Sie sich das so lange ansehen?« Nicht minder kalt ließ ihn die Literatur. Von Le Maistre hatte ihm die »Reise um meine Stube« gefallen, mit sich führte er außer der Bibel und Thomas a Kempis nur noch die »Gedanken« des Obersten Weiß, ein Buch in der Art, wie Oxenstierna es geschrieben, sonst habe ich ihn nie weder etwas lesen sehen, noch erwähnen hören. Lamartine's Reise in den Orient hatte er angefangen, als ich sie begehrte, überließ er sie mir gleich – »ich schlafe, statt sie zu lesen,« sagte er. Was endlich die Musik betraf, so hörte er mich gern, besonders in dem böhmischen Liedchen: ach neni, neni! aber auch nur mit Melancholie, nicht mit Kennerschaft. Was führte uns denn also zusammen bei getrennten politischen Gesinnungen, ganz verschiedenen Neigungen, Anlagen und Charakteren?
Das Menschlichste, Innerlichste, die Seele des Herzens – das Gemüth.
Mauricy's innerstes Wesen war Güte, keine sentimentale, keine moralisch erkämpfte, nein, eine einfache, naturgemäße, unbewußte Güte. Er war nicht schwächlich-nachgiebig, tadelte was zu tadeln war, mochte recht wild werden können, wenn sich gerade eine Gelegenheit dazu fand, hatte ganz unbefangen seine Fehler, aber dabei kannte er weder Neid, noch Gehässigkeit, noch Rache, noch Parteilichkeit – er hatte eben zur Natur die Güte.
Güte haben, man redet davon gemeiniglich ganz so leicht hin, wie von gut sein, und wie oft findet man denn Güte?