Güte ist Gottes Gabe, sie lernt sich nicht und verlernt sich nicht – wer sie hat ist Gottes Liebling, denn er lindert Leiden. Sie ist die Grazie der Seele und das Genie des Gemüthes – als Grazie liebkos't und schmeichelt sie, erfreut und erquickt, erhellet und entzückt; als Genie hat sie den Drang, das gebeugte Rohr aufzurichten, Verirrten nachzueilen in die Wildniß, sich mit starker Kraft zwischen Verfolgte und Verfolger zu werfen, wider Ungerechte zu zürnen, Sinkende gewaltig zu erfassen, über Verlorene schmerzlich zu weinen. Sie ist nicht himmlisch, sie ist auch nicht irdisch – von der Erde aufgestiegen als Hauch, fällt sie wieder herab als Thau; so schwebt sie immerfort zwischen Himmel und Erde und ist dadurch menschlich. Und wie das Veilchen den Rosenpurpur und das Irisblau in seiner köstlichen Weichheit verschmilzt, so athmet aus ihr als Wohlwollen das Süßeste der Innigkeit und das Feinste der Milde.
Ich will nicht sagen, daß in Mauricy diese göttliche Erscheinung sich in voller Glorie offenbarte – zu einem so auserwählten Gefäß war er nicht stark genug – aber ein schöner, reiner Strahl leuchtete aus seinem weichen, dunkelblauen Auge. Vielleicht wirft man mir hier spottend ein: »und die umzubringenden Könige alle – fiel auf die der Strahl auch?« da antworte ich denn ganz unbekümmert: »wenn ein verfolgter König Schutz und Stärkung bei Mauricy gesucht hätte, würde Mauricy ihm seinen eigenen Mantel gegeben und seinen letzten Becher Wein an ihn abgetreten haben.«
Das dachte ich damals schon und lächelte, wenn er seine Philippiken herausseufzte, denn um sie kräftig hören zu lassen, war seine Brust zu müde. Wie er zur Erwiederung von uns dachte, sagte er eines Tages, als er uns sein Album brachte. »Man findet überall brave Leute, die man achten kann,« sprach er in seinem schleppenden Französisch, welches sich immer besann, ehe es über seine Zunge gekrochen kam. »Und darum bitt' ich Sie, sich Beide einzuschreiben.«
Das Album war noch fast leer, obgleich bereits im vorigen Winter zu Rom gekauft. Mauricy war nicht eine Natur, die sich leicht und viel hingab – er konnte seine Freunde mit eins, zwei, drei, vier, fünf zählen. Auch das machte ihn mir werth; ich schätze solche Mäßigkeit in Freundschaften: viele intime Freunde sind in meinen Augen ein wahrer embarras de richesse, und was am schlimmsten ist, de richesse factice.
Da etwas Schickliches nicht immer vom Himmel fällt, hatten wir einige Tage später noch Nichts eingeschrieben, als Mauricy das Buch auf wenige Stunden zurückverlangte. Er wollte es den drei Töchtern jener Familie bringen, die so gut wie seine eigene war, ja, noch besser als oft eine eigene ist. Ich hatte ihn schon einige Male wegen dieser jungen Mädchen geneckt, die er als sehr liebe, zugleich natürliche und ausgebildete Wesen schilderte. Jetzt reichte ich ihm das Buch mit einem bedeutungsvollen Blicke und einem sehr weisen Kopfnicken. Er lächelte und schüttelte langsam den Kopf. Noch aus keinem Antlitz hatte ich das Lächeln eine so wunderbare Erleuchtung hervorbringen sehen, wie auf dem Mauricy's. Es war ganz, als strömte plötzlich ein schimmernder Sonnenblick auf ein dunkles Gemälde. Für gewöhnlich war er nicht einmal hübsch, und kaum hob er seine Oberlippe ein wenig und ließ unter dem kleinen dunklen Bart zwei glänzende Zähne sehen, so mußte man ihn mindestens so gut wie schön finden.
Gegen Abend brachte er das Buch wieder. »Sie haben sich nicht verlobt?« fragte ich. Abermals machte ein stummes und langsames Kopfschütteln die Verneinung aus. Wir waren im Garten; der See mit seiner lieblichen Heiterkeit, das weiße Zürich links, die weißbläulichen Alpen rechts, rings herum die weißen Ortschaften, welche sich wie ein dichter Kranz von Margueriten durch das Grün der Ufer winden, der Mond im reinen Himmel – es war ein Bild voll Anmuth. Mauricy saß, den Kopf an einen Baum gelehnt. Er ruhte sich gern so aus und glich dann einem kranken Kinde. Auf Otto's Arm gestützt, stand ich vor ihm und fragte: »warum wollen Sie denn allein bleiben? Sie haben mir gesagt, Ihr Herz müßte noch sechs Monate lang, bis Sie heimkehren könnten, wie gestorben liegen – warum soll es das? Gönnen Sie ihm Leben – die Liebe kann Sie noch gesund machen.« – »Sollte ich ein junges Mädchen an mich ketten?« erwiederte er. – »O, Sie wissen nicht, wie gern ein junges Mädchen sich ganz aufopfert und darin Glück findet.« – »Wenn sie dafür geliebt wird,« sprach er. – »Nun –« sagte ich ermuthigend. Er blickte melancholisch zu mir auf und zeigte mir einen Ring, schwarz emaillirt. »Das ist das Andenken meiner letzten Liebe.« Er küßte das weiße Kreuz auf dem schwarzen Email. »Ist sie gestorben?« fragte ich leise. – »Für mich,« antwortete er ruhig. »Aber nie mehr werd' ich geliebt werden, wie von ihr – nie nach ihr noch lieben.«
Man hört fast Nichts seltener, als daß ein Mann eine – ich will das so oft verspottete Wort muthig nennen – eine unglückliche Liebe unbefangen ausspricht. Wohlverstanden, wenn er keine Verse macht. In Versen ist es ebenso Styl, es zu thun, wie es im Leben nicht Styl ist. Im Leben gilt ein solches Gefühl oft für ein Verbrechen, welches das Herz wider den Stolz begeht, im besten Falle für eine beschämende Weichlichkeit. Mauricy aber fürchtete nicht sich bloßzugeben, denn er war nicht eitel, und auch als weichlich meinte er nicht zu erscheinen, weil er stark und tief empfand. Und er hatte Recht. Was beweist mehr für unsere innere Macht, als die Fähigkeit zu einer großen Liebe?
Mauricy trug die seine still in sich, zugleich mit dem Tod, mit dem Gram um sein Vaterland, mit der Trauer um seine jüngste Schwester. Diese hatte achtzehn Jahr alt und seit sechs Wochen verheirathet, ihren Mann nach Sibirien führen sehen und war nur so lange noch in der Heimath geblieben, um ihr erstes Kind zur Welt zu bringen. Als es geboren war, übergab sie es ihrer Schwester und folgte dem Gatten nach Sibirien. Das erzählte uns Mauricy an demselben Abend, und ebenso schlicht, wie er das von seiner ersten Liebe erzählt. Ich machte die Augen zu, um die Thränen zurückzudrängen. Mauricy sah mich still an und war dann still fort; sein Mund dankte mir nicht, ich denke aber sein Herz. Mein Gott, ich weiß ja, wie ich der einzigen Freundin, die mir einst schrieb, sie habe um mich geweint, wie ich ihr ernst und gerührt gedankt habe!
Wo ein Wort erst den Weg gefunden hat, da finden ihn leicht mehrere. Oefter, wenn gleich nicht oft, redete Mauricy nun von dem, was sein Leben gefärbt und wieder entfärbt hatte, und wie wir wohl einsahen, ihn so gleichgültig dagegen machte. Leise, wie durch halbe Striche gelegentlich hingeworfen, gestaltete sich vor uns eine Skizze dieser einfachen, aber tiefbegründeten Begebenheit. Die Freundin war es gewesen, an deren Theetisch Mauricy jeden Abend in Ems den Lehnstuhl bereit gefunden. In Rom hatten sie in einem Hause gewohnt. Sie war verheirathet, dennoch hatte Mauricy Hoffnungen hegen dürfen: ihre Liebe wenigstens hatte sie ihm geschenkt. Warum nicht auch sich selbst? fragte ich ihn. Ehen können gelöst werden – in Rom ist der Pabst. Sie hatte es gewollt, antwortete er. Aber sie hatte dann wieder anders gethan. Sie war zurück nach Polen, zum Gatten. »Sie hat es vorgezogen, Gottes Gebot zu erfüllen, statt ihr Herz zu befriedigen,« sagte Mauricy. »Gottes Gebot!« rief ich erregt. »Glauben Sie, Gott würde sie gestraft haben, wenn sie sich Ihnen gegeben, der Sie ihrer so ganz bedurften? Denn sagen Sie mir – als Sie Hoffnung hatten, durften Sie da nicht die Genesung noch für möglich halten?« Er bejahte. »Und seit Sie von ihr getrennt sind, fühlen Sie sich nicht wieder um Vieles kränker?« – »Das ist wohl natürlich,« sagte er sanft. – »Nun denn, warum da Sie verlassen, nicht lieber ihr Heil selbst wagen, wenn ihr Glaube so streng ist, obgleich wahrlich Gott nicht gezürnt hätte?« Ich war unwillig. Beschwichtigend sprach er: »Ich denke vielleicht wie Sie und würde wahrscheinlich gehandelt haben, wie Sie sagen. Aber hatte ich das Recht, sie zu Etwas zu verleiten, was sie für Sünde hielt? Nein; obgleich sie mich aufgegeben, ich sage doch, sie hat gut gethan.«
Ich schwieg, aber ich grollte der Frau im Stillen, besonders als ich vernahm, daß sie noch im Briefwechsel mit ihm stehe. »Sie hat einen Roman mit ihm gespielt,« eiferte ich später gegen Otto, »und damit er ihr ja nicht entgehe, hält sie ihn an den Briefen wie an einem Faden. Das mag für sie recht hübsch und unterhaltend sein, aber für den armen Menschen ist's tödtlich.« Otto antwortete mir: die Frau könne es doch ernstlich meinen; er halte die Polinnen einer solchen religiösen Ueberspannung ganz für fähig. »Der Geliebte ist das Opfer, welches sie Gott bringt,« setzte er hinzu, »und je schmerzlicher sie es fühlt, und je größer es ist, um so heiliger handelt sie.«