Nachmittag.

Der Wind ist der Föhn. Er kommt über die Lawinenspur auf der Frohnalp, schiebt die Alpen zusammen und färbt sie mit weicher, funkelnder Dunkelheit. Der Schnee leuchtet heller zwischen den jetzt dunkelblauen Zacken, und der See ist Lichtkräuseln.

Den 12. September.

Ungeduld und Ueberdruß ergreifen mich bisweilen mit den wildesten Krämpfen. Ich schreie dann, es sei, weil ich so lange keine wirkliche Schönheit gesehen. Das Hängen über allen Abgründen von Möglichkeiten mag's denn mit sein, vielleicht hauptsächlich, aber gewiß thut auch viel, daß ich seit Italien keinen Himmel, kein Meer, keine Rosen und kaum zwei oder drei schöne Gesichter gesehen habe, daß ich in der Prosa gelebt, wie in einem zu niedrigen Raum, daß – o Süden und Schönheit!

Als ich in Sterzingen wieder die erste Krautpflanzung sah – drei Jahre sind's nun. Was hab' ich seitdem für Krautpflanzungen vor mir gehabt! Damals weinte ich wie unsinnig über den heimathlichen Anblick, und die Wirthin fragte, neugierig wie nur Tyrolerinnen es sein können: »Warum weint denn die Frau so?« – »Weil sie aus Italien zurück soll,« antwortete Otto. »Fahren's doch wieder 'nein,« war ihr naiver Vorschlag. »Ja, fahren's doch wieder 'nein in das Land der Malerei, oder – in den Himmel.«

Ein Haus wird gebaut – nicht für uns! Und warum wird's denn hier in Schwyz gebaut? Wohnt man denn noch in Schwyz? Mir kommt das Städtchen trotz der aufzuführenden Oper und der neuen Zeitung so überflüssig im jetzigen Jahrhundert vor. Wie eingenickt sitzt es da am Fuße des Mythens und sieht ganz aus, als würd' es im nächsten Augenblick völlig einschlafen. Schlaf' ein, altes Schwyz, schlaf' ein – ich will dir ein Wiegenlied singen.

Abends.

Der Abbé Gregorio fragte, als er uns von dem Irren auf Lazzaro erzählt: »Ist er toll, oder sind wir's?« So frag' ich: »Ist die Schweiz prosaisch, oder sind wir's?« Wir bewundern Alles, es gefällt uns Alles und läßt uns Alles kalt. Macht die Sorge das Herz so kühl, wie sie die Stirn heiß macht?

Der Staub des Lebens ist sichtbar in der Schweiz. Man sieht es recht, wenn zwischen Schweizern ein Tyroler einherschreitet. Otto sagt: die Schweizer schleppten sich, als drückte ihre Freiheit sie – der Tyroler ginge, als fühlte er unter dem freiwillig anerkannten Herrn sich wahrhaft unabhängig. In einem Wort es auszudrücken – die Tyroler sind ein poetisches, die Schweizer ein prosaisches Alpenvolk.

Wir saßen heute lange auf einem Steinzaun, gegenüber dem Mythen, um dessen rothe Spitze schleierne Wölkchen webten, und wieder wunderten wir uns, daß er mit seinen dreitausend Fuß über unserm Steinzaune nicht schauerlicher aussähe. Wonach wir Alle ringen, Ueberlegenheit, ist eigentlich nur die Bequemlichkeit, die Welt von unserm Standpunkte aus so verkleinert zu sehen, wie in solcher Höhe die Alpen. Die eigenthümliche, gleichsam körperliche Stille der Luft, welche wir im Berner Oberlande gefühlt, berührte uns heute abermals. Ein Junge jodelte; die Echo's schrieen es ihm aus tausend Kehlen nach. Das Jodeln klingt unnatürlich, es ist das letzte Mittel, worauf die Langeweile in diesen Gegenden gekommen; sie erzwingt dadurch wenigstens eine eingebildete Belebung. Ein Mädchen that es auch; wir sahen uns mehrere Male um, ob wir uns auch nicht in dem Geschlecht der Stimme täuschten, so bubenhaft klang sie.