Von nun an trafen wir mit Monsieur und Madame Jaques fast täglich im Mätteli zusammen, d. h. Monsieur kam immer erst dazu, wenn er seine Forelle gefangen und sie den Haken durchgebissen hatte. Sobald sie einmal im Haken bleiben würde, sollte ich sie erhalten – sie hat's aber nicht gethan, und ich habe sie nicht gesehen.

Eines Tages hatte ich das grüne Buch mit, in welchem ich Alles bemerke, was ich sehe, höre, denke, beabsichtige. Madame Jaques wollte es durchaus sehen, ich sagte ihr, sie solle etwas Besseres von mir lesen, und schickte ihr meine kleine Novelle »Hedwig« mit einem Gruß de l'auteur à madame Jaques.

Sie schrieb mir als die Frau des Fischers Jaques einen allerliebsten Brief, worin sie mir sagte, in mir sei Alles Originalität, das habe sie gleich gewußt, als sie mich zum ersten Male vor einer Schnecke kauern gesehen. Eine jener Frauen von feiner Erregbarkeit, die sich leicht enthusiasmiren, war ich von nun an ein Gegenstand für ihre Phantasie, und sie mochte öfter von mir geredet haben, denn unser Doctor wußte auf einmal, daß ich Bücher schriebe. Und wie denn einem Schriftsteller immer gern Geschichten erzählt werden, so erzählte mir auch der Doctor eine, die er selbst erlebt, und zwar in Baden, wo wir eben waren.

Diese ist es, welche auf den folgenden Blättern nachzuerzählen ich versuchen will.

Mys lieb Beat.

Es mögen ungefähr zehn Jahre sein, daß ein junger Mann, Beat Bodenwieler, gebürtig aus Einsiedeln, sich in Zürich als geschickter Portraiteur in Alabaster bemerklich machte. Eigentlich war er Bildhauer, hatte, ohne bedeutend zu sein, seine Kunst in Tyrol gut genug gelernt, fand jedoch in der Schweiz wenig Aufmunterung und fast gar keine Beschäftigung. Eine Brustbüste Pestalozzi's erhielt Beifall, Bestellungen jedoch wollten nicht kommen. Beat war arm; der Oheim, welcher ihn erzogen, konnte ihn nicht länger ernähren, auch wünschte Beat unabhängig zu sein. Der natürlichste Wunsch bei jedem nur leidlich tüchtigen Menschen. Da man keiner Statuen begehrte, kam Beat auf die Portraits in Alabaster. Er war glücklich im Treffen, gewandt im Schneiden; die Arbeit fing an, sich zu finden. Ein Freund seines Oheims, wie dieser, Arzt, interessirte sich warm für Beat, und der junge Mensch würde in Zürich noch weit mehr Glück gemacht haben, hätte er sich nicht den Liberalen angeschlossen. Dadurch verscherzte er sich die aristokratischen, folglich reicheren Häuser. Er gewann jedoch für den Augenblick genug, und übermüthig wie die Jugend es ist, glaubte er nie mehr zu bedürfen und deshalb ganz seinen Gesinnungen gemäß leben zu können.

Baden am Stein war damals vielleicht noch besuchter als jetzt. Beat hoffte mit Recht, unter den Badegästen würden sich Einige und sogar mehr als Einige recht gern portraitiren lassen. Er schlug also eine kleine Werkstatt für den Sommer dort auf, Vagabond unter den Vagabonden. Seine Hoffnung wurde gerechtfertigt – er bekam eine Menge Portraits und sehr hübsche Summen Geldes.

In seiner besten Stimmung über diesen prächtigen Erfolg wurde er eines Tages zu einer alten Dame eingeladen, welcher er auf seine Art in Alabaster so geschmeichelt hatte, wie der Maler es darf. Die alte Dame war reich, eitel und liebte es, die Gönnerin zu spielen. Beat ließ sich mit der größten Unterwürfigkeit beschützen und kam so oft zu Tische, wie die alte Dame nur befahl. Auch an diesem Tage erschien er, geputzt und von gehorsamer Liebenswürdigkeit. Die alte Dame lud immer einige Frauen zu ihrem Günstling ein, und Beat mochte Frauen gern gefallen. Als er in das Zimmer trat, sah er zwei junge Mädchen, welche ihm noch fremd waren. Die alte Dame nannte ihm in der Einen ihre Enkelin, in der Andern ein Fräulein Marguerite von Gontran aus Freiburg. Beide waren Kostgängerinnen im Kloster Fahr, zwischen Baden und Zürich. Sophie, die Enkelin der alten Madame Linder, hatte die Erlaubniß die Großmutter zu besuchen auch für Marguerite auszuwirken gewußt, welche, erst seit kurzer Zeit im Kloster, sich fremd genug fühlte und einer Zerstreuung um so mehr bedurfte, da ihr elterliches Haus ein vermögliches und geselliges gewesen war. Weshalb man sie aus demselben nach vollendeter Erziehung neuerdings in ein Kloster gebracht? Wie es hieß, damit sie deutsch lernen solle, eigentlich aber, um sie vom Hause zu entwöhnen und allmählich an das Klosterleben zu gewöhnen. Sie hatte einen Bruder; der wünschte das Vermögen einst nicht mit der Schwester theilen zu müssen. Die Eltern wünschten dasselbe: je reicher der Repräsentant der alten Familie, je mehr Glanz für diese. Marguerite wußte nicht um diesen Plan; sie war ungern nach Fahr gekommen, fühlte sich unheimlich, besonders da sie bei ihrer Unkenntniß der Sprache um Vieles einsamer war, als die übrigen Kostgängerinnen; aber die Besorgniß, es solle für immer sein, quälte sie wenigstens nicht. »Wenn ich Deutsch können werde, darf ich wieder nach Hause,« das war ihr Gedanke und ihr Trost. Um diesen glücklichen Zeitpunkt recht bald heranzubringen, lernte sie mit grenzenlosem Eifer deutsch, leider aber fehlte ihr alles Talent, und sie beweinte oft mit heißen Thränen ihre langsamen und geringen Fortschritte. Je länger sie am Deutschen lernte, je länger mußte sie in Fahr bleiben.

Ihre Gefährtinnen hielten sich gewöhnlich in einer gewissen Entfernung von ihr – sie wollten nicht durch ihre größere Schönheit verdunkelt werden. Marguerite war wirklich auffallend schön, üppig und lieblich zugleich, mit einem glänzenden Köpfchen und naiven, schwärmerischen Augen, mit langem, dunklem Haar, welches abzuschneiden eine wahre Sünde gewesen wäre. Dieser Besitz von Anmuth hätte vielleicht ein anderes Mädchen über die Sprödigkeit getröstet, welche sie von den neidischen Schwestern erfuhr, aber Marguerite war noch zu frisch, zu gut, zu unverdorben, sie wollte geliebt und nicht beneidet werden, und trauerte oft, wenn sie sich so schön und so gemieden sah. Sophie allein hatte sich ihr angeschlossen, vielleicht aus Widerspruchsgeist, vielleicht aus Sorglosigkeit, vielleicht auch aus Gutmüthigkeit, genug, man sah überall ihr blühendes, aber unbedeutendes Gesichtchen neben dem poetischen Kopfe Margueritens. Diese war so voller Dankbarkeit für die Gemeinschaft, welche Sophie mit ihr hielt, daß sie für Sophie Alles gethan und geopfert hätte, was in ihren Kräften lag. Sophie faßte zum Glück die Freundschaft nicht von der heroischen Seite auf; sie wollte, Marguerite sollte mit ihr lachen und französisch plaudern. Marguerite lachte und plauderte so gern, daß sie immer wieder vergaß, wie sie ja Deutsch zu lernen habe. Fiel ihr das ein, so weinte sie ihre kindischen Thränen, machte Sophien bewegliche Vorstellungen und beschwor sie, ihr behülflich zu sein. Sophie versprach es feierlich, wollte es ehrlich, und Alles zwischen den beiden jungen, guten und thörichten Geschöpfen blieb, wie es war.

Auf die Fahrt nach Baden, auf das Mittagsessen bei der Großmutter hatten die Kinder sich schon wochenlang gefreut. Nun sollte, wie Madame Linder ihnen wichtig ankündigte, sogar ein junger Mann kommen, ein Schützling der Mama, ein Künstler, etwas »Extraordinaires«, ein Genie. Wie waren sie neugierig, als Beat eintrat! Der junge Bildhauer war nicht schön, doch konnte er wohl gefallen, besonders jungen Mädchen, die noch kaum einen Begriff von jungen Männern hatten, denn Sophie sowohl, wie Marguerite waren im Kloster groß geworden, immer nur in Frauengesellschaft gekommen, selbst Marguerite bei ihren Eltern. So war Beat denn für sie eine Erscheinung. Seine mittelgroße Gestalt dünkte ihnen herrlich, selbst die etwas geneigte Haltung gefiel ihnen. Er sähe so angenehm schwermüthig aus, meinten sie in ihren ungeprüften Herzen, die noch kein Wort aus dem großen Wörterbuche des Leidens verstanden, denn was war Margueritens Gram? Die flüchtige Trübung eines Frühlingstages. Schwermuth klang den Kindern wie Nachtigallgesang und Mondschein, gedämpft und süß. Beat mußte schwermüthig aussehen; wär' es nicht gewesen, hätte ihm in den Augen der lieben Thörinnen Etwas gefehlt. Aber jetzt war er vollkommen. Seine hohe Stirn, seine gerade, strenge Nase, sein glattes, langes, schwarzes Haar, seine etwas geschlitzten dunklen Augen, Alles entzückte sie, ja, selbst seine etwas spitze Kopfbildung, wie man beobachtet hat, charakteristisch an den Eingebornen seiner Gegend, selbst die sollte vornehm und fein sein. Das flüsterten die Mädchen sich Alles ernstlich und wichtig zu, während Beat sich mit seiner ehrwürdigen Gönnerin und einer ernsten jungen Frau unterhielt, welche die Gattin des Arztes zu Mellingen und dem jungen Künstler, wenn auch nicht immer billigend, doch warm und redlich geneigt war.