Während der junge Mann so der Gegenstand des heimlichen mädchenhaften Beobachtens war, stahl auch sein Blick sich fort von den Frauen, mit denen er redete. Marguerite hatte ihn geblendet. Noch nie hatte er eine lebendige Schönheit so vollendet gesehen. Sie zog den Künstler unwiderstehlich an, sie reizte den Jüngling mit einer neuen heftigen Sehnsucht. Er hätte sie zugleich als Modell und als Geliebte rauben mögen. Madame Linder gewahrte den Eindruck, welchen die schöne Freiburgerin machte, mit Wohlgefallen. Die alte Dame gehörte zu den Hausherrinnen, welche in jedem Gast etwas Auserlesenes einladen wollen. Wie sie vorher die Mädchen auf Beat neugierig gemacht, so rühmte sie jetzt das Fräulein von Gontran als reiches, schönes, vornehmes Mädchen, als das vergötterte Kind anbetender Eltern, als die glänzendste Partie für den Mann, der so glücklich sei, ihre Neigung zu gewinnen. Es hätte nicht so vieler Worte bedurft, wie sie verschwendete, um den ehrgeizigen Beat zu dem brennenden Wunsch zu stacheln, der Glückliche zu werden, welchen sie schon im Voraus pries. Der Schwiegersohn einer begüterten, einflußreichen Familie – welche Zukunft für sein Talent, welcher Horizont von Ruhm und Ehre! Wie an das Gestirn, welches diesen Himmel erleuchten sollte, hefteten des doppelt begehrlichen Künstlers Augen sich an Marguerite. Sie war ganz Natur und Unschuld: ergriffen, verwirrt, selig senkte sie ihre Augen, um nicht zu sehen, wie sie angesehen werde. Sich zu sträuben gegen die neue Wonne, den dreisten jungen Mann auch nur durch scheinbaren Ernst in Schranken zu halten, fiel dem wahrhaften Wesen nicht ein; sie kannte noch keine künstlichen Pflichten. Madame Linder schmunzelte und seufzte in Erinnerung ihrer Jugend, Sophie neckte Marguerite mit Ausgelassenheit, nur die Frau des Arztes sah ernsthaft darein; ihr mißfiel diese Liebelei, obwohl sie weit entfernt war, ihr eine tiefere Bedeutung beizumessen. Eigenthümlich genug war es, daß der Austausch dieses plötzlich entsprudelten Gefühls ganz allein durch Blicke vor sich ging, denn wie Marguerite nicht Deutsch, konnte Beat nicht Französisch. Es erregte diese gegenseitige Unbeholfenheit die Laune der alten Dame und die laute Fröhlichkeit Sophiens. Sie bemühten sich Beide, die Hülflosen durch Dolmetschen in ein Gespräch zu bringen. Es ging nicht; Marguerite war zu verschämt und Beat zu verliebt; er zog es vor, sie nur anzusehen, und sie sprach durch Erröthen und Lächeln wahrlich lieblicher, als durch den etwas großen Mund Sophiens. Als es gegen Abend kam, mußten die jungen Mädchen nach dem Kloster zurückfahren. Freundlich, wenn auch etwas pomphaft und umständlich lud Madame Linder Marguerite ein, ihren Besuch zu wiederholen. Marguerite sah Beat an und versprach, eine helle Freude auf dem schönen Gesichte. Der junge Mann half den Mädchen in den Wagen und drückte dabei Margueriten lebhaft die Hand. Unschuldig erwiederte sie den Druck; ein Bund zwischen ihnen war so gleichsam schon geschlossen.
In das Zimmer zurückgekehrt, ergoß Beat sich in feurigen Lobpreisungen Margueritens und erklärte, daß er ganz und gar verliebt sei. Die alte Dame lachte auch jetzt und ermunterte ihren Günstling zum Beharren und Heirathen, Madame Sinnich aber, so hieß die Frau des Arztes, äußerte sich noch mißvergnügter als vorher. Bodenwieler würde sich da Etwas in den Kopf setzen, was doch immer eine Einbildung bleiben müsse, meinte sie; Madame Linder sollte ihn lieber wegen seines Uebermuthes schmälen, als ihn darin bestärken! Beat, welcher vor der strengen, praktischen Frau eine Art Respect hatte, suchte sie zu beschwichtigen und das Ganze als einen Scherz darzustellen. »Ich will's um Ihretwillen wünschen,« sagte sie, nicht vollkommen überzeugt. Am Abend bei ihrer Zurückkunft erzählte sie ihrem Manne davon. Der nahm es leichter und lachte über die Schilderung, welche sie ihm von Beat's Gehaben machte. »Es ließe sich ein Lied darauf dichten,« sprach er. »Du denkst immer nur an Verse,« sagte die Frau unzufrieden. Der Doctor malte sehr gut Landschaften und dichtete allerliebst im Dialekt; die Frau mochte das nicht, hatte vielleicht auch aus dem Grunde Beat nicht besonders gern, nämlich im Hause, sonst gönnte sie ihm alles Gute.
Beat lief unterdessen in seinen Freistunden wie toll in den schönen Umgebungen von Baden umher. Er war wirklich verliebt, aber freilich nur halb in Marguerite, halb in das reiche Mädchen.
Marguerite dagegen liebte ihn von der ersten Stunde an und liebte nur ihn. Sophie, die heute zum ersten Male etwas eifersüchtig auf Marguerite geworden war, legte umsonst Nachdruck auf seine Armuth, wie er ein aus Barmherzigkeit erzogenes Waisenkind sei, und so fort. Marguerite erwiederte: »Die Waisenkinder sind des lieben Gottes Kinder.« Sie betete am Abend für den armen Beat, der keinen Vater und keine Mutter habe. Es war kein Gebet für eine zukünftige Nonne, aber gewiß eines für den Himmel der Liebe. Marguerite glaubte Reichthum und eine Familie zu besitzen und sehnte sich mit ungeduldiger Zärtlichkeit, dem bedürftigen Beat zu geben, was ihm mangele. »Wann,« dachte sie, »wann werde ich ihn wiedersehen, um ihm zeigen zu können, daß ich ihn liebe?«
Diese Gelegenheit hatte sie bald. Kloster Fahr liegt ganz vereinzelt, nur ein Gasthaus theilt mit ihm die Einsamkeit an der Limmath. Da dieses Haus ein beliebter Vergnügungsort ist, konnte Beat öfter herkommen, ohne anfänglich Aufsehen zu erregen. Die Kostgängerinnen wurden nicht sehr streng gehalten und durften unter der Aufsicht einer Schwester spazieren gehen. Mehrere Tannenwäldchen liegen in der Nähe; Beat konnte sich verbergen, bis der Zug der hübschen Kinder herankam, dann sich wie zufällig zeigen, mit Margueriten einen Blick wechseln. Leider erkannte auch Sophie ihn, und Sophie war neidisch darüber, daß Marguerite von einem Liebhaber verfolgt werden sollte und sie nicht. Die ersten Male schwieg sie noch; sie schämte sich, Marguerite zu verrathen. Aber als Beat sich häufiger sehen ließ, als Marguerite, die sich Sophiens veränderte Gesinnung nicht vorstellen konnte, immer offener und feuriger von ihrem Geliebten sprach, da siegte der Neid, und Sophie machte mehrere ihrer Gefährtinnen darauf aufmerksam, daß Beat, welchen sie bisher für eine Art allgemeinen Anbeter genommen, leicht nur Margueritens wegen auf allen Spaziergängen sich finden lassen dürfte. Mehr bedurfte es nicht, um alle die jungen Augen scharf zu machen, und gewiß, Beat schlich allein wegen Marguerite auf allen Seiten ihnen vor oder nach. Das verdiente Strafe; geschickt, um jeden Anschein der Angeberei zu vermeiden, wurde die Arglosigkeit der Klosterfrauen aufgeweckt. Die guten Seelen – daß in ihrem Kloster eine Liebesgeschichte spielen sollte, war ihnen ganz neu und wie unbegreiflich. Indessen sie überzeugten sich: Beat schlich dem Kloster immer näher; es war ihm sogar gelungen, an der Mühle, welche die Klostereinfriedigung gegen das offene Feld zu abschließt, mit Margueriten eine Zusammenkunft von einigen Augenblicken zu haben. Das junge Paar hatte hierfür blos dem besondern Fatum der Verliebten zu danken, Marguerite war von innen und Beat von außen an die Mühle gekommen – das war Alles, aber im Kloster sah man darin eine geschickt ausgeführte Verabredung und die Gefahr nah und dringend. Man rathschlagte, ob man das junge Mädchen in ein scharfes Verhör nehmen solle, fand es aber dann für besser, ohne sie erst einzuschüchtern, gleich an die Familie zu schreiben und dieser das Weitere zu überlassen. Marguerite wollte man einstweilen nur gut bewachen, und daß dies geschehe, wandte man sich an den frommen Eifer ihrer Gefährtinnen. Die jungen Mädchen waren entzückt, das nunmehr im Auftrage thun zu dürfen, was sie bisher im Geheimen gethan. Sollte man aus dieser Bereitwilligkeit nicht auf wirkliche Gehässigkeit gegen die Fremde und die Schönere schließen? Und doch war es sicher nur jugendliche Eifersucht auf »den Liebhaber«. Hätte man allen den jungen Neiderinnen der Reihe nach den Künstler angeboten, Keiner würde er recht gewesen sein, Keine ihn gewollt haben. Aber Marguerite sollte nicht lieben und nicht geliebt werden.
Das arme Kind, sie fand sich in dem Hause, dessen Sprache sie nicht verstand, welches ihr daher nie heimlich gedünkt, jetzt doppelt unheimlich, doppelt verlassen. Nie mehr ließ man sie allein, nicht nur jeder ihrer Schritte, jede ihrer Mienen wurde belauert. Für das Kloster war es eine Pflicht, Etwas zu verhindern, wovon es mit Gewißheit annehmen konnte, die Familie Margueritens würde es als ein Unheil und eine Schande betrachten. Doch die arme Marguerite, mit dem Kopfe, der nicht rechnete, mit dem Herzen, das zu seinem Beat wollte! Der junge Mann war nicht weniger beunruhigt als seine Geliebte, wenn er auch innerlich minder litt. Während mehr denn acht Tagen war es ihm nicht mehr geglückt, sie auch nur von Weitem zu sehen. Geängstigt und verstört, wollte er sich bei seiner großen Gönnerin Trost erholen, aber die alte Dame empfing ihn sehr schlecht. Sophie hatte ihr etwas übertriebene Mittheilungen gemacht, und sie erklärte dem jungen Armen unumwunden, ein kleiner Spaß habe nichts geschadet, aber im Ernst sei er nicht für Fräulein von Gontran. Noch mehr niedergeschlagen kam er nach Mellingen, aber auch da hörte er nichts Erfreuliches. Der Doctor rieth ihm sehr ernstlich, von einer Thorheit abzustehen, durch welche er sich und das Mädchen unglücklich machen werde, und die Frau wollte es schon unverzeihlich finden, daß er so weit gegangen.
Im Kloster war inzwischen Margueritens Bruder angelangt. Die Schwester empfing ihn nicht ohne Furcht; als sie aber vernahm, er sei gekommen um sie nach Hause zu holen, warf sie sich ihm mit Thränen der Freude um den Hals. Wenn sie nur wieder bei den Eltern war, da wollte sie so bitten, daß Beat in das Haus eingelassen und sie glücklich würde. Daß er ihr folgen würde, bezweifelte sie gar nicht erst: es verstand sich von selbst. Vom Kloster nahm sie einen frohen Abschied, von Sophie einen traurig vorwurfsvollen. Anders die abgefallene Freundin zu strafen, vermochte sie nicht – sie war gar zu weich – ein Herz, recht geschaffen, um gequält und gebrochen zu werden.
Unterwegs fing der Bruder bald an, sie um ihren Beruf für das Klosterleben zu befragen. Zutraulich und offen erklärte sie ihm, sie habe keinen, dagegen eine herzliche Neigung, welcher sie durch eine Ehe Genüge gethan wünsche. Der Bruder gab ihr zu bedenken, daß sie ja im Kloster auch ihrem Vergnügen gemäß leben könne. »Wie oft findet das nicht statt,« setzte er lächelnd hinzu. Die unschuldige Schwester verstand ihn nicht; sie antwortete: »Ich würde nie mein Vergnügen im Kloster haben – im Gegentheil, ich würde schrecklich unglücklich sein – wenn ich nicht gar vor Gram stürbe.« Und zum ersten Male von dem Gedanken erschreckt, ihre Familie könne ihr am Ende eben so feindlich sein, wie man ihrer Meinung nach im Kloster ihr gewesen, fragte sie ängstlich und aufgeregt: »Man will mich doch nicht etwa zwingen – sage mir, könnte die Mutter – Gott, sie war immer so gut gegen mich – könnte die das wollen?«
Der junge Gontran wollte ausweichend antworten, aber sie rief mit einer an ihr ganz ungewohnten Heftigkeit: »Sag' es mir nur gerade heraus – lieben sie Dich mehr, und soll ich aufgeopfert werden, wie es auch einmal einem jungen Mädchen geschehen ist, die in's Kloster mußte, damit der Bruder reicher würde – verlangt man das von mir?« – »Es ist das sehr häufig der Fall,« sagte der Bruder kalt; »junge Mädchen, die ihre Familien lieben, thun freiwillig ein Gelübde, welches die Zersplitterung des Vermögens verhindert.« – »Nie, nie werde ich das thun. Es ist unnatürlich, barbarisch.« – »Wie es Dir gefällt; sag' es, wenn wir ankommen, dem Vater und dem Abbé, und höre, was sie Dir antworten werden.«
Der Abbé Lallemant war der Beichtvater des Hauses und für Marguerite von jeher ein Gegenstand der Furcht gewesen. Er hatte es veranlaßt, daß man sie nach Fahr gebracht, und nun sollte sie gleich bei ihrer Rückkehr ihm, dem Ueberlegenen, Widerstand zu leisten haben, vielleicht ohne auf Hülfe hoffen zu dürfen, selbst von ihrer Mutter. Die arme Marguerite fror in der Seele; ihr war es, als sitze ihr Feind und nicht ihr Bruder neben ihr. Doch gab sie darum weder ihren Willen auf, noch ihre Liebe verloren; ihr war nur bange vor der Heimkunft, auf die sie sich so gefreut, vor dem Elternhause, wo man sie nicht mehr wollte, vor dem Streit, den sie erwartete. Der junge Gontran saß still und mürrisch und ließ die Schwester sich quälen, so viel sie mochte. Sie quälte sich sehr, aber sie faßte sich auch; »Gott wird mich nicht verlassen,« dachte sie, »es ist für ihn.«