Gegen Abend kamen sie in Solothurn an und fuhren bei dem Kloster der Visitantinerinnen vor. Es fiel das dem jungen Mädchen nicht auf; sie hatte bei der Hinreise auch hier geschlafen; die Aebtissin war eine Bekannte ihrer Mutter. Der Bruder nahm flüchtig Abschied von ihr und sagte ihr, sie möge sich morgen bei Zeiten fertig halten, er werde sie so früh wie möglich abholen.

Marguerite schlief nicht viel und war mit dem Tage bereit. Aber der Morgen verstrich, und der Bruder kam nicht. Das junge Mädchen ward unruhig, ohne jedoch Argwohn zu schöpfen. Der Bruder konnte verhindert sein. Als er indessen um Mittag noch nicht da war, wollte sie eben bitten, man möge nach ihm schicken, da ward sie zur Aebtissin gerufen, die sie am vorigen Abend nicht gesehen. Die würdige Frau empfing das Mädchen mit mütterlicher Zärtlichkeit. »Du gehörst uns an, meine Tochter,« sagte sie; »Dein Bruder hat mir heute Morgen den Wunsch Deines frommen Herzens eröffnet – gern nehme ich Dich auf.« Marguerite, starr, antwortete nicht gleich; sie überlegte im Stillen, ob solch ein Verrath von einem Bruder möglich sei. Endlich fragte sie: »Und hat mein Bruder gesagt, ich wolle in das Kloster?« – »Nichts anders,« erwiederte die Aebtissin. – »O, dann vergebe ihm Gott!« rief Marguerite schmerzlich. »Er hat gelogen, mich und Sie belogen, uns Beide gleich. Ich erwartete ihn heute, damit er mich nach Hause bringe, und statt dessen – o, Gott erbarme sich meiner, denn von meinen Nächsten bin ich verrathen!«

Eine Schlechtigkeit ahnend, tröstete die Aebtissin mit milden Worten das weinende Mädchen. Auf die wiederholte feierliche Versicherung, nie solle sie mit Gewalt hier zurückgehalten werden, eröffnete Marguerite der würdigen Frau voll reinen Zutrauens alles Geschehene. Die Aebtissin lächelte bei den naiven Bekenntnissen der kleinen verliebten Unschuld, sie runzelte die Stirn, als sie von den Vorstellungen des jungen Gontran vernahm. Als Marguerite geendet hatte und mit der Furcht einer Taube zu ihr aufschaute, sagte sie beruhigend: »Mache Dir keine Sorge, mein Kind, Du sollst nicht hierbleiben müssen; noch heute schreibe ich an Deine Mutter, und wenn ich Dir auch nicht versprechen kann, es soll gleich Alles nach Deinen Wünschen gehen, so will ich Dir doch keineswegs die Hoffnung für später untersagen. Gott hilft seinen Kindern und will keine erzwungene Opfer.«

Marguerite hoffte. Die Aebtissin schrieb. Keine Antwort kam. Sie schrieb wieder. Jetzt erfolgte ein Brief, bedrohend für die ungehorsame Tochter. Die Mutter hatte vergessen, daß auch sie jung gewesen und geliebt. Diese Vergessenheit der Eltern ist ein Fluch für die Jugend der Kinder, und – wie häufig! Marguerite auch sollte darunter zu Grunde gehen. Was ihre Mutter nicht länger war, das ward die Aebtissin. Wieder und wieder schrieb die edle Frau, abmahnend, bittend, dringend. Bis ihr das schwere Werk gelungen sein würde, unnatürliche Eltern wieder zur Natur zurückzuführen, behandelte sie Marguerite ganz wie ihre Kostgängerin, ließ sie an allem Unterricht Theil nehmen und gönnte ihr zugleich die größte Freiheit. Die Gontrans waren mit mehreren Familien in Solothurn bekannt; zu denen durfte Marguerite ungehindert, so lange sie freundlich empfangen wurde. Das hörte indessen bald auf; man fürchtete, mit den Eltern in Unannehmlichkeiten zu gerathen, wenn man die Tochter, welche sich auflehnte, zu begünstigen schiene. Marguerite lernte gleich in dem ersten Kampfe mit dem Leben die Menschen recht verschieden kennen – die Mehrzahl so feig in der Theilnahme, nur einige Wenige voll Muth zur Güte. Von diesen war die Erste die Aebtissin, dann bezeigte der Arzt des Klosters sich unverändert herzlich gegen das junge Mädchen, und je auffallender andere Familien Marguerite abwehrten, je häufiger kamen die Einladungen von ihm. Eines Tages schickte er schon früh und ließ bitten, Marguerite möchte zu Mittag kommen dürfen. Die Aebtissin erlaubte es; Marguerite trat um zwölf Uhr in das Wohnzimmer ihrer neuen, aber aufrichtigen Freunde. Ein Schrei entfuhr ihr – Beat stand da, breitete ihr die Arme entgegen. Trunken von der plötzlichen Lust warf sie sich hinein: es war die erste Umarmung, der erste Kuß. Als Marguerite wieder denken konnte, wußte sie nicht, wo anfangen mit Fragen – wem verdankte sie dieses Heil, wie kam Beat hierher, wie hatte er erfahren, was mit ihr vorgegangen? Beat konnte Alles leicht erklären; Solothurn war nicht so weit von Baden, daß ein solcher Vorfall wie Margueritens Verlassenwerden nicht hätte hindringen sollen. Beat vernahm es kaum, als er sein Atelier in Baden aufhob, seine Geschäfte möglichst in Ordnung brachte und nach Solothurn kam, wo er in dem Arzt des Klosters einen Jugendfreund hatte. Er hoffte durch des Freundes Vermittelung wenigstens Nachrichten von Marguerite zu erhalten; der Freund, aufgebracht über das Verfahren der Familie Gontran, versprach ihm noch mehr – eine ungestörte Zusammenkunft. Die hatten sie jetzt, und Beat trug Sorge, daß die kostbaren Stunden nicht blos in Liebeständeleien verschwendet wurden. Mit Hülfe des Arztes, welcher den Dolmetscher spielte, vereinigten die Liebenden sich dahin, daß Beat an Margueritens Vater schreiben und förmlich um ihre Hand anhalten sollte. Die Aebtissin, zu welcher Marguerite voll Hoffnung und Freude zurückeilte, billigte diesen Entschluß vollkommen; der Arzt schrieb den Brief und Beat unterzeichnete ihn. Marguerite versuchte ihrerseits noch einmal, sich mit kindlichem Vertrauen an die Brust der Mutter zu werfen. »Verlange nicht, daß ich der Liebe und dem Glücke entsage,« flehte sie, »denke, meine Mutter, wie es Dir gewesen sein würde, hättest Du in ein Kloster gesollt, während Du jung warest und leben wolltest.« Der ganze Brief war so voll einfältig bittender Hülflosigkeit, welche das Mutterherz anrief als ein göttlich liebendes. Aber keine Antwort kam, nicht von Herrn von Gontran an Beat, nicht von der Mutter an ihr Kind. Auf die Ermunterung des Freundes schrieb Beat nochmals – Marguerite, niedergeschlagen, wagte es nicht mehr, aber die Aebtissin that es an ihrer Statt. Jetzt erfolgte von Freiburg ein Schreiben, des Inhalts, Marguerite sei frei, die beabsichtigte Mißheirath zu thun, habe aber dann von den Eltern Nichts mehr zu erwarten als Vergessenheit. Mit diesem Segen wurden die Liebenden in der Kirche des Klosters getraut, nachdem die Aebtissin noch einmal dem jungen Mädchen eindringlich vorgestellt, was sie mit einer solchen Ehe wage. Leicht Mangel, gewiß Sorgen, wer wußte, ob nicht Reue. Marguerite liebte Beat, das war ihre ganze Antwort – sie wurde getraut, unter Fremden, verstoßen von den Ihrigen. Sie weinte, denn sie fühlte die Verstoßung, aber in ihren Thränen war sie noch glücklich.

Beat – ein reiches Mädchen hatte er gewollt und ein armes genommen. Es war eine herbe Täuschung, doch seine Jugend und seine Gutmüthigkeit, welche durch Margueritens Schönheit und Liebe gereizt und gefesselt wurden, halfen ihm darüber hinweg. Auch hegte er wohl noch Hoffnung auf ein einstiges Nachgeben der Eltern. Wenn einmal geschehen war, was ihnen mißfiel, wenn Marguerite wirklich des Beistandes bedurfte, vielleicht für ein Kind neu bitten konnte – »der Zorn währt nicht ewig,« dachte Beat. Einstweilen verlangte er, was Margueriten rechtmäßig gehörte – bedeutende Pathengeschenke, die ihr von Zeit zu Zeit gemacht worden, eine kleine Erbschaft, welche ihr übergeben werden sollte, sobald sie mündig würde oder heirathete. Die Familie Gontran verharrte in ihrem einmal angenommenen System – sie schwieg. Marguerite erhielt Nichts, und Beat, der in Solothurn keine Arbeit finden konnte, sah sich genöthigt, mit seiner jungen Frau nach Einsiedeln zu seinem Oheim zu reisen und dessen Obdach in Anspruch zu nehmen.

Auf dem Wege dahin besuchte er den Doctor Sinnich in Mellingen. Der Doctor schildert das Pärchen als rührend komisch. Marguerite hatte endlich einige Bröckchen von der barbarischen Muttersprache ihres Geliebten erlernt, doch ging die Unterhaltung noch immer kläglich genug von Statten. Beat begnügte sich damit, seiner schönen jungen Frau von Zeit zu Zeit seine Dose anzubieten; sie streichelte ihm mit beiden Händen die Wangen und sagte ihm dabei zärtlich: »O mys lieb Beat!«

Bitter ist das Brod der Abhängigkeit – Marguerite sollte das erfahren! Obgleich gute und brave Leute, waren doch Beats Oheim und Tante allzu unzufrieden mit der thörichten Heirath ihres Neffen, um ihren Aerger nicht ohne Schonung auszulassen. Beat kam dabei gut genug weg, sie liebten ihn wie ihr eigenes Kind; die Vorwürfe, welche er erhielt, wurden durch Liebkosungen gemildert und vergütet. Aber Marguerite, das unwillkommene, überflüssige, zartgewöhnte Mädchen, denn sie war noch immer wie ein junges Mädchen, so kindlich, so fremd in der Welt, man wußte Nichts mit ihr anzufangen, man konnte sie zu Nichts gebrauchen – das Fräulein wurde sie spottweise genannt. Ihre Geburt ward ihr hier zum Vorwurf, der Reichthum, mit welchem sie Beat verlockt haben sollte, nun sie ihn nicht geben konnte, ihr zum Verbrechen gemacht. Wenn sie sich anbot, im Hause nach ihren Kräften zu helfen, wies man sie als nutzlos zurück, und verlangte doch gleich darauf mehr, als sie mit der größten Anstrengung leisten konnte. Jeder Antheil an der täglichen Speise wurde ihr vorgerechnet – was that sie, um ihn zu verdienen? Wenn sie manchmal mit überströmenden Thränen flehte, sie doch nicht so schlecht zu behandeln, fragte man sie, ob sie etwa fort wolle – die Thür stehe offen. Wohin hätte sie gehen sollen? Auch dachte sie nicht daran – Beat war da. Beat war da, warum nahm er denn Marguerite nicht an seine Brust, sie zu schützen vor dem Weh, das man ihr anthat? In seiner Gegenwart ließ man sie unangefochten, und klagen wollte sie nicht, ihn nicht in Unfrieden mit seinen Verwandten verwickeln, denen er Dank schuldete. Marguerite schleppte sich also hin in jammervoller Dienstbarkeit, in hoffnungsloser Ermüdung. Dazu war die Luft von Einsiedeln für ihre feine Organisation zu rauh. Und dann, welch' ein Wohnort für ein junges, lebendurstiges und ach, so schwer gedrücktes Geschöpf! Dieses weite, leere Hochthal, diese wilden Alpen, welche über die Tannenberge hereinsehen, dieser Sand, diese einförmigen Matten, diese Kahlheit, und mitten darin das baumlose, gleichsam verlorene Städtchen und das riesige Kloster mit den beiden grauen Thürmen, so großartig, aber auch so finster! Einsiedeln muß man besucht haben, aber um dort wohnen zu können, muß man stärker und gewiß glücklicher sein, als Marguerite es war. Sie verging hier vor Bangigkeit. Gewohnt wie sie des reichen, schönen Freiburgs war, hatte ihr schon Fahr eine Art Wüste geschienen, und nun gar Einsiedeln! Besonders der Winter war furchtbar für sie. Diese Gegend, schon im Grün des Sommers so düster und eintönig – was ward sie erst unter den Schneelasten, welche sich mit den ersten dunkeln Tagen auf sie legten. Wie einsam war es, wie melancholisch tönten die Glocken des Klosters! Und Marguerite, eingeschlossen in die niedrigen Stuben, die man hier überall findet, mit Balkendecken, welche wie vorzeitige Sargdeckel auf dem täglichen Leben liegen. Wer unter solchen Decken geboren, gewiegt und großgezogen ward, der mag sich unter ihnen wohl fühlen, aber wer gewöhnt gewesen ist, Raum über seinem Haupte zu sehen, der erstickt unter ihrer Pressung. Marguerite träumte manchmal, sie sei schon begraben, und zwar unter der Decke ihres bangen, luftlosen Stübchens. Ich habe das Haus gesehen, wo die jungen Leute beinah zwei Jahre gewohnt haben; es liegt an dem Platze des Klosters, doch in einiger Entfernung von diesem, ist groß, ganz von Holz, ganz schwarz angestrichen, hat eine Unzahl kleiner Fenster, und heißt »Zur heiligen Katharine«. Die Braut des Heilandkindes konnte ihren Namen keinem unheimlicheren Gebäude leihen. Als ich es sah, blühten auf allen Fenstern Blumen, besonders eine Menge rother Pelargonien, aber trotz dieses Schmuckes und trotz des Glanzes seiner Schwärze schauerte mich vor ihm noch mehr als vor ganz Einsiedeln.

Der späte Frühling erlöste Marguerite von einiger ihrer Qual; sie konnte aus, sah die Pilger ankommen und Bewegung in die heilige Oede bringen, fand in den Tannenwäldern Blumen, wurde dann und wann freundlich gegrüßt. Man hatte sie im Orte liebgewonnen, ohne daß sie es gewußt; es zeigte sich jetzt, und sie fühlte sich etwas gelindert. Freilich war dieser Trost für sie bald verloren, denn Beat beschloß, den Sommer zu Reisen anzuwenden. Er wollte verdienen, was er hier nicht konnte; er wollte dahin, wo er noch nicht gearbeitet hatte; vielleicht, so redete er Margueriten zu, würde er so viel zurückbringen, daß sie den nächsten Winter in eine Stadt ziehen könnten; aber um das Möglichste zu erwerben, mußte er möglichst sparen, und Marguerite durfte daher nicht mit. Marguerite weinte und gehorchte. Sonderbar genug wurden Oheim und Tante, seit Beat fort war, milder gegen sie. Vielleicht hatte ihre immer gleiche Sanftmuth sie entwaffnet – genug, sie begegneten ihr mit mehr Barmherzigkeit. Marguerite, noch ganz elastisch, bedurfte nur geringer Aufmunterung, um wieder Zutrauen zu fassen. Sie wurde so heiter, wie sie ohne Beat werden konnte.

Aber ihre Gesundheit war durch den Winter und die viele Trauer, welche sie lautlos geduldet, unterwühlt worden. Ein Husten zeigte sich, den die scharfen und häufigen Luftabwechselungen dieser hohen Lage unterhielten. Der Oheim wandte umsonst sein Wissen an, Marguerite welkte, mit Geduld, wie sie sich bisher gebeugt, langsam, unaufhaltbar. Beat fand sie bei seiner Rückkehr erschreckend verändert. Hätte er genug Geld gebracht, um sie gleich in eine andere Luft, in eine andere Umgebung führen zu können, vielleicht daß Genesung noch möglich war. Aber sein Verdienst war gering gewesen, wie es immer ist, wenn die Noth drängt. Wenn immer Arbeit sich finden ließe, wer würde da zu Grunde gehen? Einer unter Hunderten vielleicht. Der Trieb zur Selbsterhaltung ist mächtig, nur – muß man sich erhalten können, und die Thüren schließen sich nie fester, als vor dem Bedürfniß. Beat kam mit dieser trostlosen Erfahrung zurück. Leichtsinnig, wie er im Grunde war, verzweifelte er noch nicht. Im nächsten Jahre würde es besser gehen, ermunterte er Marguerite, im nächsten Jahre wolle er sie nach Baden bringen, da solle sie gesund werden. Marguerite horchte seinen Verheißungen wie ein gläubiges Kind und wurde dabei kränker und kränker. Der zweite Winter kam über sie, noch härter und rauher als der erste. Umsonst beeiferten sich jetzt Oheim und Tante, sie zu pflegen, umsonst war Beat herzlich gut – der Husten wich nicht, sondern ward hohler – und sie immer bleicher. Der Gönner Beat's, der Doctor aus Zürich, kam einige Male die arme Kranke besuchen; sie nahm, was er ihr gab, mit ihrer gewohnten frommen Unterwürfigkeit, tröstete Beat, hoffte zuversichtlich und – ward bleicher und kränker. Beat machte sich eines Tages zu Fuß nach Mellingen auf, überbrachte dem Doctor Sinnich eine Beschreibung von ihrem Zustande und bat ihn um Hülfe. Doctor Sinnich sah bedenklich aus, versprach aber, sich mit Beat's Oheim in Briefwechsel zu setzen und so zu thun, was er vermöge.

Einige Wochen später, es war Anfang Mai, seine Frau in Luzern bei ihren Eltern, er am Schreibtische, an einem Abend um die Dämmerstunde also hielt ein Bauernwagen vor seinem Hause, welches er sich außerhalb der Stadt gebaut hatte. »Ein Kranker,« dachte er, als er, an das Fenster getreten, den Wagen mit Betten belegt sah. Da ging hinter ihm die Thür; »Doctor,« sagte eine bekannte Stimme, Sinnich wandte sich um, es war Beat, der blaß vor ihm stand und ohne Umschweife sprach: »Doctor, da bringe ich Ihnen meine Frau.«