Konnte Marguerite denn getröstet werden außer von Oben? Sie liebte, sie lebte trotz aller Leiden mit Lust, und sie mußte sterben. Es ist dieses das Loos von Tausenden unter uns, aber wir wollen auch nicht fragen, wie schwer wir es finden. Marguerite blieb wenigstens heiter in der Geduld; sie beklagte sich nicht und klagte nicht an; sie hatte ihr kärgliches und bitteres Leben genommen, wie Gott es gegeben hatte, ohne zu grübeln, ohne zu zweifeln, mit Dank für die wenigen Blumen im stechenden Kranze. »Mys lieb Beat, nicht mit einem König tauschen,« war und blieb ihre Rede, selbst in den letzten, schrecklichsten Tagen.
Beat weinte an ihrem Bette, wie jeder nur einigermaßen fühlende Mensch bei dem Anblick solcher Leiden und besonders eines schweren Sterbens weint. Aber er weinte nicht um sie, nicht um sein Weib, nicht wegen der bevorstehenden Trennung. Marguerite war für ihn längst Nichts weiter mehr als eine Last. Er hatte sie mit Gutmüthigkeit getragen, aber je näher der Augenblick kam, wo er sie in ein Grab niederlegen dürfen sollte, je mehr athmete er auf. Jenseits dieses Grabes lag für ihn eigentlich erst das Leben. Marguerite hatte einen andern Willen. »Höre, mys Beat,« sagte sie mehrmals mit einer eigenen Eindringlichkeit, »Du mir ja nicht wieder heirathen. Ich Dich will gehabt haben allein hier unten und dort oben. Wenn Du nehmen willst andere Frau, ich kommen und machen so.« Und sie machte mit ihren abgezehrten Händen an seinem Halse die Geberde des Erwürgens.
Beat versprach ihr Alles. Sie sah ihn dann durchdringend an, halb forschend, halb drohend. Noch in ihrer letzten Minute hatte sie diesen Blick. Beat drückte ihr die Augen zu; nun konnte sie ihn nicht mehr ermahnen. Marguerite war gestorben, ohne geliebt worden, ohne glücklich gewesen zu sein, ohne glücklich gemacht zu haben. Von dem ganzen Reichthum des Lebens hatte sie nur drei Empfindungen gekannt: Hoffen, Lieben und Leiden.
Beat wartete kaum die nöthigste Frist ab, welche der Anstand vorschreibt, um sich nach einer neuen Frau umzusehen. Ja, Marguerite war für ihn nur noch seine erste Frau, und was noch mehr, die verdrießlichste Täuschung. Jetzt wollte er nicht wieder getäuscht werden – er spähete vor Allem nach einem hübschen Vermögen. Die Erbinnen eines solchen zeigten sich indessen sämmtlich ungeneigt, Beat auf die Art zu beglücken, welche er für die einzig wahre hielt.
Inzwischen war er mit einem bedeutend bessern Gehalt als Zeichenlehrer nach Baden berufen worden, kurze Zeit nachdem Doctor Sinnich dort Badearzt geworden war. Und kaum sah er diesen so eifrig verfolgten Wunsch erfüllt, so schien auch der zweite in Erfüllung gehen zu sollen. Er lernte die Schwester eines Regierungsrathes aus St. Gallen kennen, ein nicht mehr ganz junges, aber dabei hübsches, und was noch besser war, sehr reiches Mädchen. Wie Beat es angefangen, weiß man nicht, vermuthlich wie alle Bewerber, denen es glückt – genug, er gefiel dem Mädchen. Ihrer Familie nicht; indessen da das Mädchen mündig war, hatte das wenig auf sich. Als sie nach St. Gallen zurückkehrte, wurde ein Briefwechsel verabredet, und sie schied von ihm mit der festen Zusicherung, entweder ihre Familie zur Einwilligung zu bewegen, oder weiter Nichts nach dieser Einwilligung zu fragen.
Als Beat seine neuen Aussichten Doctors mittheilte, sagte Madame Sinnich halb scherzend, halb ernsthaft: »Bodenwieler, denken Sie an »Mys Beat, ich komme,« und sie machte die Geberde, welche die Sterbende gemacht.
Beat lachte; für ihn war Marguerite so gut wie vergessen. Selbst mit ihrem Denkmal blieb es beim Entwurf, obwohl ihm jetzt die Mittel zur Ausführung nicht mangelten.
Es war, als regne es auf einmal Manna für ihn. Was er sich auch immer gewünscht, einmal eine größere Arbeit in Marmor ausführen zu können, das sollte ihm jetzt ebenfalls werden. Ein reicher Mann bestellte bei ihm die Statue von Julia Alpinula, dieser jungen Priesterin, welche aus Gram darüber starb, daß sie von den Römern das Leben ihres Vaters nicht hatte erbitten können. Beat hatte sich bereits eine Probe von dem Marmor kommen lassen, aus welchem er sein erstes großes Werk zu schaffen gedachte. Der reine, weiße Stein war angelangt, stand vor ihm; von ungewöhnlichem Feuer belebt, entwarf er eine vortreffliche Zeichnung zu seiner Statue. Ermuthigt durch den Erfolg, und sich im Triumphzuge dem Glücke nähernd, schrieb er seiner Geliebten und forderte zärtlich und dringend, sie möge jetzt alle Bedenklichkeiten überwinden und ihm endlich das bestimmte Wort geben. Als er den Brief auf die Post getragen, ging er zu Sinnich's, denen gegenüber er wohnte, erzählte ihnen, was er geschrieben, und zeigte die Skizze. »Ich bin der glücklichste Mensch,« rief er, »denn von St. Gallen kann mir die günstigste Antwort nicht fehlen.« Der Doctor freute sich an der Skizze, seine Frau aber sagte dieses Mal strafend: »Bodenwieler, und das Denkmal Ihrer Frau ist auch noch nicht weiter als auf so einem Blatte. Bedenken Sie, was Sie thun; sühnen Sie, ehe Sie sich verheirathen, ihre Frau durch einen wirklichen Beweis Ihres Andenkens.« – »Ich will's thun, sobald ich verheirathet bin,« erwiederte Beat, »wahrlich, es ist meine ernstliche Absicht.« Sie sah nachdenkend und unzufrieden vor sich hin; Beat ging. »Was fällt Dir denn ein,« fragte der Doctor, »daß Du den Bodenwieler bange machen willst? Du, die sonst so sehr gegen alle Phantasterie eifert?« Sie antwortete: »Rede, was Du willst – mir ahnt nichts Gutes.«
Es war Sonntag; Beat hatte trotzdem eine Stunde in seiner Schule zu geben. Er kehrte in seine Wohnung zurück, um sich Bleistifte und dergleichen zu nehmen. Während er damit beschäftigt ist, fällt von seinem entfernt stehenden Secretair die Brustbüste Margueritens herab, und wenige Augenblicke nachher von der Wand gegenüber sein eigenes Portrait in Alabaster. Beide Gegenstände waren nicht angerührt worden, von Außen war keine Erschütterung gekommen. Beat, etwas blaß und betroffen, läuft im Vorbeigehen noch einmal zu Sinnich's hinauf, findet aber nur die Frau, erzählt ihr eilig, was vorgegangen, und setzt nachdrücklich, aber doch noch halb lachend hinzu: »Ich verspreche Ihnen, ich mache das Denkmal, sobald ich verheirathet bin.« Damit geht er fort und in seine Schule, welche er in dem alten Schlosse jenseits der Brücke hielt. Die Doctorin bleibt mit einer entschiedenen Angst bis zum Abend allein; da kommt ihr Mann und sagt: »Der Bodenwieler ist in der Schule auf einmal so krank geworden – ich muß doch hinüber, sehen, was er macht.« Er geht, kommt nach einer halben Stunde wieder: »Der hat die Darmentzündung, und ist, irre ich nicht sehr, unrettbar verloren.« – »Da siehst Du's, – Marguerite,« sagte die Doctorin blaß und leise.
Der Doctor hat mir sein Wort darauf gegeben, daß Beat am dritten Tage seiner Krankheit in derselben Stunde gestorben ist, wo das Jawort seiner neuen Braut aus St. Gallen eintraf. Erkläre man es, wie man es wolle, mit dem alten Spruche Shakespeare's oder mit dem bequemen Worte: »Zufall, nichts als Zufall.« Ich habe gethan, was ich mir vorgenommen, diese Geschichte erzählt. Eine Erklärung am Ende versprach ich nicht.