Beat und Marguerite sind wenigstens auf Erden getrennt – er liegt in Baden, und der kleine Marmor, den er als Probe kommen ließ, bildet seinen Leichenstein. Sein Grab besuchte ich nicht, wohl aber den neuen Kirchhof von Mellingen, wo das unbezeichnete Grab Margueritens ist. Es war an einem sonnigen Tage zu Ende August, die Aepfel waren fast reif, die Wiesen voll Herbstzeitlosen, im Städtchen brechte man Flachs, hackte Holz und schaffte Kartoffeln ein. Der Kirchhof lag ein Stückchen davon, an dem Scheidepunkte der beiden Straßen nach Luzern und Aarau. Pappeln umgeben ihn, eine Kapelle zeigt sich weiß, mit offener Säulenhalle. Ich hätte für Marguerite einen andern Grabort gewählt, mit mehr Schatten und mehr Ruhe, nicht so an der Landstraße, nicht so zwischen Aeckern. Doch wo wir ruhen, ruhen wir im Herrn, wenn wir geliebt wie Marguerite.
Die Urschweiz.
Der Vierwaldstätter See ist das heilige Wasser der Schweiz, nicht der gemachten von Achtzehnhundertfunfzehn, sondern der alten, wirklichen, lebendigen Schweiz. In silberner Drachengestalt liegt er, eingesenkt zwischen die Mythen von Schwyz, die Gletscher von Uri, die Hörner der beiden Walden, und um ihn herum liegen alle ersten Erinnerungen der Schweizer: Brunnen, Rüttli, Altorf, Zwinguri, Küßnacht. Und hier, wo diese Erinnerungen Grund und Boden haben, haben sie auch Poesie. Die Tellsage, welche mir in der französischen Schweiz so unsäglich widerwärtig geworden, wurde mir hier wieder lieb. Tell's steife Bildsäule auf dem Markte zu Altorf, der bemalte Thurm, welcher an dem Platze der Linde steht, unter die sein Knabe sich hinstellen mußte, Bürglen, sein umbüschtes Dorf, der Schächenbach, worin er ein heimathlich Grab gefunden, seine Platte mit ihrer kleinen Kapelle, Alles heischte und erhielt meine Aufmerksamkeit. Die Platte ist nicht ganz so hoch und gefährlich, wie man sie immer gemalt sieht, springt auch nicht von starren Felsen hervor, sondern ruht an einer lieblichen, obwohl steilen Mattenhöhe – nun was thut's? – der Sprung war immer ein guter und ein natürlicher dazu; denn wer wird sich selbst in's Gefängniß fahren, wenn er es anders machen kann? Gewiß wenigstens nicht ein Gemsenjäger, dem die Gefangenschaft wo möglich noch grauenhafter sein muß als einem civilisirten Menschen. Auch daß Tell den Herrn, welchen er so zu fürchten hatte, mit Bedacht und Schlauheit todtschoß, war natürlich – seine Landsleute würden heute noch dasselbe thun, wenn es sie drängte und sie könnten. Der ganze Tell ist natürlich, nur der Mann eines rücksichtslosen Naturvolkes und nicht das Ideal eines modernen Republikaners. Er hat die Republik nicht gekannt, sondern seinen Feind aus dem Hinterhalt getroffen wie eine Gemse, ohne allen innerlichen Kampf, ohne jede andere Ungewißheit als die über die Sicherheit seines Schusses. Wenn Goethe doch hier nicht Schillern gewichen wäre! Wir hätten dann einen wahren Tell.
Doch nicht allein durch die Sage, durch seine Natur fesselt der See der Urkantone. Wenn der Genfer aristokratisch und stereotyp, der Neufchateller alltäglich malerisch, der Bieler von romantischer Einsamkeit, der Zuger mit Grazie eingefaßt, der Zürcher überall lachend, der kleine Lowerger rührend-traurig, der Thuner, aus der Höhe gesehen, ein stilles Auge der Alpen ist, so ist der Vierwaldstätter von einer wundersam phantastischen Melancholie. Ich habe diesen Eindruck tief in mich aufgenommen, während wir zu allen Stunden und bei allen Beleuchtungen über den See hin und her schifften. Wir wollten diesen kennen, auswendig lernen, seine Buchten, seine Alpen, seine Vorgebirge und Bergzungen. Die längste von diesen, der Bürgen, erinnerte mich augenblicklich an einen Schnabel des Bucintoro. Wie schön am Abend die blaue Bergumgebung von Fluelen, gegenüber der einströmenden Reuß! Wie einfach und doch wie bedeutungsvoll die kleine Kapelle von Kindleinsmord, auf dem Hüglein zwischen jungen Tannen! Ich sah den Vater, wie er sein Söhnchen, das um Brod bittet, mit dem Kopfe an den Stein schlägt. Was die Schrift als Unmöglichkeit annimmt, hier ist's geschehen. Dann der Pilat, als Berg was der See als See ist, ja, recht eigentlich der Berg des Sees, ganz so zackig, so phantastisch, so drachenhaft, wie dieser. Luzern dürfte gar nicht am Vierwaldstätter See liegen, wenn es nicht den Pilat hätte, diesen Nebelkönig mit seinem Hofstaat von Teufelchen. Ich erkannte den Pilat augenblicklich, ohne daß man ihn mir genannt, so deutlich und wahrhaftig hatte ich mir ihn vorgestellt. Und ich wollte durchaus hinauf, aber sie versicherten mir Alle, für Frauen sei es völlig unmöglich, höchstens junge Herren gelangten hinauf, und auch die nur unter Angst und Gefahren; man müßte die Nacht im Freien zubringen, auf Baumstämmen über Abgrundsspalten hinweg – ich hatte bei dem Nebelritt von der Rigi herab meinen Muth messen können – es war ein kleines, sehr kleines Endchen Muth, und ich blickte den Pilat, den einzigen Berg in der Schweiz, auf den ich mich wirklich hinaufgewünscht, traurig an und fuhr nach Fluelen.
Von hier aus entschieden wir uns für den Weg nach der Teufelsbrücke. Wie der Pilat der Berg, so ist der Gotthardspaß die rechte Straße von und nach dem Vierwaldstätter See und von den großen Verbindungswegen, welche die Ströme den Menschen durch die Gebirge gebahnt, gewiß einer der fahrwürdigsten. Goethe war ihn hinangewandert – wir halten diese Erinnerung gebührend an Ort und Stelle. Desgleichen vergegenwärtige ich mir mit Vergnügen die wilden tyrolischen Längenthäler und ebenso mit einem Lächeln den Brenner, der gegen diesen energischen Durchbruch der Alpen sich ausnimmt wie ein Blumenpfad neben einem Klippensteige. Wie es im Frühling hier sein möge, war auch leicht sich auszumalen – die Lawinenbetten, die jetzt versiegten Bäche, die weißen Wasserfälle, wir durften sie uns nur gefüllt, geschwellt und überbrausend denken, und wir hatten den Frühling im Reußthale. Etwas fiel mir noch fortwährend ein – der Franzose, welcher in Töpfer's Schilderung vom großen Bernhard durchaus auf die Lawine gefallen sein will und die höfliche Einwendung: »Aber, mein Herr, gewöhnlich fällt die Lawine auf Sie,« gar nicht beachtet. Hier würde die Lawine unfehlbar auf ihn gefallen sein und er mit ihr unfehlbar in die Reuß. Wenn schon im ganzen Thale die Blöcke wie ein Hagelschlag lagen, wilder noch ward's im Schöllenenthal, von Göschenen hinauf zur Teufelsbrücke. Rechts erschien in einiger Entfernung die prächtige Gruppe der Göschenen Gletscher und links bog die Schlange der Straße zwischen die starren, aufrechtstehenden Felsenhöhen hinein. Ein kleiner Bube, begleitet von einem gleich kleinen schwarzen Pudelchen, bot uns hier Krystalle vom Gotthard an, Rachtepasse, wie der Rauchtopas in der hiesigen Sprache heißt. Die Gemsenjäger bringen diese und andere Krystallisationen aus den verborgenen Grotten mit herab und verkaufen sie an Knaben, denen sie die Namen davon lehren. Die Knaben ihrerseits verhandeln sie an die Fremden – wir hatten in Amsteg welche ausgewählt, mochten jedoch den Kleinen nicht abweisen und nahmen seine beiden Stückchen für anderthalb Batzen. Die Münze war ihm fremd; gravitätisch ging er zum Kutscher und erkundigte sich, wie viel es wäre. Der sagt' es ihm. »Einen und einen halben Batzen?« fragte er, »dann dank' ich schön.« Wir kamen bald darauf langsam genug im feuchtkalten Nebelsturme an die Teufelsbrücke. Sie überraschte uns nicht – die vielen Brücken vorher hatten uns vorbereitet, aber sie befriedigte. Die alte verlassene unter ihr würde den Blick anziehen, ginge nicht schon viel früher eine über den grünweißen Strom, die auch verlassen, grün bewachsen und mit abgebrochenen Brüstungen daliegt und dabei viel besser gesehen werden kann. Von Regenbogen auf dem Sturz war weder an diesem, noch am folgenden Tage die Rede, obgleich wir in schöner, heißer Sonne nach Fluelen zurückfuhren. Denn wir fuhren zurück – wir machten es Goethe nach, doch nicht um es ihm nachzumachen, sondern weil wir nicht anders konnten. Schnee war in der Nacht von Neuem gefallen, sowohl die Furca, wie der Paß nach Bündten schwierig zu unternehmen geworden, und das Thermometer zeigte im Zimmer nur sieben Grad. Wir schwankten ein wenig zwischen Links und Rechts, zwischen den Rheinquellen und den Rhonegletschern, dann sagte ich gefaßt: wir wollen zurück. Goethen ward es schwer, von hieraus nicht nach Italien hinabzueilen, sondern freiwillig umzukehren. Hätten wir Italien nicht verwüstet, verstört, für eine Zeit verwandelt gewußt, es wäre uns ebenfalls nicht leicht gewesen; vielleicht war es uns auch nicht leicht, aber wir fuhren mit würdiger Ruhe nach Fluelen zurück.
Am späten Abend, als wir zum letzten Male auf dem scheinend blauen See schwankten und die halbumwölkten Berge uns einen feinen Nebelregen in das Gesicht sprühten, da ergriff uns wehmüthiger und mächtiger denn seit lange die Sehnsucht nach einem Hause. Im Herbst möchte man einfliegen wie im Frühling aus – wir konnten's nicht; ungewiß lag auch dieser Winter wieder vor uns. Otto sagte tröstend: »Laß gut sein, besser Liebe ohne eine Heimath, als eine Heimath ohne Liebe.« Ich drückte ihm die Hand, aber ich mußte mir doch einige bittere Thränen abtrocknen.
Ein Sonnenaufgang auf der Rigi.
»Und wenn Sie in die Schweiz kommen, so reiten Sie hinauf auf den Rigi. Den Rigi müssen Sie sehen, es ist eine gar zu große Herrlichkeit« – so sprach vor drei Jahren in Breslau Dr. Anton Theiner, drückte mir zum letzten Male herzlich die Hände und ließ uns fortfahren nach Venedig.
Wenn wir nach unserer Heimkehr durch Tyrol und nicht durch die Schweiz, bisweilen davon redeten, ob, wie und wann wir diese letztere besuchen würden, so fragten wir uns jedes Mal: »Und werden wir auch Theiner's Willen thun?« Und Eines gestand dann immer dem Andern: »Du, ich habe eigentlich gar keine Sehnsucht auf den Rigi.«
Wir waren fast seit einem Jahre in der Schweiz, doch Kummer und Radikalismus, Kranksein und Ueberdruß am Leman nahmen uns dermaßen ein, daß wir des großen Rigi vielleicht kaum einige Male und da stets nur mit der größten Gleichgültigkeit gedachten.