In Baden am Stein lernten wir, daß man nicht der Rigi, sondern die Rigi sagen müsse. Wir nahmen diese Belehrung ebenfalls mit vollkommener Gleichgültigkeit an, denn wir beabsichtigten durchaus weder auf den, noch auf die Rigi hinaufzureiten.

Jede Schweizergegend fast hat ihr Nizza oder ihr Italien, nämlich irgend einen Ort, wo irgend Etwas im Freien wächst. Von Genf sollte es Morner, Richterschwyl von Zürich, von Luzern endlich Wäggis sein. Wir wollten nach diesem Nizza. Ein Engländer, der mit einer englisch häßlichen Frau und einer gleichen Tochter auf dem Dampfschiffe saß, fragte mich, ob auch wir »to the Rigi« gingen. »O nein,« antwortete ich, »auf den Rigi geht oder reitet Jedermann; ich liebe das nicht; wir bleiben in Wäggis.« Vier Stunden später sagte ich zu dem Engländer auf dem Kulm: »Very happy to see you.« Wäggis-Nizza war eins von den prosaischen Dörfern, wie sie an den Schweizerseen liegen, und der Sohn und Kellner des einzigen Gasthofes ein so unbeschreiblich langweiliges Geschöpf, daß ich vor Langeweile gestorben wäre, hätte ich mich nur acht Tage lang von ihm bedienen lassen müssen. So ritten wir denn, um doch Etwas zu thun, auf die Rigi.

Wenn in künftigen Jahrhunderten von diesem unserm Jetzigen und nebst seinen Sitten auch von seinen Absonderlichkeiten geschrieben werden wird, so wird man in irgend einer Novelle folgende Schilderung zu lesen bekommen:

»Es gab in jener Zeit« – ich sage mit Bedacht: es gab, denn die Rigi könnte dann ja eingefallen, oder die Schweiz ein unbekanntes Land geworden sein, also – »es gab in jener Zeit einen Berg, der hieß Rigi. Dieser Berg war, was viele andere Berge auch sind, so und so viel tausend Fuß hoch, übrigens durch keine eigenthümliche Merkwürdigkeit ausgezeichnet, man müßte denn als eine solche annehmen, daß man von seiner Höhe aus elf kleinere und größere Seen sah. Ob mit oder ohne Grund, genug, dieser Berg war »in die Mode gekommen«, wie man damals sprach, d. h. man mußte ihn gesehen haben. Weil man das nun mußte, kamen aus Europa und Amerika, zuweilen auch aus andern Welttheilen, aber hauptsächlich doch aus diesen beiden, und aus Europa hauptsächlich von England, Leute beider Geschlechter und jeglichen Alters und ritten oder stiegen auf diesen Berg hinauf. Sie hießen die Rigireisenden. Waren sie auf der Höhe, welche die Kulm genannt wurde, so hüllten sie sich in Mäntel und Tücher, brachten Lorgnetten und Operngläser an die Augen, ließen sich von den Führern, die sie hinaufgeleitet, die Namen der verschiedenen Seen nennen und suchten die Sonne. Wenn diese sich sehen ließ, so war das »Panorama«, wie man den Anblick nannte, ein sehr prachtvolles: die Seen blitzten, die Gletscher wurden roth und die Bergspitzen schwammen in einem blauen Oceane. Es geschah jedoch äußerst selten und man nannte es der Seltenheit wegen den »Sonnenuntergang vom Rigi.« Geschah es nicht, lag das Panorama in Bleigrau da, so zogen die Rigireisenden sich frierend und gelangweilt – nebenbei, das Gelangweiltsein war eins ihrer kenntlichsten Merkmale – gelangweilt und frierend also, in das Haus zurück, welches von Holz auf dem Kulm erbaut worden war. Dort schliefen sie, bis die Stunde des »Sonnenaufgangs vom Rigi« gekommen sein sollte. Diese Stunde war indessen noch ungewisser als die des Sonnenunterganges. Unter hundert Rigireisenden schlug sie nur für zehn, die übrigen neunzig ritten oder stiegen wieder hinunter, ohne die Sonne gesehen zu haben, gewöhnlich im dichten Nebel, häufig im starken Regen und manchmal sogar im Schnee. Das nannte man die »Tour auf die Rigi.«

Die Rigi ist trotz ihrer ganz alltäglichen Gestaltung ein Auszug der gemäßigten Alpennatur. Die Obstbäume, selbst die weicheren, an ihrem Fuße, das Laubholz auf ihrer Mitte, weiter die Tannen, endlich die Steilheit und die Nacktheit, zusammengewachsene Felsenriffe, einzelne seltsame Steine, den Epheu, die Quellen und die Mattenblumen, die blaue Tiefe zu den Füßen und das letzte spärliche Gras oben, sie hat Alles – wer einen Tag und eine Nacht zu verlieren hat, reite hinauf und sehe zu, ob er die Sonne zu sehen bekommt; aber doch hat »die Tour auf die Rigi« am meisten meine heftige Begierde gezähmt, den Pilatus, diesen Brocken der Schweiz, in seiner Unbesuchtheit zu stören.

Im Hotel Weber.

»Und so reisen Sie wirklich heute Abend noch?« fragte ich den Grafen Wladislav.

»Calclire, muß sein,« versetzte er.

Wir saßen im südlichen Fenster eines Salons im ersten Stock des Hotel Weber. Es war ein trüber Tag, welcher eben in einen trüben Abend übergehen wollte. Die Waldhöhen, zwischen denen der Rhein hervorkommt, fällt und sich weiter windet, waren bunt und feucht, der Rhein sah so dunkelgrün aus wie das Glas der Römer, aus denen sein Wein getrunken wird; der Fall erschien noch weißer als gewöhnlich.

Das Hotel Weber ist ein unwillkürlicher Stelldicheinort für alle Welt. Wir waren dort von mehreren Bekannten getroffen worden, unter andern von Wladislav, und hatten eine Menge Bekanntschaften gemacht, zuerst die des zweiten großen Unbekannten Charles Sealsfield. In dem »Süden und Norden« dieses Verfassers hatte Wladislav eben an diesem Nachmittage eifrig studirt, und so kam es, daß er mir halb absichtlich und halb absichtslos auf gut kentuckisch antwortete.