Einer Brustwunde wegen sollte ich in's Warme. Bei einer Barrikade am Pfingstfeste in Prag hatte ich sie bekommen. Ich war gerade auf dem Hradschin, als es unten in der Stadt anfing. Um nach meinem Hotel zu kommen, mußte ich über mehrere im Bau begriffene Barrikaden. Bei der einen wurde ich angehalten und sollte helfen. Ich weigerte mich; natürlich, wo werde ich? Ein Stoß in die Brust streckte mich nieder – ein wüthender Student war's, der ihn gab. Mit Hülfe einiger minder patriotischen Musenjünger rettete mich ein junger Kurländer, der mit mir war, und – klüger als ich, sich nicht geweigert hatte. Todtkrank lag ich den ganzen Pfingsttag über, während Kleingewehrfeuer, Kanonendonner und Sturmläuten abwechselten – gerade keine angenehme Musik, wenn man in die Brust gestochen ist. Am nächsten Tage mußten alle Fremde aus der Stadt – wie sie mich fortgebracht, weiß ich nicht recht. Aber ich kam auf die Elbe und auf der Elbe nach Dresden, welches seine Barrikaden noch erwartete. Dort genas ich langsam, doch die Brust blieb angegriffen. Und deßwegen saß ich jetzt am Genfer See.

Er ist schön, besonders wenn man ihn nicht zu lange sieht. Manche Gegenden kann man nicht genug sehen – der Genfer See ist keine davon. Doch gefiel mir's recht gut, nur ein Bischen langweilig war's. Gerne wäre ich manchen Tag noch wo anders hin gereist, aber ich wußte nur nicht wohin. Ausdrücklich war mir die Politik untersagt, damit ich mich nicht aufregen möchte, und wo konnte ich hoffen ohne Politik zu leben, wenn nicht in der Schweiz, die gerade ruhig war? So schickte ich mich denn in Geduld, las was ich eben fand, und ging spazieren, wenn es nicht allzu heiß war.

Bald wurde es mir öfter etwas zu scharf, dann saß ich am Fenster, sah den See blau sein, grau, grün, schwarz und dann wieder blau werden, und hatte Gedanken, bisweilen dumme, manchmal aber auch recht vernünftige.

Auf meinen Spaziergängen unterhielt ich mich öfter mit den Bewohnern der vielen kleinen Dörfer, die von Vevey nach Villeneuve zu liegen. Die Leute waren prosaisch, aber auch recht vernünftig, und interessirten mich, wie etwas Gleichgültiges interessiren kann.

Eines Tages erzählte mir ein junger Mensch von einem Diebstahle, der in Clarens begangen worden. Eine Uhr oder dergleichen. Die Heimathlosen sollten es gewesen sein.

»Die Heimathlosen?« fragte ich, überrascht durch das deutsche Wort in dem französischen Munde.

»Ja, Monsieur, so nennen wir die Leute, welche keine Papiere haben und deßwegen überall vertrieben werden.«

»Und wo sind sie denn da?«

»Dort oben, in den Wäldern gegen Freiburg zu.«

»So duldet man sie hier im Canton?«