»Die Zahl ist wieder gigantisch. Sie würden mit Cockley einen ganz harmonischen Dialog führen.«

»Und wo sind Sie denn den ganzen Sommer über gewesen?« fuhr ich fort. »Auch in der Schweiz. Also –«

Er bat schön, ich solle nicht böse sein – ich habe Recht. Dann fragte er mich, wie viel ich an meinem Buche noch zu schreiben habe. Ich antwortete ihm, ich müsse, um die gehörige Form heraus zu bekommen, noch eine meiner Schweizer-Erinnerungen ausarbeiten. Ob ich da nicht eine Novelle von ihm als Schluß annehmen wolle? Sie sei noch nicht ganz fertig – er habe sie, angeregt durch das Geschwätz mit uns, am vorigen Morgen angefangen und in der Nacht so weit gebracht wie sie jetzt sei. Sie spiele im Waadtlande, unter den Heimathlosen, von denen ich doch gehört? »Wer hätte im Waadtlande nicht von den »Hehmathlosen« gehört, wie sie's dort aussprechen,« sagte ich. »Nun gut,« sprach Wladislav, »wollen Sie da meine Erzählung hören? Nämlich, ich erzähle, und Alles ist mir buchstäblich begegnet.« Ich sah ihn lächelnd an. – »Ich betheure es,« sprach er. So hieß ich ihn sein Manuscript holen und wollte sehen, ob es gut genug sein werde, um mir eine Mühe zu ersparen.

Wir hatten etwa noch eine Stunde bis zu Wladislav's Abfahrt. Die Lichter des Dorfes Neuhausen brannten röthlich links in der Senkung diesseits des Rheins, die im Schlößchen Laufen blinkten rechts auf der jenseitigen Erhöhung. Der weiße Fall spielte und rauschte geisterhaft durch die dunkle Nacht. Sonst war die ganze Gegend einsam, das ganze Haus still, und Wladislav las:

Die Heimathlosen.

Ich kam im September vorigen Jahres in Vevey an. Sollt' ich den Winter über am Genfer See bleiben? – ich wußte es noch nicht. Ich kannte ihn schon, ohne je an ihm gewohnt zu haben. Die Luft war nicht blos warm, sondern heiß – das that mir wohl – in Dresden war's so kalt gewesen. Ich will hier bleiben, dacht' ich, als ich in den »drei Kronen« am Fenster meines Zimmers stand. Warum nach Italien? Ist's dein Italien? dein Bilderland? In Neapel, in Sicilien der König gegen Etwas, das Constitution heißt und es nicht ist. In Rom der Radicalismus gegen den armen Pius, welcher hätte der auferweckte Sixtus V. sein müssen, um wollen zu dürfen, was er gewollt. In Mailand unmöglich etwas anderes als Krieg, in Venedig endlich – ja, was war denn in Venedig? Ich konnte nicht wissen, ob Heldenmuth, ob kindische Einbildung. So blieb ich am Genfer See.

Ich empfehle die »drei Kronen«! Sie sind nicht zu theuer für den, der Geld hat, und sehr unterhaltend für den, welcher keine Gesellschaft braucht. Ich brauchte keine, war mir selbst genug, aß auf meinem Zimmer. Nicht daß ich trübsinnig gewesen wäre, melancholisch über die Zeit, wie es eben Mode war. Es hat noch ärgere Zeiten gegeben, wird noch ärgere geben. Die Welt geht eben noch nicht unter, wenn es mit ihr auch einmal drüber und drunter geht. Es ist dergleichen blos ein Ausrecken der gewaltigen Menschheitsglieder, die da Völker heißen. Etwas Geräusch, etwas Störung, dann ist's wieder gut und der wundervoll riesige Organismus vollführt weiter, was zu vollbringen ihn Gott lehrt. Wenn wir an der Menschheit zweifeln wollen, wie wollen wir denn da an uns glauben?

O mein Vaterland, Deutschland, Heimatherde, an deiner Grenze sitz' ich, da ich dieses schreibe! Der Rheinfall rauscht unten – ich bin seines Rauschens schon gewohnt, hör' es nur, wenn ich eben daran denke. Es ist hier fast wie in Deutschland – nein, es ist ganz wie am Rhein, wo er unser ist – Rebenhügel, Wald, Felsen – Alles lieblich, einfach poetisch. Und herüber weht's wie vom Siebengebirg. Und ich bin im Geist auf jenen Hügeln, labe mich an jenen Trauben, sehe, Mondscheinerscheinung, the castled cliff of Drachenfels, sumse vor mich hin von Heine:

Die Luft ist kühl und es dunkelt,
Und unten flimmert der Rhein –
Der Gipfel des Berges funkelt
Im klaren Mondenschein.

O, der Rhein ist ein Heim Heinescher Lieder, wie Heidelberg eines für Uhlandsche, und ich lieb' den grünen Rhein und den hellen Neckar und die blaue Elbe, und du, ganz Deutschland, bist mein Schatz, mein Heiligthum und meine Hoffnung, und böte man mir die ganze übrige Welt dafür, ich vertauschte mein Deutschland nicht.