Denn als er sah, daß ich mich nicht rührte, stand er auf und fragte: »Soll ich den Signor vielleicht ein Stück hinunterbegleiten? Vielleicht könnte der Signor den Weg hinunter doch verfehlen, wenn er ihn hinauf gleich gefunden hat.«

Auf dieses im reinsten Toskanisch gemachte Anerbieten ließ sich dann eben Nichts erwiedern. Mißmuthig stand ich auf. »Da bin ich so weit hergekommen,« sagte ich, »mit den besten Gesinnungen hergekommen, die sich denken lassen, und Ihr gönnt mir nicht einmal fünf volle Minuten Ausruhen unter Euerm Dache.«

»Mein Dach ist ein armes Dach,« erwiederte er demüthig spöttisch, »und es schickt sich nicht, daß ein solcher Signor darunter verweile.«

»Aber warum wollt Ihr nicht, daß wir besser bekannt mit einander, daß wir Freunde werden? Ich würde so gern Etwas für Euch thun.«

»Danke, Signor. Freundschaft ist nur zwischen Gleich und Gleich, nicht zwischen einem Reichen und einem Heimathlosen. Wollt Ihr mir Etwas geben, so werd' ich's dankbar annehmen, denn ich wäre ein Narr, wenn ich den Stolzen spielen wollte; aber von Freundschaft redet nicht und kommt auch nicht wieder.«

Der Mensch sprach italienisch höflich, aber bestimmt. Es klang gerade, als glaube er sich mir überlegen. Ich zuckte verächtlich die Achseln. »Wenn Ihr's denn so wollt – ich werde Euch nicht bitten.«

Damit reichte ich ihm das Geld, welches ich aus meiner Börse in die Hand geschüttet. »Gott segne Euch, Signor,« sagte er freimüthig, mit sichtlichem Vergnügen. »Da nehmt auch das noch,« sprach ich milder, zog den Rest des Brodes und die noch halb volle Flasche hervor und bot ihm Beides. Ueberrascht blickte er mich einen Augenblick an und sprach dann mit Rührung: »Erlaubt mir, Euch bei der Hand zu fassen, Signor. Wer mir Geld giebt, der ist mein großmüthiger Wohlthäter; aber wer sein Brod mit mir theilt, der erkennt mich für seines Gleichen, für einen Menschen. Das habt Ihr gethan, Signor, und nun befehlt über mich. Was Ihr zu wissen wünscht, – wenn Pietro es Euch sagen kann, so sollt Ihr es erfahren.«

Aber ich sah nach dem Himmel, wo er über der Lichtung sichtbar war. Der Abend brach bereits herein, und ich hatte noch mehrere Stunden bis hinunter, ja, wer wußte, ob ich Vevey noch vor der Nacht erreichen konnte. Das sagte ich meinem Heimathlosen, den ich nun wenigstens bei einem christlichen Namen nennen konnte. Abermals, und jetzt eifriger als vorher, erbot er sich, mich zu führen, einen kürzeren Weg, einen vortrefflichen Weg. Der Signor würde sehen. Jetzt nahm ich seine Begleitung gern an. Ich fürchtete keine Begegnung, aber einen möglichen Fehltritt, ein Ausgleiten, einen gebrochenen oder doch verstauchten Fuß. Treu meinem Grundsatz, mich vor allem unnöthigen Schaden vorzusehen, wollte ich mich lieber führen lassen, als romantisch allein verunglücken. Pietro lief zu seinem Hunde, streichelte ihn, gab ihm den ersten Bissen von dem Brode und gebot ihm, sich vor die Thür zu legen und das Haus zu bewachen. Der Hund begriff sicherlich die Wichtigkeit und das Ehrenhafte dieses Auftrages – er streckte sich mit der Majestät eines Löwen vor der sogenannten Thür hin. Pietro legte neben ihn noch drei Bissen Brod, das übrige fing er selbst an zu essen. Den Wein hatte er Anfangs verwahren wollen, ohne davon zu nehmen; vermuthlich sollte das gute Getränk in einer recht ruhigen Stunde mit dem gehörigen Behagen genossen werden. Aber als er an die Thür gelangt war, hielt er still, erhob die Flasche und besah den Wein mit einem Liebesblicke. Ich nahm seinen Kampf mit sich selbst wahr und hieß ihn trinken – er solle in Vevey mehr erhalten. Hurtig und vergnügt trank er nun, doch nur in kleinen Zügen. Mir schmeckte es mit. Als kein Tropfen mehr aus der Flasche herauswollte, machte er ihr ein komisch-wehmüthig Gesicht; dann wischte er sich den Mund, sprang zu mir zurück, verbeugte sich und erklärte sich für bereit zu meinen Diensten, und nicht nur für jetzt, sondern in alle Ewigkeit. Der Mensch war wie umgewandelt. Vorher ein Grande des Waldes, jetzt ein großes Kind. Auch jünger dünkte er mir jetzt um Vieles. Für einige dreißig hatt' ich ihn gehalten – er war erst zweiundzwanzig Jahr. »Man hungert manchmal – das macht alt,« sagte er, aber ganz vergnügt, ja, mit wahrer Komik. Seiner Laune nach war das Heimathlosendasein eine Shakspeare'sche Comödie, wunderlich, aber ganz gleich gemischt aus Lust und Wehe. Gewiß wenigstens keine Tragödie des Elends, und am allerwenigsten eines jener Proletariats-Dramen, woran sich jetzt so viele stumpfe Federn versuchen, ohne irgend etwas einzuernten als ein mäßiges Honorar, oder irgend etwas anzustiften als eine unermeßliche Langeweile.

Pietro stieg hinab und ich folgte durch das Doppeldunkel des Waldes und des Abends, auf Pfaden, die außer ihm vielleicht nur Kinder beim Beerensuchen aufgefunden hatten. Und dennoch nicht nur furchtlos, sondern völlig vertrauungsvoll, so sicher, gut geleitet zu werden, wie ich sonst als Kind unserm alten treuen Kammerdiener gefolgt. Es liegt eine heilige Brüderschaft im Theilen des Brodes – Pietro hatte mir nicht umsonst so herzlich gedankt, und ich konnte mich ihm unbedingt überlassen.

Aber das Unternehmen war für meinen Gesundheitszustand ein tolles gewesen – das sah ich ein, als ich endlich um zehn Uhr wieder in Vevey anlangte. Zwölf Stunden fast immer auf den Füßen und noch dazu gestiegen, entweder hinauf oder hinunter – ich fühlte mich wie entzwei, der Frost der Ueberreizung blieb auch nicht aus – ich mußte mich legen, doch nicht ohne für Pietro ein Abendbrod nebst einer Flasche Wein befohlen zu haben. Er verzehrte die für ihn märchenhafte Anrichtung in meinem Zimmer und machte dabei ein fürchterliches Geräusch. So hatte ich noch nie essen hören – ich dankte dem Himmel, als er sich für gesättigt erklärte und was noch vorhanden war, in die einzige Tasche steckte, die er an seinem Kittel hatte. Er versicherte mir, es sei für das arme Hündlein, für den Liebling, den er allein habe lassen müssen, um dem Signor zu dienen, wie es seine Schuldigkeit gewesen, setzte er mit tiefem Ernst hinzu. Eigentlich beabsichtigte ich ihm noch eine Flasche Wein mitgeben zu lassen, aber bei näherer Ueberlegung hielt ich es für rathsamer, ihn nicht gleich zu verwöhnen und dadurch überbegehrlich, wenn nicht gar schlimm zu machen. Er hatte heute schon Geld, zwei Mal Wein, ein Abendessen erhalten und außerdem mich noch zum Freunde – das war genug – ich entließ ihn mit meinem Dank, meinen guten Wünschen. Mit ganz unnöthiger, und eben darum erheiternder Feierlichkeit gelobte er, morgen wieder bei seinem Gönner und Herrn, dem edelmüthigsten aller christlichsten Cavaliere, zu sein. Ich hieß ihn auch seinen Hund mitbringen; er dankte für die Ehre, welche ich dem armen Thiere erwiese, aber, setzte er wichtig hinzu, er muß durchaus oben bleiben und unser Haus bewachen. Ich hatte es schon bemerkt – er redete von sich und dem Nondescript, welches nebenbei gesagt, Tiger hieß, immer in der Mehrheit.