Diese Nacht hatte ich tüchtiges Fieber, aber für den nächsten Tag keine Langeweile zu befürchten. So war ich dann musterhaft in der Geduld.

Pünktlich kam am andern Morgen Pietro an, dermaßen pünktlich, daß ich, ermattet von der bösen Nacht, noch im tiefsten Schlafe lag. Getreu dem vor elf Tagen erhaltenen Befehl weckte der Kellner mich auf. Ich fluchte sowohl über den Kellner wie über meinen Heimathlosen. Aber Pietro zeigte eine so wahre Freude, seinen groß- und edelmüthigen Gönner wieder zu begrüßen, daß ich nicht böse bleiben konnte, sondern ihm Frühstück geben und mir seine Geschichte erzählen ließ.

Das war eine Vagabonden-Novelle trotz einer, so gut, so frisch, so bunttoll und tollbunt, wie gewiß keiner unserer Schriftsteller sie erfinden könnte, wer weiß sogar, ob ein englischer.

Ich schreibe sie nicht nach – ihr würden zu sehr die schwarzen Augen fehlen, welche, wetteifernd mit dem überströmenden Munde, sie erleuchteten, ihre Schatten schwärzer und ihr Helles greller machten. Nur so viel, daß Pietro's Vater in Neapel erst Priester und dann Bandit gewesen, dann da und dort gegaunert hatte, überall gehetzt, verfolgt, verjagt worden war. Endlich hatte er sich ins Waadtland geflüchtet und hier »niedergelassen«, wie Pietro emphatisch sagte. Ein Weib sei mit ihm gekommen, hätte –, gesegnet sollte sie sein! – unter dem Dache, welches ich kannte, Pietro geboren. Pietro würde ungern den Glauben preisgegeben haben, daß sie eine der ersten Familien der »Niederlassung«, vielleicht gar die älteste seien. Aristokratie auch unter den Heimathlosen! Ich lachte –, Pietro sah ernstlich aus; ich entschuldigte mich, er wurde wieder freundlich. Großen Werth legte er darauf, daß er lesen und schreiben könne. Sein Vater habe ihm die gebührende Erziehung gegeben, meinte er mit nicht geringer Genugthuung. Um es mir zu beweisen, holte er aus seiner Tasche einen beschmutzten, aber vollständigen Ariosto hervor und las mit feuriger Declamation einige Ottaven.

Ich unterbrach ihn, um ihm allerlei Vorschläge für ein Einbürgern in unsere Welt zu thun. Mit großer Demuth hörte er mich an, begleitete Alles, was ich sagte, mit seinem Beifall, erschöpfte sich in Danksagungen und am Ende kam es doch heraus, er wolle bleiben, wo und wie er sei. Es werde nicht recht gehen, meinte er bedenklich. Er verstehe Nichts, sei zu alt und zu dumm Etwas zu lernen. »Vielleicht auch zu träge,« bemerkte ich mit einiger Strenge. »Vielleicht« – er gab es mit schmerzlichem Bewußtsein seiner Unwürdigkeit zu. »Wenn man nicht geboren ist zu etwas, ist's sehr schlimm, Signor«, sagte er kläglich. »Aber, Pietro, Ihr werdet dann nie mehr Hunger haben.« – »O, Signor, der Hunger kommt selten, selten, und es ist immer besser, bisweilen einen Tag zu hungern, als alle Tage thun zu müssen, was uns nicht gefällt«. Damit küßte er mir die Hand, bat mich, nicht auf ihn erzürnt zu sein, und ich konnt' es nicht. Er war so con amore Vagabond, Heimathloser – es wäre Grausamkeit gewesen statt Güte, ihn zu einer ordentlichen Existenz zu zwingen. Was seine Festhänglichkeit an sein sogenanntes Haus noch vermehren mochte, war, wie ich erwähnte, die Erinnerung an einige unschuldige Fehltritte, begangen auf dem Markt des Lebens und angemerkt von der bête noire der Amerikaner, der Polizei. Denn Pietro's Füße hatten die Grenzmarken der Civilisation überschritten – er war mit seinem Vater und allein einige Male zu kleinen Besuchen in Italien, Savoyen, der übrigen Schweiz gewesen, aber wie ich denke, nicht immer mit besonders gutem Gewissen wieder in sein Waldasyl zurückgehuscht. Wenigstens zeigte er gar keine Lust, sich legitim bei Tageslicht und Angesichts der Menge sehen zu lassen.

»Nun wohl«, sagte ich, als ich meine Ueberredungskünste vergeblich fand, »thut wie Ihr wollt, aber bei denen, welche Ihr Eure Leute nennt, werde ich nichtsdestoweniger versuchen, sie für etwas Besseres als die Heimathlosigkeit zu gewinnen.«

Pietro wiegte bedächtig den Kopf, nahm seinen klugen Blick an und antwortete: »Ich zweifle, daß sie wollen werden – ich bin gewiß, daß sie nicht wollen werden.«

»Aber was habt Ihr in Euren Wäldern, auf der rauhen Erde, unter dem oft mitleidlosen Himmel?«

»Ihr sagt's, Signor, wir haben die Wälder, die Erde und den Himmel – wir haben die Freiheit. Wir schlafen, wann wir wollen, lachen und weinen, wann wir wollen. Das ist viel. Es giebt in Eurer Gesellschaft tausend Fesseln, von denen eine einzige uns die ganze Welt mit allem ihrem Golde zum Gefängniß machen würde. Ihr seid's gewohnt, diese Ketten als Schmuck zu tragen – wir würden das nicht verstehen. Wundert Euch nicht, mich so reden zu hören. Wir flechten nicht blos Körbe, fangen nicht blos Vögel – wir denken auch nach und verständigen uns über unsere Gedanken. Auch haben wir einige Studirte unter uns, die – irgendwie unglücklich gewesen sind. (Also dieser zarte Ausdruck auch hier gebräuchlich.) Von denen lernen wir, wie es in der Welt zugeht,« fuhr Pietro fort, »und, Signor, verzeiht mir, es geht nicht immer so schön zu, daß man Euch beneiden möchte. Ihr werdet auch uns nicht beneiden – das ist natürlich, noch mehr, Euch muß unser Zustand schrecklich dünken, und weil Ihr ein gutes Herz habt, möchtet Ihr ihn ändern. Aber glaubt mir, am besten ist's, Ihr lasset uns, wie Ihr uns findet.«

Da hatte ich die Philosophie des Heimathlosen. Ich konnte mich nicht überzeugen, daß sie auch die der übrigen Zweihundert sein sollte – so viel dieser Horster in den Wäldern giebt es, wie man mir sagt. Gewiß waren unter ihnen welche, die an Zurückverlangen nach dem bürgerlichen Dasein litten, für welche diese gepriesene Freiheit, zu jeder Stunde schlafen zu können, nicht mehr und nicht weniger war, als ein ungeheures Gefängniß, in welches das Elend sie eingeschlossen.