Das Hausrecht ist mir immer noch um Vieles natürlicher und ehrwürdiger vorgekommen, als jedes andere. Wenn ich in meinem Hause nicht thun darf, wie mich's dünkt, wo soll ich's da dürfen? Versteht sich von selbst nur nach dem Gesetz.

So wagte ich denn nicht, dieses Haus zu verletzen, untersagte mir selbst die Neugier und fing nach und nach auch an, mich wieder nach etwas Anderm zu sehnen. Ich muß zu einem thätigen Leben geboren sein, so schnell verzehr' ich alle Interessen, die sich mir darbieten.

Da erhielt ich eines Tages durch Pietro einen Brief »von der Frau aus der stillen Hütte«, wie er ausdrucksvoll sagte.

Hastig, wie noch nie einen Liebesbrief, machte ich das nothdürftig zugeklebte Blatt auseinander und las in deutscher Sprache:

»Herr Graf!

»Verzeihung, daß ich schreibe. Sie haben zu uns kommen wollen und sind nicht angenommen worden. Jetzt komme ich zu Ihnen – werden auch Sie mich zurückweisen?

Nicht ich bin es, welche die großmüthig dargebotene Hand zurückgestoßen. Er that es, Er, für den ich keinen Namen weiß; denn jeder Name, den ich ihm geben würde, wäre eine Schande für mich. Doch ja, meinen Kerkermeister will ich ihn nennen.

Morgen geht er fort. Ich erwarte Sie. Werden Sie kommen? Es hängt von Ihnen ab, ob verzweifeln oder gerettet werden soll

Feodora Freiin von S.«

Ich hielt den Brief ganz erstarrt in meinen Händen und sah noch immer hinein, nachdem ich ihn schon lange gelesen hatte. Ich kannte die Frau, die mir schrieb – sie war aus Berlin – eine Jugendfreundin meiner Mutter. Von ihrem Schicksale nachher, jetzt nur so viel, daß ich ihrer Aufforderung hätte Folge leisten müssen, selbst wenn ich mich nicht freiwillig zum Bankier aller Heimathlosen gemacht gehabt. Sie hatte an mich ohne Adresse geschrieben, mein Name war in den Bergen nicht bekannt, nur meine Person und mein Geld. Was wird sie sagen, wenn ich mich ihr nenne? dachte ich. Doch sie schien »to take it coolly« wie Jacob Faithful sagt. Ihr Brief mißfiel mir ungemein. So ganz und gar theatralisch, und das von einer Frau, die wenigstens gegen funfzig Jahr sein mußte. Und wie sie nur dort hinauf und hineingerathen sein mochte? – Was ich von ihrer Geschichte wußte, war schon nicht sehr erbaulich, aber noch widerlicher mußte der Fortgang derselben sein. Indessen noch ein Mal, entziehen durfte ich mich ihrer Aufforderung nicht, und so stieg ich den andern Morgen in kalter grauer Frühe zu Esel und ritt hinauf.