Als wir im vorigen October in Solothurn übernachteten, war's winterkalt und der große Ofen wurde erst am andern Morgen warm, während das Kamin unermüdlich rauchte. Heute ist's wärmer, aber der Röhrbrunnen an der Kathedrale rauscht so lebendig, daß er uns wach erhält und uns nöthigt, noch um Mitternacht im schlafenden Hause auf eigne Hand ein anderes Zimmer aufzusuchen. Am Morgen giebt es einen Retoureinspänner nach Aarau. Der Einspänner ist das nationale Fuhrwerk der Schweiz. Der Koffer will nicht recht darauf gehen – ich benutze den Augenblick und gehe still in die Kathedrale. Das Gebäude ist weiß und hell von innen und außen. Auf den Beichtstühlen sind hingeworfene reuige Gestalten – Petrus nach der Verleugnung eine von ihnen. Mir ist's nach dem ultrareformirten Genf herzlich wohl, wieder einmal zwischen heiligen Bildern und knieenden Betern zu wandern. Man betet besser unter einem Gewölbe, welches ausschließlich bestimmt ist, Gebet und Gesang zu Ehren des Herrn zu hören, als in der Stube, wo alle die Kleinlichkeiten der Häuslichkeit gethan werden. Ein Oratorium allein kann das tägliche Gebet im Hause gesammelt machen. Als ich meine Wanderung vollbracht, fahren wir – das junge Ehepaar fährt nach Basel. Wie malerisch ist hier der Jura! Voriges Jahr war er so überbunt, wie ich noch kaum weder Gebirg noch Wald gesehen. Ich hab' ihn liebgewonnen den langen, einförmigen und doch mannigfachen Jura, vielleicht weil er sowohl in der Ferne, wie in der Nähe so schöngeschwungene Linien hat, vielleicht auch, weil ich so oft auf ihm die ersten und letzten Lichter der Sonne und in der Mondnacht den leuchtenden Schnee blinken sah. Die Luft von ihm weht rauh; heute ist sie ein Sturm. Wir wenden uns endlich an der Stelle von ihm ab, wo wir damals von Basel her über ihn kamen. Den ganzen Tag bis Abends um sechs fahren wir durch die frischesten Hügellandschaften, welche für mich mit den Alpengegenden der Schweiz wetteifern. Aarau liegt geradezu allerliebst; es ist die erste Stadt in der Schweiz, wo zu wohnen mir gefallen könnte. Wir gehen vom Ochsen hinunter an die Aar, über ein Bächlein, das hineinschießt, die Aar hinauf. Jenseits liegt das Thal voll Landhäuser; Fähren gehen hinüber und kommen herüber; der Abend ist kühl, aber nicht rauh, Wiesenduft füllt ihn. Wie wohl thut das, wenn man so lange kalkige Luft geathmet. Auf einer Brücke, die, ich weiß nicht worüber führt, kehren wir in die Stadt zurück; ein zahm Starmätzchen sitzt auf dem Geländer, guckt uns an, springt vor uns herum, dreht klug und neugierig das Köpfchen und fliegt endlich in einen Gasthof neben der Brücke. In unserm Ochsen schiebt mich der lange, trockne, regungslose Kellner am Ellenbogen an den Speisetisch; es ist das seine Beförderungsart: allein läßt er einen nicht gehen. Der Ochse ist etwas ältlich, aber der Wirth einer der artigen Wirthe, wie man sie eben in den älteren schweizer Gasthäusern findet, Stube und Betten sind kolossal, auf der Gallerie blüht ein schöner Granatenbaum, und es gefällt mir in Aarau.
Den 5. August.
Alterthümertag, ohne unser Verdienst. Der lange Kellner weckt uns nicht, der Kutscher thut's, der natürlich wieder ein Retoureinspänner ist und zwar aus Baden am Stein. Dabei ein großer, starker, hübscher Mensch, in kurzer blauer Jacke und niedrigem grauen Troddelhut, mit krausem röthlich-blondem Bart und geradem, regelmäßigem Profil, Tell, wie man ihn sich nur denken kann, Xaver genannt, und so voll Kraft, daß er den schweren Koffer mit einem Ruck aus allen Fugen reißt. Er sieht bei dieser Heldenthat sehr gelassen darein – wir sind weniger zufrieden damit, indessen was soll man sagen? Wir setzen uns zum Frühstück und sehen die Begrüßung zweier eidgenössischen Lieutenants, die einander genannt werden. Sie bleiben in einem Bückling vorgebogen stehen, lächeln sich verlegen an, wissen sich nicht ein Wort zu sagen und setzen sich endlich stillschweigend gleich uns zum Frühstück. Wir fahren mit Xaver – der Wagen ist gut genug, aber das Pferd, das Pferd! Xaver hat es verzogen, wie eine Großmutter ihr jüngstes Enkelkind. Jeder seiner Neigungen wird nachgegeben, und es hat deren unendlich viele. Es will in jedes Thor, in jeden Seitenweg, in jedes Wirthshaus. Kein Grashalm steht am Wege, ohne daß es den Braunen danach gelüstet, und liegt nun gar ein Kleefeld da, so will er förmlich mit Gewalt hinein. Zugleich erschrickt er vor jedem Nichts; ein Karren, ein Haufen Flachs, ein Hund, ein Vogel sind sämmtlich ungeheuerliche Dinge, vor denen der Braune ebenfalls rechts oder links will. Xaver blickt bei jeder dieser gentilesses sich freundlich lächelnd nach einem um, als wollt' er sagen: seht, was das für ein Pferd ist! Dazu fehlt noch ein Nagel im linken Vorderrade; Xaver hat ein Hölzchen geschnitzt, es in die Lücke geschoben und spricht nun von Zeit zu Zeit: »Wenn das Nägli herausginge, würde das Rad rückwärts gehn, aber das Nägli geht nicht heraus.« In Folge aller dieser kleinen Hemmnisse kommen wir nur gemessen weiter; die Gegend wenigstens ist reizend. Rechts auf Höhen Wildeck und Habsburg, Schloß und Ruine; links im Thale Wildenstein, Schloß, auf ferner Höhe Schenkenberg, Ruine. Habsburg unstattlich. Der Erbauer borgt sich das Geld dazu von seinem Bruder, dem Bischof von Constanz. Wie's fertig, kommt der Bischof, besieht, wiegt das Haupt. »Für so viel Geld ein so klein Schloß mit so schlechten Mauern!« Der Besitzer zeigt hinunter vor das Schloß. Da stehen einige tausend Mann in Waffen. »Das sind meine Mauern; für die hab' ich euer Geld verwandt.« Schinznach, moderner Halbmond in Gehölzen zum Spazierengehen. Bei Brugg wird der Aar der Rücken gedreht. Links liegen Gebäude in einem fensterlosen Viereck, über das ein Thurm ragt. »Was ist denn das?« – »Kloster Königsfelden.« Agnesens Rachedenkmal. Man muß es doch sehen. Militair im Hofe. Hindurch. Ein Thor. Die Kirche schwer, rauh. Rechts die Mönchs-, links die Nonnenwohnung. Diese leer, wüst, Bohnen im Kreuzgange. Agnesens Zimmer voll von römischen Töpfen und Schüsseln – Alles zerbrochen, nur ein Löwenkopf und ein Säulenfuß anständig. In der Zelle alte Malerei und neben dem Fremdenbuch römische Münzen. Die Kirche Holzschuppen. Zwischen Balken und Brettern das Denkmal der Kaiserfamilie. Ueber Grabsteine von Berner Herren in den Chor. Schöne bunte Fenster. Ueber den Stühlen die bei Sempach gefallenen Ritter. Alle knieen; einer sieht genau wie der andere aus. Von der Reuß an die Limmath, von der Limmath nach Baden.
Die beiden Wittwen.
In Baden am Stein ist der »Hinterhof« das letzte, älteste und stillste der Hotels, wirklich wie sein Name andeutet, ein Hof hinter allen andern Höfen, hinter dem »Raben«, dem »Ochsen« und dem »Bären«, hinter dem »Schiff«, hinter der »Blume«, ja sogar hinter der »Sonne«. Ein großer Hof, eingefaßt von Gebäuden, deren neuestes zweihundert Jahr zählt. Treppen hier und da, viel Thüren, viel Ecken. Eine Gallerie. Kürzlich umhergepflanzt Kastanien, Ahorn, Liliodendron, Kugelakazien. Dazwischen in großen Kübeln Granatbäumchen und schöne Fuchsien. Grüne Persiennen an Fenstern, von denen kaum eines so groß wie das andere ist, kaum zwei in gleicher Reihe und gleicher Entfernung von einander ausgebrochen sind. Hineinschauend, als gehörte er auch zum Hause, der Thurm einer kleinen Kirche, welche sich von Außen vertraulich an die Scheune legt. Das ist der Hof des »Hinterhofes« und hier saß ich an dem schönen Sonntagnachmittag, wo wir nach Baden kamen, während Otto die Stuben musterte. Da näherte sich eine alte Frau mit freundlicher Miene, rothen Wangen und buntem Anzug, machte mir einen höflichen Knix und fragte: »Spreche Sie dütsch?« Ich antwortete der Wahrheit gemäß, und wir waren gegenseitig bereits sehr verbindlich und freundschaftlich, als Otto mir Bericht erstatten kam. Wie öfter sprachen wir italienisch; die alte Frau machte ein noch freundlicher Gesicht und fragte auch auf italienisch: ob ich aus Bergamasco oder aus Mailand sei. Zu Ehren meines Italienisch muß ich bemerken, daß diese beiden Städte die einzigen italienischen waren, welche die alte Dame kannte. Ich erklärte ihr, wie es komme, daß wir diese schöne Sprache so liebten – »O, ich war auch in Italien,« sagte sie mit Stolz, »fünfundzwanzig Jahre bin ich da gewesen, ja, meine Signora. In Locarno bei dem Signor Governatore. Und wenn ich Italienisch höre, fühl' ich's im Herzen.«
So hatten wir eine Bekanntschaft, ehe wir noch in den »großen König« eingezogen. Diesen erhabenen Namen führte nämlich die älteste und häßlichste Stube in dem ganzen alten Hause. Lang, niedrig und dunkel hatte sie nur ein vernünftiges Fenster, das andere war eine Art Schießscharte, mit kleinen runden Scheiben in Blei. Eine fehlte – wir klebten Papier vor das Loch. Ein schwerer Tisch stand auf gekreuztem Balken, auf den Dielen stolperte man immerfort, ebenso auf der hohen Schwelle. An der Thür fehlte Nichts als die Klinke, und unser Doctor pflegte zu sagen, die Stube wäre noch von unsern Vorfahren, den alten Regensburgern, eingerichtet. Der sogenannte Alkoven daneben hatte ebenfalls eine Hügelschwelle und eine Schießscharte, außerdem mittelalterliche Wandnischen und endlich einen blaugestrichenen Kleiderschrank, an dessen Thür angeschrieben stand: Herr so und so aus Bern habe den und den Tag hier hinein seine Röcke gehangen. Grauer, veralteter, ja verfallener hätten wir gar keinen Raum finden können, und er gefiel uns natürlich ungemein.
Die Gesellschaft an der Table d'hote war ungefähr wie die Stube und das ganze Haus. Mir wollte es beim Anhören der Gespräche immer vorkommen, als läse ich Goethe über den Elsaß. Da war ein Herr Wölflin, jetziger Tabacksfabrikant aus Rheinfelden, ehemaliger Napoleonischer Soldat ohne Enthusiasmus. Da war aus Mühlhausen, Fabrikant auch von Etwas, Herr Wangern, der an Regentagen als Liebhaber drosch und durch die That bewies, »was für eine Eßlust man dabei bekomme.« Da war der Herr Steiger aus Bregenz, jung, glatt gekämmt, Sonntags im Frack, Wochentags im grauen Rock mit grünem Sammtkragen. Da war Herr Kyslin, Lithograph aus Basel, dem die Thränen in die Augen drangen, wenn er an den nahen Untergang der Welt dachte, ein armes Opfer frommer Traktätchen. Da war endlich Herr Kaiser, Eisenhändler in Solothurn, gebürtig aus dem Schwarzwalde, krank an einem Halsleiden, das allerbeste Gemüth auf Erden, und, wie Herr Wölflin meinte, »halt etwas blindköpfig,« weßwegen den ganzen Mittag über immer gewetteifert wurde, wer den armen Mann am besten schrauben könne. Man sprach z. B. von der Verschiedenheit der Kartoffeln und der pommes de terre. Herr Kaiser sah schlau aus und meinte, das sei wohl dasselbe, nur auf französisch und auf deutsch. »Behüte,« wurde ihm geantwortet, »pommes de terre sind Erdäpfel, und diese, wie gesagt, völlig verschieden von den Kartoffeln. Es wäre eine gute Speculation, wenn man pommes de terre auf- und als Kartoffeln wieder verkaufte. Die Pflanze ist sonderbar, hat Blätter wie die Sonnenrose und wächst wie ein Strauch, manchmal ungeheuer hoch.« Herr Wangern versicherte: in Mühlhausen wachse die Cichorie auch oft neun Schuh hoch und zwar mit dem Hopfen zusammengezogen. Der Ertrag beider wunderbarer Pflanzen werde meistens über Neuenburg im Badischen verführt. Otto antwortete: Wir in Preußen bezögen auch fast alle Waaren über dieses Neuenburg. Folgte nun die Unterhaltung über die Stadt. Sie war klein, so gut wie gar keine Straßen, kaum Häuser, aber ein ungeheuerer Verkehr. Herr Kaiser hörte Alles an und – glaubte Alles.
Ganz offen – diese Gesellschaft machte mir die eine Stunde immer außerordentliches Vergnügen. Sie war so vollkommen neu für mich. Am oberen Ende des Tisches saßen mehrere Französinnen und elegante Waadtländerinnen, aber von ihnen hielt ich mich mit äußerster Sorgfalt entfernt – ich hatte noch genug von Genf. Meine Elsässer und Schwarzwälder mit ihrem kernigen Humor waren mir weit lieber. Außerhalb des Tisches freilich hörten unsere Beziehungen zu ihnen fast gänzlich auf, nur mit meiner ersten Bekanntschaft gab es bei jeder Begegnung einen Austausch von Höflichkeit und Italienisch.
Sie war 78 Jahr alt, dabei frisch, fett und froh, blos der Kopf zitterte ihr etwas. Seit acht Jahren lebte sie im Hinterhofe, Winters mit der Familie, Sommers mit den Fremden. Ihr »Herr« war hier im Bade gestorben – sie liebte, seinem Grabe nahe zu sein. Sie trocknete sich die Augen, als sie uns das erzählte, »wie eine junge Wittwe,« sagte ich damals zu Otto. O, ihr »Herr« war so süß gewesen und ihr so theuer! Er war Seckelmeister in Einsiedeln gewesen und ganz besonders um sie zu heirathen nach Italien gekommen. Sie war auch aus Einsiedeln, hatte dort Brüder als Conventualen und ich glaube gar einen Onkel als Fürstabt gehabt – o, sie war von Familie und so aristokratisch, wie man es nur in der Schweiz noch ist. Mir, der fast 30 Jahr jüngeren Frau, küßte sie trotz meines Sträubens immer die Hand, denn ich war eine Signora, und sie verstand das. Ihr »Herr« war auch ein Signor gewesen, sonst hätte sie, obwohl bereits 50 Jahre zählend, da er um sie gefreit, ihn gewiß nicht als Gemahl angenommen. Und im Hinterhofe würde sie auch nicht wohnen, wenn es nicht eine gute Familie wäre, aber die Dorers waren eine der ältesten Familien in Baden – ihre Mutter, eine Baldinger, war mit ihnen verwandt. Freilich schätzten sie den Vorzug ihres Geschlechtes nicht genug – sie verständen es nicht besser – flüsterte sie vertraulich. Sie hatte Recht – Herr Dorer, dick, untersetzt und stumpfsinnig, dachte weit mehr an das Rindfleisch, welches er immer eigenhändig herumreichte, als an seinen Ahn, den Schultheiß, der einst die Mauern von Baden so tapfer vertheidigt. Sein Erbe schlachtete ihm nach – weder der jetzige, noch der »Fideicommissair«, – denn der Hinterhof im Canton Aargau ist ein Fideicommiß – sah im Geringsten patricisch aus. Aber die Seckelmeisterin wußte, aus welchem Blute Beide stammten, und dieses Wissen tröstete sie über das plebejische Aussehen und machte es ihr angenehm im Hinterhofe. Sie selbst war allgemein beliebt; besonders schrie die kleine Amalie, das Schwesterchen des jüngeren Fideicommissairs, schon auf zwanzig Schritte mit ihrem hellen Stimmchen: »Scheckelmei! Scheckelmei!« Scheckelmei kam dann herbei und hieß Amalie vor den Fremden ihre »Kneikerle« machen. Scheckelmei war ihrer Manieren und ihrer Sprachkenntniß wegen Gouvernante bei den Fräulein Töchtern des Herrn Gouverneurs gewesen und wußte, was Lebensart heißt. Sie redete immer wohl und immer mit Feierlichkeit, ganz wie in Goldoni's Komödien geredet wird. Damit konnte sie uns inmitten des Hofes ganze Viertelstunden aufhalten. Wenn ich endlich durchaus entschlüpfen wollte, gab ich ihr geschwind einen Kuß; darüber war sie so erfreut, daß sie uns fortließ. Bei Tische machte sie immer die Wirthin und nöthigte einem Jeden weit mehr vom Nachtisch auf, als er essen wollte. Sie war gar gut die Scheckelmei, und ich hatte sie sehr lieb, und sie mich auch. Dann freute sie sich immer über meinen »dulce signore,« pries die Süßigkeit der Freundschaft, die Süßigkeit der Keuschheit und das Paradies der Liebesfreuden, sprach von ihrem »Herrn«, trocknete sich die Augen und wartete auf die Wiedervereinigung, wenn gleich vielleicht ohne sie besonders zu wünschen.
Eine Table d'hote in einem Badeorte ist eines der treuesten Bilder des Lebens – täglich verschwinden bekannte Gesichter, um fremden Platz zu machen. Wir hatten bald nicht mehr Herrn Wölflin, Herrn Wangern und selbst unsern guten Herrn Kaiser, dafür hatten wir eine »enorme« Jungfer aus Stäfa, die jeden Tag in einem anderen prachtvollen Seidenkleide erschien, eine Madame aus Chur mit einem vierjährigen Knaben, welcher durch seine grenzenlose Unbändigkeit bald den ganzen Hinterhof zur Verzweiflung brachte. Schweizer Officiere mit ihren Frauen, Professoren, Räthe und endlich ein Paar, das uns auffiel, weil der Mann noch so jung und so hübsch war und die Frau so bleich und so krank aussah. Auch trug sie Trauer und der Mann nicht. Dabei schienen sie sich sehr zu lieben; man sah Beide nie anders als miteinander; er führte sie stets. Wir machten eine Art Bekanntschaft mit ihnen auf einem Spaziergange, wo wir von verschiedenen Seiten zusammentrafen. Sie waren Beide in St. Gallen und Heidelberg so gleich gut bekannt, daß wir meinten, er sei irgend ein Rath oder dergleichen aus St. Gallen, der in Heidelberg studirt habe. Am Abend suchten wir in der Fremdenliste, konnten aber weder aus Heidelberg, noch aus St. Gallen ein Ehepaar entdecken und wunderten uns. Doch nur wie man sich über Dinge wundert, die einen wenig oder eigentlich gar nicht interessiren. Den nächsten Tag war der Mann abgereist; ich fragte natürlich die Frau, ob er ihr nicht sehr fehle. Sie lächelte verlegen. »Sie haben auch gedacht, das sei mein »Herr«, nicht wahr?« fragte sie. »Aber das ist nicht; ich bin Wittwe und in Trauer um meinen Mann, und Karl ist nur mein Bräutigam.«