Ja, es war auch eine Wittwe, wirklich und wahrhaftig eine Wittwe – wir hatten zwei Wittwen im Hinterhofe, eine alte und eine junge, eine treue und eine getröstete, eine Wittwe zum Beispiel, und eine Wittwe zur Warnung. Eine Figur aus Goldoni, und eine Frau aus Boccaccio. Ich fiel ein Mal um das andere aus den Wolken in die naivsten, freudigsten Verwunderungen darüber, daß die Mannheimerin mir eine jener frischen, verliebten Frauen so lebenswahr vorspielte, denn sie war aus Mannheim unsere verlobte Wittwe, sie war aus Mannheim und seit acht Jahren in St. Gallen äußerst glücklich verheirathet gewesen. O, ihr Mann war noch viel schöner gewesen als Karl, und wie sie ihn geliebt, und wie beweint hatte – es ließ sich nicht sagen! Ganz St. Gallen war auch, als sie ihn verloren – es war zu Neujahr gewesen, also jetzt gerade sieben und einen halben Monat – ja, ganz St. Gallen war lauter Mitleid gewesen; obgleich eine Fremde, hatte sie sich völlig wie unter Landsleuten glauben können, so hatte man sich beeifert, ihr Theilnahme zu bezeigen, sie zu trösten! Die guten St. Gallener hatten vermuthlich gemeint, einen St. Gallener zu verlieren, müßte für eine Mannheimerin ein geradezu unermeßlicher Verlust sein! Einer der angesehensten Männer war zu ihrem Schutzvogt ernannt worden – die Interessen der armen Verlassenen mußten doch als heilig betrachtet werden. Die arme Verlassene, die so allein auf der Welt war, hatte den Winter über einsam ihrer Trauer gelebt und im Frühjahr eine Landsmännin aus Heidelberg nur darum aufgenommen, weil die unglückliche Frau sich vor den Wirren aus Baden geflüchtet und nicht gewußt hatte, wohin. Diese unglückliche Frau war zufälliger Weise die Mutter von Karl gewesen, und Karl natürlich zu seiner Mutter gekommen, als er mit seinem Bruder nicht in den Aufstand gewollt hatte. Und da hatten sie sich Monate lang täglich gesehen, und so – o, sonst hätte sie's gewiß nimmer gethan, versicherte die Wittwe-Braut. Natürlich, wenn sie Karl nicht kennen gelernt hätte, würde sie sich nicht in ihn verliebt haben. Jetzt war sie's ordentlich, ein junges Mädchen, welches den ersten Bräutigam hat, kann's nicht ärger sein. Karl kam immer zugleich mit dem seligen Mann aus ihrem Munde. Diese Hoffnung auf ihren Künftigen zugleich mit der Trauer um ihren Seligen machte sie ungemein belustigend. Man wußte immer nicht, wen man hörte – ob die Wittwe oder die Braut. Dazu kam, daß dieser lebendige Widerspruch alle seine Empfindungen mit süddeutscher Offenheit herausplauderte. Wir erfuhren alle ihre Angst, daß die St. Gallener merken könnten, wie es mit ihrer Wittwenschaft aussähe, alle ihre Entschlüsse, so lange sie dieses Kleid trage, nicht wieder zu heirathen, alle ihre Furcht vor dem vornehmen Schutzvogt, der ihr jetzt ein wahrer Luxus von Ehre schien, unnütz, sehr unnütz, endlich die Noth, welche sie hier im Hause, in unserm scheinbar so soliden Hinterhofe gehabt. Die Leute waren schrecklich, aber schrecklich neugierig gewesen; immer hatten sie gelauscht, gelacht und bedeutungsvolle Mienen gemacht; selbst der Joseph war anzüglich geworden. Joseph war der Badewärter des Hinterhofes und eine der gelassensten Individualitäten, welche mich je um die Geduld gebracht. Aller Welt hätte ich boshafte Bemerkungen zugetraut, nur nicht dem Joseph, und dieser selbige Joseph hatte doch mit zweideutiger Miene gefragt: ob der Herr denn nicht mit in's Bad gehe. Um diese Frage nicht gar zu impertinent zu finden, muß man wissen, daß hier unter Eheleuten die Sitte des gemeinschaftlichen Badens herrscht, aber freilich nur unter Eheleuten, unter Verlobten nicht. Der heillose Joseph schien indessen Karl und die Wittwe nicht blos für Verlobte halten zu wollen, denn auf ihre Erwiederung: der Herr sei nicht krank, hatte er trocken gemeint: ach, die Herren gingen doch mit, auch wenn sie nicht badeten. Das war denn der armen Wittwe doch zu arg geworden und sie hatte den Bräutigam beschworen, das ungestörte Zusammensein, welches sie hier in Baden gehofft hatten, fahren zu lassen und sie in St. Gallen zu erwarten. Karl war ein vernünftiger junger Mann gewesen und resolut abgereist, aber, ach, was es jetzt der Wittwe leid that, daß sie nicht lieber den Joseph hatte schlaue Bemerkungen machen lassen, ohne den Bräutigam fortzuschicken! Sie wußte sich nicht mehr zu finden, sie brauchte ihre Kur wie im Traume, sie versicherte, daß sie nicht aus dem Fieber herauskomme. Endlich hielt sie's nicht mehr aus – der Doctor mußte ihr die Abreise erlauben. Sie kam zu uns herüber gelaufen, sie war wie elektrisirt, nie habe ich ein glückseliger Geschöpf gesehen. Sie wollte einen Antheil an dieser Freude ihrer kleinen Tochter zuschreiben, aber ich fürchte sehr, die Wonne war einzig und allein für Karl.
Die beiden Wittwen waren von einander verschieden, wie eine graue, moosige Epheuranke, welche sich auf einem Grabstein eingewurzelt, und ein leichtsinniger Finke, der, wenn sein Nest auf einem Baume zerstört wird, sich zwitschernd einen andern sucht, um sich ein neues zu bauen.
Waadtländerin und Pariser.
Ein Nervenzufall.
Die hübsche Madame Picard lag auf dem Sopha und hatte einen heftigen Nervenzufall. Ihr Mann ging verdrießlich und unruhig hin und her und begriff nicht, wie bei einer vernünftigen Frau ein so unvernünftiger Zufall möglich sei. Herr Picard war an Nervenzufälle bei seiner Frau gewöhnt, aber so einer! Wie gesagt, konnte man einen solchen Nervenzufall haben?
Die hübsche Waadtländerin ließ den ernsthaften Genfer nicht lange darüber in Ungewißheit. Sie schrie höchst erbärmlich, daß er sie nicht mehr liebe.
»Aber, meine Theure,« fing der Gatte an.
»Nein, lassen Sie mich,« schluchzte sie. »O, ich weiß es seit lange. Glauben Sie, daß solche Veränderungen dem Herzen einer Frau nicht fühlbar werden? Angebetet, wie ich war, glaubst Du, ich empfinde nicht, Grausamer, daß Du kalt geworden bist, trostlos, ganz und gar kalt?«
»Pauline, wir sind dreizehn Jahr verheirathet.«
»Und das ist ein Grund, um uns nicht mehr zu lieben? Nun wohl, wie Sie wollen, Monsieur, wie Sie wollen.«