Der Mann sprach von Uebertreibung und unbilligen Forderungen, so vernünftig, wie ein Genfer Kaufmann nur sprechen kann. Die Frau aber geberdete sich vor dieser unwillkommenen Vernunft immer krankhaft unverständiger, so daß dem Manne zuletzt Nichts übrig blieb, als der Bonne zu schellen und nach dem Doctor zu schicken.
Die Bonne erhob, als sie ihre Herrin in einem solchen Zustande sah, die Augen gen Himmel, zuckte tragisch die Achseln und verkündete, indem sie durch die Küche eilte, Monsieur bringe Madame noch um, das sei ganz klar.
Die Köchin und ein eben anwesendes Nähtermädchen umarmten den kleinen dreijährigen Emil, der ihrer besondern Sorgfalt anvertraut war, schüttelten traurig die Köpfe und seufzten: »armes Kind!« Emil begehrte noch eine Butterschnitte; unter neuen schweren Seufzern empfing er sie von den bewegten Dienerinnen. Er biß hinein, beschmierte sich beide Backen und watschelte in dieser wahrhaft kindlichen Verfassung hinaus auf die Gallerie, ohne im mindesten zu wissen, daß seine Mutter als ein Gegenstand des tiefsten Mitleidens auf ihrem Sopha am Rande des Grabes lag.
Die Mutter schien es zu wissen, denn sie wehklagte über ihre armen Kinder und beschwor ihren Mann, wenigstens diese zu lieben. Der Mann murrte: das verstehe sich ja von selbst.
Nein, das verstand sich nicht von selbst. Wer die Mutter nicht mehr liebte, wie leicht konnte der auch der Kinder vergessen.
Herr Picard griff sich mit allen zehn Fingern langsam in das Haar. Es war ihm dies seit zehn Jahren nicht begegnet, aber seine Frau hatte sich auch noch nie so aufgeführt.
Sie lag starr und sprachlos, als der Doctor kam. Herr Picard fand diese Sprachlosigkeit recht gut – der Doctor war anderer Meinung. Kaum hörten das die Bonne, die Köchin und das Nähtermädchen, so erhoben sie einstimmig ein Geschrei von solcher Stärke, daß Herr Picard fürchtete, die ganzen Eaux-vives könnten aufrührerisch werden. In dieser Vorstadt von Genf stand nämlich das Häuschen, welches einen kleinen Hof, einen kleinen Garten und zwei kleine Gallerien hatte und von Herrn Picard nebst Frau und Kindern bewohnt wurde.
Nachdem Madame zu Bett gebracht und mit Essenzen gerieben worden war, bekam sie die Sprache wieder und verlangte nach ihren Kindern. Die beiden ältesten Jungen konnten nicht aufgefunden werden – sie fischten irgendwo, wahrscheinlich in nicht kleiner Gefahr, aus dem Kahn in den See zu fallen. Der kleine Emil wurde von der Bonne herbeigeführt – die Mutter küßte ihn und verzog den Mund, weil sie mit dem Kusse Butter auf die Lippen bekommen hatte. Die Bonne, ziemlich hart über ihre wenige Sorgfalt für den Kleinen angelassen, rümpfte die Nase und versicherte dann draußen in der Küche: man könne es Madame nie recht machen; Monsieur möge es manchmal schwerer mit ihr haben, als man glaube. Die Köchin und das Nähtermädchen stimmten der Bonne völlig bei, und Madame schlief ein, ohne länger bedauert zu werden.
Unterdessen las der Doctor dem gelangweilten Ehemanne Moral. Eine so reizbare Frau müsse geschont werden, oder man könne der übelsten Folgen gewärtig sein. Herr Picard rief mit unterdrückter Erbitterung: »Wenn ich nur erst wüßte, wie ich sie schonen soll!« – »Wissen Sie's nicht?« fragte der Doctor. »Nein, ich weiß es nicht,« erwiederte der verdrossene Mann. »Nun, das müssen Sie wissen,« schloß der Doctor phlegmatisch.
Herr Picard wäre beinah heftig geworden, obgleich er ein Genfer war. »Sie können gut reden – Sie haben auch eine Frau –« – »Aber die hat keine Nervenzufälle,« ergänzte der Doctor.