»Das war's, was ich sagen wollte. So haben Sie leicht predigen, was Sie nicht zu thun brauchen.«
»Ich predige nur, was nöthig ist. Denn ich wiederhole Ihnen – schonen Sie Ihre Frau, oder – Sie möchten sie nicht gern verlieren, nicht wahr?«
»Was für eine Frage!«
»Nun, Sie können sie verlieren, wenn dergleichen Auftritte sich öfter wiederholen. Widersprechen Sie ihr nie, sie mag verlangen, was sie will.«
»Zu verlangen versteht sie,« sagte Herr Picard mit einem Seufzer, der vielfachen Erinnerungen galt. »Man sollte meinen, sie wäre statt am See von Joux in Paris geboren worden.«
»Was wollen Sie?« antwortete kaltblütig der Doctor. »Es giebt Frauen, die haben das Genie der Caprice, wie andere das Genie der Liebe. Ihre Frau ist eine von den ersteren.«
Madame Picard.
Also im Jouxthal war sie geboren und in einem Pensionat zu Morges erzogen worden. Ihre Mutter hielt in ihrem kleinen Geburtsort ein kleines Hotel und hatte ein artiges Vermögen. Als Pauline siebzehn Jahr war, verliebte Herr Picard, Pelz- und Schnittwaarenhändler aus Genf, sich in das hübsche waadtländer Mädchen und heirathete sie nach kurzer Bewerbung. So kam sie, jung, unerfahren und erwartungsvoll, in die dritte oder vierte Klasse der Genfer Gesellschaft – vielleicht auch in die fünfte oder sechste. Genf ist ja in so viel Klassen getheilt, wie ein botanisches System. Wodurch die eigentliche Aristokratie sich auszeichnet, habe ich nie verstehen können; man sagte mir, sie sei stolzer als irgend eine, wohne im Winter in der obern Stadt, im Sommer auf dem Lande und sei eben die Aristokratie. Gewiß ist es, daß Madame Picard nicht in die Aristokratie kam und kein Haus in der obern Stadt, sondern nur eins in den Eaux-vives hatte. Trotzdem gelang es ihr, sich zu einer recht angenehmen Frau auszubilden, freilich nur an der Oberfläche und zugleich aus der Natur heraus. Groß und voll gewachsen, würde sie sich ganz gut bewegt haben, hätte sie sich nicht eine gewisse kindische Lebhaftigkeit angeeignet. Die ist bei einem kleinen Figürchen recht niedlich, fällt dagegen bei einer großen Gestalt leicht ins Lächerliche. Ihr Gesicht war weniger gefällig, breit, mit starken Backenknochen und keinem schönen Profil. Im Hute sah sie sogar häßlich aus, in einem kleinen umgeknüpften Tuche dagegen recht anlockend. Sie wußte das und trug sich oft so, verdarb aber, was die Tracht für sie that, gewöhnlich wieder durch kleine gezierte Mienen. Die arme Pauline wollte gern recht gefährlich kokettiren und hatte doch weder große Anlagen dazu, noch die Gelegenheit, ihre kleinen zu entwickeln. Sie war daher unaufhörlich in Bewegung, machte sich immer laut, sprach nur von sich, schob fortwährend ihren Fuß vor, ließ die Hände nie ruhen, wurde mit einem Wort kokett im kleinen Styl. Daß sie den unglücklichen Genfer Accent annahm und mit gekniffenen Lippen zwischen den Zähnen sprach, war nicht nur verzeihlich, sondern unvermeidlich, aber freilich nicht wohltönend. Ihre Bildung war nicht mangelhafter als die der Genferinnen, doch will das nicht viel sagen. Sie hatte das Italienische angefangen und wieder liegen lassen, das Deutsche angefangen und aufgegeben und nur das Englische fortgesetzt, so daß sie es seit einem Jahre ihren beiden ältesten Knaben lehren konnte. Wurde englisch gesprochen, so verstand sie es nicht, aber die Anfangsgründe der Grammatik waren ihr noch erinnerlich genug, um sie überlieferungsartig den Kindern mittheilen zu können. Ihr musikalisches Talent beschränkte sich auf den Vortrag von Walzern, bei denen sie den Takt, um nicht herauszukommen, mit dem Fuße schlug und mit einem ausdrucksvollen Spiel der üppigen Schultern begleitete. In ihren politischen Gesinnungen war sie Republikanerin und Aristokratin, dabei sehr feurig und entschlossen. Wenn die Genfer gedacht hätten wie sie, würde James Fazy, der einstweilige Regent dieser Duodezrepublik, es nicht lange gewesen sein. Im Uebrigen litt sie seit ihrem ersten Wochenbette an einer krankhaften Reizbarkeit der Luftröhre, weßwegen sie nicht mehr singen durfte, stand ihrem Hauswesen mit Ordnungsliebe vor, hegte ziemlich mütterliche Gefühle für ihre beiden häßlichen Zwillinge und ihren kleinen dümmlichen Emil, thronte in einem kleinen Kreise von Freundinnen und würde sich mit Fassung in ihre dreißig Jahre geschickt haben, wäre ihr Mann ihr Liebhaber geblieben. Aber damit hatte er allmählich aufgehört. Natürlich; waren sie nicht dreizehn Jahr verheirathet, hatten sie nicht zwei zwölfjährige und einen dreijährigen Jungen, war Herr Picard nicht ein Kaufmann und vor Allem ein Genfer? Es giebt viele Dinge, welche ich mir vorstellen, eben so viele aber, die ich mir nicht vorstellen kann – zu diesen letztern gehört ein Genfer, der seine Frau anbetet. Naive Mittheilungen von Genferinnen selbst haben mir einen sehr kleinen Maßstab für die Genfer Ehemannsgalanterie in die Hand gegeben. Auch gelten die deutschen Frauen bei den Genferinnen für verzogene Kinder, und diese Bemerkung wird beißend genug gemacht. Pauline würde darin recht gern die deutsche Frau gespielt haben, aber wie schon gesagt, Herr Picard war Genfer durch und durch, das heißt ein großer, etwas steifer, sehr zurückhaltender und bedeutend selbstbewußter Mann, der die Liebhaberrolle nie recht bequem gefunden hatte. Folglich zog er sich im Verlauf der Jahre mehr und mehr in die Gelassenheit des Ehemannes zurück, und ebenfalls folglich erklärte Madame Picard sich für die unglücklichste Frau, nicht nur in Genf, sondern auf Erden, verlangte, um ihr armes Herz auszufüllen, alle möglichen Unmöglichkeiten und bekam, so oft der Gemahl vernünftig widerredete, unvernünftige Nervenzufälle.
Die Frau des Compagnons.
Herr Picard hatte einen Compagnon, der die Dienste eines Commis that. In den sämmtlichen kleinen Orten, welche, um Genf her gedrängt, den Canton ausmachen, lief er, das Pack Proben unter dem Arme, jede Woche einmal umher und forderte die Kleinhändler auf, sich aus der Großhandlung Picard zu versehen. Demohnerachtet war und hieß Herr Hölty – denn diesen Dichternamen führte der Mann – in ganz Genf der Compagnon des Herrn Picard, und in dieser Eigenschaft besaß er ein gemiethetes Haus auch in den Eaux-vives, einen Hund, zwei Kinder und eine Frau.