Madame Hölty war gleich ihrer Compagnonsfrau oder Principalin eine Waadtländerin, doch nicht so tief aus dem Lande, sondern hart von der Grenze, aus Coppet. Funfzig Jahr, von Gestalt mittelgroß und stämmig, von Gesicht etwas tartarisch, mit kleinen schwarzen Augen und einer kupfrigen Farbe. Vor ihrer Verheirathung, wie sie sagte Gesellschaftsdame, wie die böse Welt sagte Kammerjungfer bei einer russischen Fürstin, jedenfalls aber in der Krimm gewesen, denn ihr drittes Wort lautete unwiderruflich: »Als ich in Baktschisarai war.« Auch hatte sie von dieser vornehmen Zeit her die Idee bekommen, daß sie eigentlich zu gut für die Schweiz und hauptsächlich für einen Schweizer sei; dennoch hatte sie einen geheirathet, und zwar den derbsten, welchen sie sich hatte aussuchen können. Mehr wohl um andere Gesellschaft zu haben, als um ihre Einnahme zu erhöhen, hielt sie eine Pension, doch nicht, ohne jedem Fremden die bei den Genfer Pensionshalterinnen stereotype Unhöflichkeit zu sagen: »Wenn ich es nicht nöthig hätte, würde ich es nicht thun.« Die Wahrheit ist: sie empfing die Fremden wie Manna, und den ersten Monat konnte man gar keine aufmerksamere Wirthin finden als Madame Hölty. Sie war eitel Honig und Höflichkeit. Die Diners waren auserlesen, die Frühstücke wahre kleine Schöpfungen. Das ganze Haus verwandelte sich in Rücksicht; Louise, das Mädchen, dudelte nicht falsch, Georges, der Knabe, machte keinen Lärm mit dem Hunde, selbst die Bonne trat in eine erhöhte Sphäre und empfing keinen Befehl, ohne daß Madame hinzusetzte: »s'il vous plait.« Madame wollte durch diese feine Haltung den Fremden einen hohen Begriff von ihrem kleinen, aber ausgezeichneten Hauswesen und besonders von der Herrin dieses Hauswesens beibringen. Es gelang ihr: wenn man sie beim ersten Anblicke für eine gute, aber ordinaire Frau gehalten, so ließ man sich von ihrer Selbstschätzung allmählich überreden, sie als eine kluge Frau anzunehmen, der es allerdings an der vollkommenen Ausbildung gebreche, aber nicht an einem taktvollen Verständniß der Welt. Sie hatte sich einen gewissen Vorrath von gescheidten Aeußerungen zusammengetragen, die tischte sie die ersten Abende zum Thee auf, und wenn man sich auch nicht gerade interessirt fühlte, so langweilte man sich doch mit Geduld. Aß man zum ersten Male am Sonntage mit dem Manne und den Kindern zusammen zu Mittag und sah man in Herrn Hölty die incarnirte Grobheit, welche sich selbst bei guter Absicht gar nicht anders als roh zu gehaben vermochte, so bedauerte man die Frau und fand es natürlich, daß sie andere Unterhaltung wünschte. Aber man fand auch bald, es sei drückend, sie unterhalten zu sollen. Sie wurde sehr eintönig, die höfliche Frau, der man gar nicht ausweichen konnte, die einem des Morgens den ersten guten Tag bot und des Abends die letzte gute Nacht, die einen im Garten begleitete, mochte es Sonnen- oder Mondschein sein, die sich überall neben einen setzen kam und immer sprechen wollte und immer über schon durchgesprochene Gegenstände. Es wurde einem unaussprechlich überdrüssig, immer zu hören: »Als ich in Baktschisarai war,« immer noch einmal die schönen Tartarinnen sich vorstellen zu sollen, die stumm wie Marmor gewesen waren, immer von Neuem zur Theilnahme darüber aufgefordert zu werden, daß Madame Hölty Herrn Hölty geheirathet. Genug, die Fremden und die Wirthin waren den zweiten Monat nie so zufrieden mit einander wie den ersten, wer einmal die Gesellschaft der Madame Hölty gründlich genossen, kam nie wieder, um diesen Genuß nochmals zu suchen, und längere Zeit blieben in den kleinen Stübchen, wo die Fremden eingeschachtelt waren, nur junge Männer, die den ganzen Tag außer dem Hause zubrachten.
Mit Madame Picard lebte Madame Hölty in einem Verhältnisse, welches sie als vertraulich darzustellen suchte. Wenn sie Etwas zu Madame Picard gesagt haben wollte, so verfehlte sie nie der Anrede: »Meine Theure« zu erwähnen. Wenn sie wirklich mit Paulinen sprach, sagte sie Madame Picard, sowie Pauline Madame Hölty sagte. Pauline kam selten zu Madame Hölty, Madame Hölty fast noch seltener zu Paulinen. Madame Hölty vertraute den Fremden, mit welchen sie über Madame Picard redete: Madame Picard sei ihr zu weltlich, der Kreis, der Pauline umgebe, ein zu frivoler; aber ging man etwas mehr auf den Grund, so ergab es sich, daß der Kreis Paulinens und Pauline selbst Madame Hölty mit ihren Erinnerungen an Petersburg und Baktschisarai zu langweilig fand und sie deßhalb in ihrem Bewußtsein sitzen ließ. Nur nach Nervenzufällen begehrte Pauline die Compagnonsfrau, weil diese die Gefälligkeit haben mußte, alle Klagen der unglücklichen Frau anzuhören. So kam es denn, daß noch am Abend nach der letzten Katastrophe Madame Hölty am Bett Paulinens saß.
Vertrauliche Unterredung.
Pauline klagte lebhaft und selbst leidenschaftlich. Herr Picard war wenigstens ein Ungeheuer und hatte es lediglich der Schonung seiner Frau zu verdanken, daß er nicht noch etwas Anderes, Aergeres wurde. Madame Hölty hörte zu, bis Pauline erschöpft zurücksank, dann sagte sie langsam – Madame hatte eine langsame, einförmige Redeweise, gerade wie ihr Gang – also langsam sagte sie: »Was wollen Sie, Madame Picard, wir sind an Schweizer verheirathet. Sie wissen, ich habe es Ihnen schon gesagt, daß ich nie einen Schweizer heirathen wollte, weil alle Schweizer Egoisten sind, aber da wir Beide es nun einmal gethan, müssen wir auch Geduld haben.«
Pauline murmelte: es sei manchmal recht schwer, Geduld zu haben, und diese Worte galten ebenso der guten Madame Hölty, wie dem unliebhaberhaften Ehemanne.
»Sehen Sie,« fuhr Madame Hölty fort, »wie es bei uns ist. Wie oft habe ich zu meinem Manne gesagt: es hat Alles im Hause seinen Platz, nur du nicht. Am Sonntag, wo er mit uns sein könnte, bleibt er wohl? Früh um fünf auf den See, nachher spazieren, Nachmittags zu Freunden. Abends selbst führt er noch den Hund aus. Ueberschlagen Sie sich dagegen, wie viel Sie von Herrn Picard haben.« Pauline dachte, es komme denn auch darauf an, ob die Frau dreißig oder funfzig, hübsch oder tartarisch sei; Madame Hölty aber fuhr in glücklicher Arglosigkeit fort: »Ich versichere Ihnen, mehr als ein Fremder hat mich schon gefragt: »Aber, Madame Hölty, ist Ihr Mann denn unsichtbar?«
»Das wäre eben kein so großer Schade,« zischelte Pauline vor sich hin. Laut fragte sie: »Ist Ihr Mann noch immer eine Woche conservativ und die andere radikal? Darüber ärgere ich mich bei ihm; sonst ist's ein recht guter Mann.«
»Nun,« sagte Madame Hölty, welche die Partei ihres Mannes ergriff, sobald von Jemand anders, als von ihr auf ihn geredet wurde, »nun,« sagte sie lauernd, »es hat Ihnen doch voriges Jahr ein entschieden Radikaler gar nicht so mißfallen, wie mein armer Mann.«
Trotz ihres gehabten Nervenzufalles wurde Pauline roth und antwortete sehr verlegen: »Ach, Herr Leon – aber das ist auch etwas Anderes – er ist ein junger Mann und in Paris erzogen worden – wo soll er da gute Grundsätze bekommen haben? Ich bin überzeugt, hätte er länger unter uns gelebt, er hätte sich geändert – er sagte mir, mit den Genfer Frauen könne man sich ganz anders unterhalten, als mit den Pariserinnen; wir wären viel ernster und gediegener.«
Als Madame Hölty später dieses Gespräch mittheilte, wollte sie Paulinen geantwortet haben: »Aber, meine Theure, glauben Sie doch nicht, daß Herr Leon das ernstlich gemeint habe – kennen Sie denn die Franzosen nicht? Sie sagen jeder Frau dergleichen Dinge – es ist das ihre Art.« In der Wirklichkeit aber, am Bette Paulinens sitzend, sprach sie falsch schmeichlerisch: »Man konnte es wohl sehen, daß Herr Leon sich sehr gern mit Ihnen unterhielt, Madame Picard,« und süßer noch setzte sie dann hinzu: »Wissen Sie, daß er wieder hier ist?«