„Well!“ Mr. Dalrymple fühlte Boden unter den Füßen und war offenbar erleichtert. „Meine russischen Freunde sind des Lobes voll über Ihre wissenschaftlichen Leistungen, mein Herr, — gestatten Sie, daß ich die Kupfer zu meinem neuen Werk, die soeben eingetroffen sind, Ihrem Urteil unterbreite.“

Die beiden Männer vertieften sich alsbald an der Hand dieser Abbildungen in ein Gespräch, bei dem George ein wenig das unheimliche Gefühl hatte, daß seinem Vater auf den Zahn gefühlt werde, was dieser indessen nicht zu bemerken schien und seine Kenntnisse mit bereitwilliger Fröhlichkeit entfaltete. Nach einer Weile schlug Mr. Dalrymple mit zufriedenem Gesicht die Mappe zu, und nach einem kurzen Blick auf das blaue Emailzifferblatt seiner kugelförmigen goldenen Uhr sagte er, daß er nun in eine Sitzung müsse, ob Mr. Forster etwa bereit sei, ihn zu begleiten? Er würde einen Kreis von Männern antreffen, die nichts anderes als willens seien, das Gute und Vortreffliche zu unterstützen, wo immer sie es anträfen, — kurz, es handelte sich um einen Besuch in der Loge „Zur goldenen Gans“, eine der kostbarsten Tochterlogen der Großloge von England, von der Forster zweifellos schon gehört hatte, — hatte er etwa nicht? — und zu deren Aufsehern Dalrymple zu gehören sich schmeicheln durfte. Ob Forster davon gehört hatte?! Aber hier stand er ja mit einem Schritt am Ziel seiner Wünsche, am Ziel der Wünsche aller Pläneschmiede und Projektenmacher seiner Zeit, und mochte man immer in Deutschland noch vielfach die „Freymäurer“ für Deisten und Libertiner, für Independenten schlimmster Art halten, darüber war er denn doch hinaus, vor allem, da er hier nicht als preußischer Prediger stand, — und überhaupt, gleichviel! Wenn er nur Hilfe und Unterstützung fand, — und waren die hier nicht jedem Strebenden gewiß? Ob man den Knaben mitnehmen konnte? Aber nein, dies ging nicht an, und so wurde George angewiesen, zu warten, ja Mr. Dalrymple legte ihm, unter der Tür noch einmal umkehrend, ein Buch in die Hände, das George gleich an dem rauhhaarigen Mann auf dem Titelblatt, der, strumpf- und schuhlos, aber mit zwei Flinten und einem riesigen umgeschnallten Säbel bewehrt, auf einem unverkennbaren Eiland fußend dastand, als eine englische Ausgabe des ihm wohlbekannten „Robinson“ erkannte. Da er von jeher keine große Vorliebe für die ungemütlichen Schicksale dieses Helden gehabt hatte, legte er das Buch auf den Tisch, sobald Schritte und Stimmen der Männer verhallt waren, und nun blickte er sich im Zimmer um, und eine ganze Weile tat er nichts anders als dies, daß er um sich blickte und, — von Entzücken überwältigt, — lächelte.

Wie war das alles so über die Maßen schön und wunderbar!

Er hockte auf seinem Taburettchen an dem einen Ende des langen Tisches, der in seiner Mitte, dort wo der hochlehnige Sessel mit der Stirnseite zum Fenster gewandt davorstand, als Schreibtisch diente und auf wohlumgrenztem Raum mit Schriftwerk aller Art, einem außerordentlich schönen Schreibzeug aus Bergkristall und Gänsekielen in reicher Auswahl bedeckt war, am entgegengesetzten Ende aber den Zweck eines Zeichentisches erfüllte, auf dem Reißbretter, Zirkel und Winkelmaß nebst den verschiedensten Farbennäpfchen und Fläschchen chinesischer Tusche mit Pinseln, Papieren und Pergamenten sich breit machten, — während auf der ihm zugewandten Seite ein kunstvoller Himmelsglobus stand, von den fremdartigsten Instrumenten umgeben, wie er sie wohl in der Kajüte und in den Händen der Schiffer gesehen, aber nie in solcher Nähe vor sich gehabt hatte. Dies war ein Kompaß und jenes da ein Sextant, er wußte es, aber ihr Gebrauch war ihm doch mehr oder weniger rätselhaft. Und welche Auswahl jener wundersamen Rohre, in deren Rund die Ferne sich einfangen ließ, lag hier auf Purpursamt gebettet und funkelte sanft! Dicht vor ihm stand ein solches Rohr aufgestellt, aber senkrecht gerichtet und ein Glasplättchen unter sich, auf dem ein perlmuttern gefleckter Schmetterlingsflügel lag, — ein Mikroskop —, er kannte auch dies, und das zweibeinige Ungeheuer am Fenster, das breitstelzig dastand und seine Mündung auf die Wolken richtete wie ein Geschütz, mochte ein Himmelsfernrohr sein, mit dem Dalrymple in den seltenen klaren Nächten nach Mond und Sternen sah. An dem letzten Fenster ruhte eine gewaltige Erdkugel von verschossenem Grün in einem tischhohen Gestell, vor dem Kamin hing ein kunstvolles Schiffsmodell mit einer Menge winziger drohender Kanonenrohre von der Decke herab, und dort, wo die Wände nicht von Karten bedeckt waren, standen Regale mit Büchern gefüllt und von den merkwürdigsten Gegenständen gekrönt, einer blendend weißen, wunderbar verästelten Koralle etwa oder einem ausgestopften metallisch erglänzenden Vogel von sonderbar jüdischem Aussehen, einer Blaurake, wie er später vernahm. Auch gab es einen Glasschrank, der Erzstufen und Kristalldrusen, aufgespannte lasurfarbene Schmetterlinge, rosige ostindische Muscheln und dergleichen zu bergen schien, jedoch erhob sich George durchaus nicht, um diese Merkwürdigkeiten näher in Augenschein zu nehmen, sondern es genügte ihm vollkommen, hier zu sitzen, ganz an das unerklärliche Behagen hingegeben, das dieser Raum auf ihn ausströmte. Wohl, er kannte alle Gegenstände im einzelnen, kannte sie bis zum Überdruß aus dem Petersburger Museum und hatte dieses und jenes Instrument in den Studierzimmern der gelehrten Freunde seines Vaters wahrgenommen, Arbeitsräumen, die gemeinhin verräucherte Höhlen waren, in denen mehr oder weniger in ihrer äußeren Erscheinung vernachlässigte Männlein lichtabgewandt hausten, wie syrische Anachoreten. Das Kabinett des Vaters daheim mit den fichtenen Büchergestellen und dem wackligen Stehpult fiel ihm ein, er sah den Schatten des Gaisblatts auf den blankgescheuerten Dielen tanzen, sah ein kleines Geschwister dort kriechen und danach haschen und sich sodann irgendwie unwürdig benehmen, auch das Petersburger Quartier sah er vor sich, in dem ungemachte Betten, Kleider, Bücher, Stiefel, Manuskripte und Tabakspfeifen ein hoffnungsloses Durcheinander gebildet hatten, — dies alles zog zum Vergleich herausfordernd an ihm vorüber, und nur mit dem Erfolg, daß er sich auch weiterhin nicht rührte, um sich blickte und lächelte. So mußte es sein, ach ja, ganz so, und nicht anders, und hier mußte man am Tisch sitzen gleich dem ruhmreichen Dalrymple, sauber und korrekt vom Scheitel bis zur Sohle, ohne die geringste Vernachlässigung im Anzug, einem Offizier mehr gleichend als einem Bücherschreiber, von elastischer Straffheit in jeder zielbewußten Bewegung, eine Klarheit von Stirne, Augen und dem Lächeln des Mundes ausstrahlend, die den wundervoll geordneten und durchgebildeten Aufbau der inneren Welt verriet, wo alles durchsichtig und gesetzmäßig lebte und arbeitete. Hier entstand kein Gedanke, der sich nicht dem Ziel untergeordnet hätte, auf das Dalrymples Arbeit just gerichtet war, und nichts war sicherer, als daß das Rad der Tätigkeit in diesem gleichmäßig wachen Haupt nie stille stand, mochte es auch zuweilen sanfter gehen, etwa nur von den Eindrücken eines Morgenrittes im taufeuchten Hydepark, eines Abendganges am Flußufer, den heimkehrenden Herden entgegen, oder auch allein von den lichtvollen Traumbildern einer Nacht bewegt. In seines Geistes Fülle versenkt, doch mit dieser Arbeit, dem Element seines Lebens, unmittelbar der Wohlfahrt seiner Mitbürger dienend, ihren Handel und Wandel, wie er sich vor seinen Fenstern tausendfältig und ameisenhaft entfaltete und abspielte, fördernd, unsichtbar eingreifend, Richtlinien gebend und Ziele verleihend, Englands Sohn mit Leib und Seele auch darin, daß er seefahrtskundig sein Schiff mit eigener Hand durch die Meere zu steuern verstand, — doch auch dies nur zweckerfüllt und niemals aus dumpfer Schwärmerei oder Abenteuerlust unternehmend —, siehe, da war das Ideal des kleinen George Forster, wie es, ihm selber unbekannt und annoch in sieben Schleier gehüllt in seiner Seele schlummerte, plötzlich Fleisch und Blut geworden, trat vor ihn hin und lockte sein Spiegelbild hervor, daß es dem Knaben vor Augen trat, freilich unklar wie aus beschlagenem Glas. Es deuchte ihn eine fast unausdenkbare Seligkeit und doch das einzig begehrenswerte Ziel, in einem Gemach gleich diesem hausen zu dürfen, Besitzer zu sein solcher geordneter schimmernder Bücherreihen, mit solchen blanken ernsthaften Geräten, in denen der erhabene Geist der Mathematik sich in klaren einfältigen Formen offenbarte, rasch und sicher hantieren, mit raschelnder Feder perlenschnurgleiche Buchstabenreihen über reines körniges Papier ziehen und so ganz und gar bis in die kleinste Einzelheit von Ordnung und Zweckmäßigkeit umgeben sein zu können. Diesem Kinde hatte Arbeit das Spiel zu früh ersetzen müssen; was Wunder, wenn seiner Art zu arbeiten lebenslänglich etwas von der Methode des Spielens anhaftete, daß sie einer gewissen Verklärung durch die Phantasie bedurfte, um fruchtbar zu sein, eines Anreizes in der Gestalt ihrer äußeren Hilfsmittel, daß ihre Spannkraft im höchsten Grade von Abwechselung abhängig war, — ja, daß sie sich selbst zuweilen mit ihrem Schatten, mit einer Absicht, einem Plan, einem Projekt verwechselte? Gleichviel! Als George etwa eine Stunde allein in diesem Heiligtum der Wissenschaft gesessen hatte, war er von dem schweigsamen Geiste der Tätigkeit, der hier herrschte, so durchdrungen, daß er von sich selbst gerührt war und ein so reinliches Gewissen in sich fühlte, als habe er angestrengt gearbeitet, zugleich aber empfand er eine inbrünstige sehnsüchtige Kümmernis, die sich uneingestanden aus hoffnungsloser Verzweifelung, aus einem armen kleinen Neid zusammensetzte.

Ein Kompaß lag vor ihm auf dem Tisch, die Magnetnadel unter einer schwach gewölbten Scheibe von Bergkristall eingelassen in eine handtellergroße sechseckige Bronzeplatte mit eingeritzten Ziffern, auf die ein niederzuklappender Weiser mit seinem Schatten deuten mußte, — eine winzige Sonnenuhr also, ein äußerst sauberes, zierliches, handliches Gerät, das man in seinem Futteral von rotem Maroquin überall bei sich tragen konnte, — er widerstand der Versuchung nicht, es in die Hand zu nehmen, und betrachtete es andächtig. Bion à Paris stand im Halbkreis um den Kompaß herum zu lesen, — ach ja, solche Gegenstände galt es zu besitzen und sich ihrer unter freiem Himmel zu bedienen, — er seufzte ein wenig und legte das Instrumentchen zärtlich auf den Tisch zurück. In diesem Augenblick tat sich die Türe auf, und ehe er es sich versah, stand ein Kind in der Mitte des Zimmers, ein kleines Mädchen in zierlich gerafftem lichtblauen Kleid, stockte bei seinem Anblick und sagte in den ausdrucksvollsten Tönen: „What are you doing here? In my fathers room and in our house? How did you come in?“ Dabei blitzte sie ihn mit empörten grünbraunen Augen an und hob eine große weiße Angorakatze, die mit ihr gekommen war und ihre Knie umschmeichelte, mit beiden Händen auf, es war nicht zu erraten, ob als Waffe und um sie gegen ihn zu schleudern, oder um sich an dieses befreundete Wesen anzuklammern, denn sie selbst machte eine ganz kleine Wendung zur Tür, bereit, sich bei der geringsten verdächtigen Bewegung des Eindringlings zurückzuziehen. George indessen, dem sein Englisch auf einmal wegschwamm, war aufgesprungen, ließ die Arme hilflos hängen und stammelte erschrocken eine deutsche Erklärung für seinen unbegreiflichen Aufenthalt in diesem Heiligtum, die er gleich darauf, etwas gefaßter, auf Englisch wiederholte, als er den ratlosen Ausdruck der jungen Dame wahrnahm. Während dieser Erklärung, in der „my father and Mr. Dalrymple“ den festen Kern eines Knäuels verwirbelter Perioden bildeten und die Wendung „You know“ zur Ausfüllung von Verlegenheitspausen oftmals wiederkehrte, begann das Kind zu lächeln, die rosige Wange in das Fell des Tieres schmiegend, und sodann, auf ihn zutretend und mit spitzen Fingerchen auf ihn deutend, sagte sie in hohen zwitschernden Tönen: „Du bist kein Engländer, du, — das bist du nicht!? Aber du kommst nicht aus Indien wie Arya.“ Hierauf, mit demselben Fingerchen sein Gesicht berührend, die kleine Nase ein ganz klein wenig angeekelt kraus ziehend, nachdenklich: „Was ist das? Was hast du da? Haben alle Leute in deinem Lande so kleine Löcher in ihrer Haut?“ Worauf George, mit der eigenen Hand über seine pockennarbige Wange streichend, beschämt eingestand, daß dieser beleidigende Anblick von einer Krankheit herrühre, wobei er sich trostlos verhedderte, da ihm die nötigen Ausdrücke fehlten und schließlich: „Bad cough, you know!“ sagte, weil dies im Grunde die einzige Krankheitsbezeichnung war, die er auf Englisch wußte, da Mrs. Freeling an einem bad cough litt und ihre Gäste einzig davon zu unterhalten pflegte. Er war äußerst peinlich berührt und von einer nach Tränen verlangenden Erregung durchzittert, darüber, daß dies fremde Mädchen ihn so ohne weiteres auf seine körperlichen Mißstände anredete, zumal da es ihn nach seiner Erklärung durchaus nicht mitleidig, sondern weiter mit kühler Neugier betrachtete, wie ein ausländisches Tier. Jedoch ging nun plötzlich wieder jenes Lächeln über ihr Gesicht, das tanzende Sternchen in die Augen zu zaubern schien, und aus dem goldbraunen Geringel der Locken gleicherweise wie aus den vereinzelten lustigen Sommersprossen in der zarten Haut, den blaßroten Lippen und den weißen Zähnchen leuchtete; sie sagte nachsichtig: „You look like a little old man!“ drehte sich einmal auf dem Absatz um, mit einer Handbewegung, die das ganze Zimmer vorstellend umfaßte: „Mr. Dalrymple is my father,“ und, wieder Aug’ in Auge mit ihm, schloß sie: „And that’s Pussy,“ wobei sie ihm die Katze mit beiden Armen hinreichte und die Krallen des Tieres mit einem ausdrucksvollen „Don’t, Pussy!“ aus dem Musseline ihres Kleidchens löste. „Halte sie einen Augenblick! Ich werde dir etwas Komisches zeigen.“ Eilig lief sie zu dem großen Globus in der Ecke des Zimmers, umspannte die Kugel mit beiden rundlichen Armen und versuchte sie aus dem Gestell zu heben. „Nein, ich kann es nicht allein,“ rief sie zornig, „schnell, komm her und hilf mir. Aber so halte doch die Katze!“ Und da George nun ratlos dastand, denn er hatte die Katze losgelassen, um die Hände frei zu bekommen, und Pussy zog sich eilig in die Nähe des Kamins zurück, trommelte sie mit beiden Fäustchen auf den Globus, rief lachend und aufgebracht: „How funny a boy you are!“ und brachte es dann unter Stöhnen und Prusten mit seiner Hilfe zustande, daß die große hohle Kugel, auf der die Weltteile und Ozeane von Abbildungen der seltsamsten Fabelwesen, wie von Einhörnern, Meerweibern und Seeschlangen bevölkert waren, in die Mitte des Zimmers gerollt wurde. Nun hieß es: „Try to catch Pussy!“ denn Pussy hatte sich, entschieden ahnungsvoll, auf die hohe Lehne eines der Kaminsessel zurückgezogen und beobachtete die Vorbereitungen mit Mißtrauen, — entwich bei der Annäherung der Kinder von dort und schritt mit vorgetäuschter Würde und affektierter Zierlichkeit über alle Geräte, Papiere und Bücher des Arbeitstisches hinweg, raste sodann in einem Ausbruch von Verzweiflung in dem ganzen Raum herum, wobei ihre Besitzerin vor Lachen umfiel, George aber seinen ganzen Ehrgeiz entfaltete und sie griff, indem er ihr den Weg versperrte. „I have her, Miss!“ schrie er triumphierend, erntete ein vor Lachen atemloses: „Oh, how awfully funny! Don’t call me Miss! I am Evelyn!“ und nun ward das sich scheinbar in sein Schicksal ergebende Tier, — ein Kater übrigens, — mit allen Vieren auf die Kugel gestellt. Sofort begann es unbehaglich einen Fuß vor den anderen zu setzen, um hinunterzugelangen, hierdurch geriet die Kugel in Bewegung, Pussys Unbehaglichkeit steigerte sich zum kläglichen Miauen, er reckte den Schwanz steil auf und, unentwegt weiter trippelnd rollte er auf der Kugel durch den ganzen Raum, von Evelyn jauchzend umtanzt und von George unter Staunen begleitet. Als nun wiederum jemand eintrat, und zwar diesmal eine hagere ältliche Dame, die von seinem Anblick ebenso überrascht schien wie Evelyn vorhin, hatte er doch bereits genug Unbefangenheit gewonnen, um auf des Kindes vergnügte Einführung seiner Person: „Only listen, Miss Jones!“ und zu ihm gewandt: „Now tell her that of Mr. Dalrymple and my father!“ eine leidlich wohlgesetzte Erklärung seiner Anwesenheit fertigbringen zu können, die zwar Evelyn enttäuschte („You told it otherwise and much more funny last time!“), jene würdige Dame aber hinreichend befriedigte. Er wurde nun mit ins Wohnzimmer genommen, er bekam Tee mit geröstetem Brot, Butter und Marmelade, er mußte der Miß von Deutschland und St. Petersburg berichten, wozu sie abwechselnd „Awfully!“ oder „How strange!“ sagte und gelegentlich seine Sätze verbesserte. Evelyn jedoch setzte ihm drei Puppen auf den Schoß und erklärte ihn zu deren Großvater, — denn der Vater sei nun einmal Pussy, von jeher, und könnte doch nicht abgesetzt werden! —

Es ist eine bemerkenswerte Tatsache, daß das Leben eines jeden Menschen in seinem Verlauf Strecken aufweist, die, obschon durch Jahre getrennt, einander doch seltsam ähneln, weniger ihrem Inhalt als ihrem äußeren Rhythmus nach. Als der Vater mit ihm in Warrington nahe bei Manchester angelangt war, wo er am Predigerseminar die Stelle eines Lehrers für Naturgeschichte und Sprachen angenommen hatte, — als sie dort ein kleines Haus inmitten eines Gärtchens voller Stockrosen und Stachelbeeren bezogen hatten, — als schließlich die Mutter mit den Geschwistern angelangt war, und sie sich nun alle mitsammen, da der Winter ins Land zog, eng aneinanderschlossen, der Kälte und der Fremde Trotz boten und sich gegenseitig zur Heimat wurden —, da schien es George anfangs, als steige verjüngt und verklärt die erste Zeit seines Lebens wieder herauf. Dem Himmel sei Dank, man war nicht nach Amerika gesegelt, um dort ein gewisses gottverlassenes Gebiet näher zu untersuchen, wozu Lord Baltimore die nötigen Mittel herzugeben bereit war, denn dieser Würdenträger schien besonders neugierig auf die Verhältnisse in jenem Landesteil. Man hatte auch auf die Pfarre verzichtet, die Lord Shelburne in Persacole, einem äußerst idyllischen Ort, zu vergeben hatte, jawohl, man tat sich nicht wenig auf seine Grundsätze zugute, ließ sich nicht ein auf ein nicht ganz fest gesichertes Unternehmen, — („war nicht die Schachfigur irgend so eines Großen, verstehst du, mein Sohn!“) und machte sich nicht noch einmal im Leben zum Schuhputzer eines Patrons, indem man den Büttel im Predigerrock darstellte („jawohl, denn darauf kam es doch schließlich heraus!“). War es auch etwas Entzückendes um das Entgegenkommen all dieser Brüder im Geiste der Loge, man hatte doch seine persönliche Freiheit zu wahren, (dies war der neueste Standpunkt), und letzten Grundes wollte man sich nicht festlegen, weil Mr. Dalrymple da einige Andeutungen gemacht hatte, — einige ganz unverbindliche Andeutungen … Kurz und gut, Reinhold Forster schied von London, nachdem er Mitglied einer Loge geworden war und auf die „Vereinigung aller Guten zum Guten“ schwur. Jedoch, so ausgiebig er die Grundsätze der Verbindung in seiner Unterhaltung anbrachte, die Gleichheit aller Menschen vor dem höchsten Gesetz war ihm keineswegs in Fleisch und Blut übergegangen und er, für sein Teil, bewahrte seit den Petersburger Erfahrungen ein dumpfes Mißtrauen gegen die, die er „die Großen“ nannte, war auf seiner Hut und würde sich nicht noch einmal übertölpeln lassen. Leider drang ihm dies Bewußtsein seiner Überlegenheit dermaßen aus allen Poren, daß er allerlei Anstoß damit erregte, worüber er sich wiederum nicht wenig wunderte, da er sich für außerordentlich diplomatisch hielt. Auf George hatte die Schilderung der freimaurerischen Gebräuche und Feierlichkeiten einen tiefen und beseligenden Eindruck gemacht, und es erhöhte den Zauberschein, der Mr. Dalrymple in seiner Vorstellung umgab, noch bedeutend, daß dieser in seiner Loge ein Ehrenamt bekleidete und somit von priesterlicher Würde umflossen war. Im stillen hatte er es sich fest vorgenommen, seinerzeit die kleine Evelyn zu heiraten und als demütiger Famulus um Dalrymple herum zu leben, betraut mit der Instandhaltung der Instrumente und dem Kolorieren von Landkarten, auch mit Schreibarbeiten, die er besonders künstlich und schön auszuführen gedachte, wenn er dabei nur in jenem unvergeßlichen Raum leben durfte, — aus dem er übrigens Pussy verbannt wissen wollte. Dies Ziel vor Augen begann er seinen Weg mit einer ersten Ahnung von Bewußtheit zu gehen. Es war ein Jammer, daß der Vater Mr. Dalrymple so wenig glich, daß er so gar keinen Wert auf Akkuratesse und Pünktlichkeit legte und trotz seiner Vorliebe für ein elegantes Auftreten, oder vielmehr einer Neigung für das Bunte und Prächtige, sein Äußeres vernachlässigte, wenn man nicht auf ihn achtete. Er, George, begann jetzt, seinen eigenen Sinn für peinliche Ordnung wie ein Steckenpferd zu pflegen und erzielte unter seinen Gebrauchsgegenständen, seinen Büchern, Papieren und Schreibgeräten eine ihn selbst entzückende Nettigkeit, die sich auch auf seine Kleider und Schuhe erstreckte und so weit ging, daß er aufgebracht wurde, wenn die Mutter sich dieser Dinge wieder annehmen wollte oder gar Fieken, die während der Trennung etwas, wie ihm schien, aufdringlich Hausmütterliches angenommen hatte. Die Mutter, immer noch in der ersten bitteren Ergriffenheit von seinem Anblick, da sie ihn so gewachsen, abgemagert und mit einem Schatten von stillem, grauen Ernst auf dem schmal gewordenen Gesicht wieder gefunden hatte, ließ ihn gewähren und meinte in diesem ihrem ersten Kinde ihr eigenes Herz zu erkennen, wie es sich in den vierzehn Jahren ihrer Ehe aus kindlichem Lebensvertrauen in die stumme Ergebenheit des Dienenmüssens geschickt hatte. In den ersten Tagen nach ihrer Ankunft geschah es einmal, daß sie in der Dämmerung des Oktoberabends mit ihm allein war, oder doch wenigstens ohne den Vater und die größeren Geschwister. Sie saß am Fenster, mit dem Jüngsten auf dem Schoß, und blickte tödlich erschöpft in den erlöschenden Herbsttag, ohne einen anderen Gedanken als den der Dankbarkeit, daß sie nun festen Boden unter sich fühlte und nicht mehr den schwankenden des Schiffes oder der Postkutsche. Daß sie das nun hinter sich hatte, Sturm und Wellen, Kattegatt und Skagerrak, sie allein mit den fünf Kindern! Mein Gott, sie schauderte immer wieder unter einem Rückkehren der körperlichen Angst dieser letzten Wochen und lächelte matt und erlöst zu George auf, der schon eine Weile an ihre Schulter gelehnt neben ihr stand, ohne sich zu rühren. Jetzt glitt er nieder und kniete vor ihr, Augen und Hände scheinbar mit dem Kleinen beschäftigt, dessen Fingerchen er festhielt. Dann aber begann er über das Kleid der Mutter hinzutasten, zögernd und ungeschickt, als begrüßte er die bunten Streublümchen in dem braunen Perkal alle einzeln, und nun faßte er nach dem Medaillon aus dünnem Golde, das ihr an einem Sammetband um den Hals hing, und das, er wußte es, ein Löckchen von ihm selbst aus seinen ersten Lebensjahren barg. „Ach, — auch das …“ murmelte er und schlug plötzlich die Augen voll zu ihr auf, die im nächsten Augenblick von Tränen überflossen, während er das Gesicht an ihre Knie drückte, ihren Schoß mit beiden Armen umspannte und so krampfhaft schluchzte, daß sein ganzer Körper bebte. Sie, erschrocken, und doch nicht unvorbereitet auf diesen Ausbruch, legte die Linke auf seinen Kopf, — die Rechte umfaßte und hielt den kleinen Christian —, und so, ihn ab und zu sanft streichelnd, sagte sie nichts weiter als: „Georgie, — mein Georgie …“ in einem Ton hoffnungsloser Ermüdung, in dem aber mehr Zärtlichkeit und Verständnis lagen, als mit vielen Worten sich hätte ausdrücken lassen. Endlich, als das Weinen verebbte und seine Arme sich ein wenig lösten, wandte sie den Blick vom Fenster zu ihm und sich über ihn neigend, selbst aufschluchzend in einer Wallung von Gram und Zorn, fragte sie mit rauher Stimme: „Hat er dich geschlagen, oft geschlagen, mein Kind?“ — und fuhr dann fort, ihn stumm zu liebkosen, indem sie den Oberkörper hin und her wiegte und mit einem Ausdruck unsäglicher Bitterkeit über ihn weg ins Leere blickte. —

Während harter, trockener Arbeit, die ihn an sein Tischchen in der Fensternische des großen Wohnzimmers spannte wie einen Ackergaul vor den Karren, — hier saß er gebückt und übersetzte, er, der zwölfjährig sechs Sprachen beherrschte, — da war es doch gut, war tröstlich, draußen die Mutter hantieren zu hören und den gleichmäßigen Verlauf häuslichen Lebens um sich zu spüren! Wie hätte er wohl sonst dies ausgehalten, dies Nachbauen großer systematischer Werke mit einem anders gefärbten Material, aber so, daß Stein um Stein sich deckte, daß ein Gebäude entstand, dem Vorbilde aufs Haar gleichend, in jedem Türmchen und Eckchen, in jedem Geräte der Einrichtung, — oh, dies beständige Hin- und Herblicken von Buch zu Buch, dies Vergleichen, dies Abwägen der Worte, — und was dann endlich vor ihm lag, war nichts Neues, war ewig wieder dasselbe, was schon einmal dastand. Indessen wußte er jetzt, daß es ein Hilfsmittel gab, solche Arbeit erträglich zu machen, es war eine rastlose geduldige Hingabe an die Genauigkeit und Buchstabentreue, an der er sich erbauen konnte, wie an der rechtwinkligen Aufstellung seiner Bücher und Geräte oder an dem tadellosen Anblick einer fertigen Manuskriptseite. Hier war er seiner selbst sicher, keinen Anfechtungen und Zufällen ausgesetzt wie beim Unterrichten der Geschwister oder der englischen Knaben in jener Schule, die er dreimal wöchentlich mit größter Überwindung betrat und mit dem Gefühl bitterster Demütigung wieder verließ, halb ohnmächtig von der Anstrengung, die ihn das Aufrechthalten seiner Würde, das Übersehen und Überhören des Spottes seiner Schüler und die reinliche Erfüllung seiner Pflicht kostete. Gleichzeitig war er von Hunger geschwächt, der ihn in diesen Jahren zu überfallen pflegte, wie ein reißender Wolf, denn sein Körper streckte sich nun und befand sich in fortwährendem Aufruhr gegen die Lebensweise, der er unterworfen wurde. Dann führte ihn sein Heimweg an jener Bäckerbude vorüber, — ach nein, — er führte gar nicht daran vorüber, aber man konnte doch durch jene Straße gehen, wo sie sich befand, magisch anziehend mit dem stillen Glanz ihres Schaufensters, hinter dem die leckersten Apfel- und Fleischpastetchen lagen, während ein köstlicher warmer Duft nach frischem buttrigen Gebäck das ganze Gebäude umwitterte. Er würde vorbeigehen, dies war ihm meist zwei Schritte von der verhängnisvollen Türe entfernt noch ganz klar, gewiß, er würde nicht erliegen, — nicht einmal die Augen wollte er der Versuchung zuwenden, — ach, warum war er überhaupt durch diese Straße gegangen? Und welche Gewalt war es, die ihn dann hinriß, eine scharfe Biegung auf die Türe zu zu machen und sie aufzustoßen? Manchmal gelang es ihm, vorüberzukommen, aber nach zehn Schritten kehrte er dann um und lief beinah zurück, mit wässerndem Munde und die Faust in der Tasche um ein armes kleines Geldstück geballt, manchmal auch ging er rasch, aufrecht, mit trotzig vorgeschobener Unterlippe auf den Laden zu, und das meist, wenn er gar kein Geld hatte und darauf rechnete, daß die Bäckersfrau ihm auf den Namen und Stand seines Vaters hin Kredit geben würde. Hierauf konnte er es kaum erwarten, den stillen Heckenweg zu erreichen, wo er die Tüte öffnen und hastig und gierig über die Kuchen herfallen konnte, die er verschlang, ohne recht zu kauen, atemlos, während ihm Tränen aus den Augen liefen und er nur den letzten mit zögernder Andacht verzehrte. Da nun der Hunger gestillt war, überkam ihn die schrecklichste Reue, wie er dermaßen habe schwelgen können, ohne der Mutter und den Geschwistern, — nicht allen, aber Friederiken etwa, der zweiten Schwester, die er liebte, — etwas abzugeben; er schämte sich fast zu Tode und mußte sich doch von Zeit zu Zeit noch den Mund lecken, indem er langsam nach Hause ging. Diese Sündenfälle wiederholten sich zu seiner Verzweiflung immer wieder und sein Schuldkonto wuchs. Eines Tages ereignete es sich, daß die dicke Bäckersfrau, nachdem sie eine Weile mit mürrischem Gesicht und angelecktem Daumen in ihrem Rechnungsbuch geblättert und mit der Stricknadel Zahlen zusammengezählt hatte, sich unter ihrer Haube kraute und erklärte: „You must pay me first, Master!“ und wenn nicht anders, müsse sie sich an den Herrn Vater halten. Worauf sie das Buch zuklappte und hinter George drein die Nadeln klirren ließ. Er schlich mit hängenden Armen aus dem Dufte der Pastetchen, von so viel Härte wie von einem Schlag ins Gesicht getroffen, — einer Härte, die er im Grunde als berechtigt anerkennen mußte; es hatte so kommen müssen, er hatte es ja genau gewußt und hatte doch wie ein Blinder darauf los gesteuert. Der Schweiß brach ihm aus, während er mit äußerer Fassung dahinging; er rang nach Atem und fühlte sich von körperlicher Angst durchrieselt, — hier ging er, ein Verworfener, ein Verschwender, — „verbrachte sein Gut mit Prassen!“ fiel ihm ein, — und nun, in dem stillen Heckenweg, dem Zeugen so vieler Sünden, angelangt, rang er buchstäblich die Hände. Die Folgen seines Tuns waren ihm schrecklich klar, Zornesausbrüche und Schläge seitens des Vaters, stille Tränen der Mutter, — dies alles aber war nicht so quälend wie die innere Überzeugung, es nicht besser verdient, die Erkenntnis, sich miserabel benommen zu haben, so, wie er es nie und nimmer von sich erwartet hatte, und daß andere nun Zeugen dieses Zusammenbruchs werden sollten! Er hatte nicht mehr gebetet, seit jenem Tag auf der „Mütterchen Elisabeth“, seit jenem betretenen „Du weißt es also noch nicht, mein Sohn“ des Vaters, — nicht etwa aus Prometheustrotz, sondern die Gewohnheit war von selber eingeschlafen, er hatte sich ihrer begeben aus einer Erschöpfung der Hoffnungskraft heraus, die einer schweren Erkrankung, einer seelischen Lähmung gleichkam, — jetzt in diesem Augenblick war zum erstenmal ein gespanntes Gefühl stark genug, das angestaute Eis zu durchbrechen, die innere Vergletscherung aufzutauen: er betete, er schrie und flehte stumm, aber heiß und stürmisch mit aufgehobenen Händen um Errettung, weniger vor der Strafe als vor der Demütigung, gelobte, zu einem jungen, blühenden Kirschbaum als einem Vertreter Gottes aufblickend, Selbstzucht, Reinheit, Enthaltsamkeit, geriet ins Schluchzen, umklammerte mit den Händen die eigene schmale, tobende Brust und lehnte an einem Zaun, um sich auszuweinen, jetzt schon erhört sich wähnend, einfach durch die Linderung, die er nach diesem Ausbruch im Herzen verspürte. Langsam nach Hause wandelnd, geriet er in eine sanfte, traumhafte Stimmung, empfand Vogelruf und Baumesblüte, lichtblauen, wolkendurchschimmerten Himmel und fächelnden Wind mit erstauntem Glück wie unerwartete Zärtlichkeit, fand, sich noch einmal ungern an den Grund seines Kummers erinnernd, daß er längst beschlossen habe, der Mutter alles zu beichten, und gab sich dann ganz einer neuen schwärmenden Seligkeit hin, die sein aufgepflügtes Herz hervorgehen ließ wie kindliche Saat. Er war schon in die Straße eingebogen, an deren Ende sein Ziel war, aber immer noch heiter und sorglos schreitend, von unbekanntem Leichtsinn getragen, versuchte er eine Pfütze zu überhüpfen, die er sonst wohl umwandelt hätte, und natürlich trat er hinein und blickte ein wenig bestürzt und ernüchtert nieder auf das schwerfällige linke Bein, dessen stramm sitzender grauer Strumpf mit Schmutzspritzern bedeckt war, während der stumpfe Schnallenschuh einen betrüblichen Gegensatz zu seinem blanken gepflegten Bruder darbot. Nachdenkend, ob es wohl gegeben sei, das Schnupftuch hier anzuwenden, durchzuckte es ihn plötzlich von den Augen zum Herzen, daß ihm das Blut einen Augenblick stockte, und aus dem Schlamm einer Wagenspur hob er mit bebenden Fingern auf, was golden dort blinkte, hielt es, lächelte verwirrt, zog nun wirklich das Schnupftuch, rieb und putzte, ging dabei weiter wie ein Schlafwandelnder, stand wieder still und starrte auf das kleine blanke Ding in seiner Hand, das nicht verschwand, sondern dalag und glänzte, sich erwärmte und sich ihm zum Eigentum gab: „O mein Gott,“ dachte er mit versagenden Worten, „wahr und wahrhaftig!“ Es war eine Guinee. —

Da war er nun erhört, auf eine recht greifbare Art erhört, dermaßen erhört, daß ihm der Segen den Schädel fast einschlug, und er sich zunächst gar nicht zu sammeln vermochte. Er dachte seltsamerweise zunächst an einen silbernen Fingerhut, den die Schwester Friederike sich wünschte, und daß er ihn nun kaufen und ihr mitbringen könne, dachte an ein kleines ausgezeichnetes Federmesser für sich selbst, dessen er entschieden bedurfte, und dazwischen natürlich immer wieder an die Bezahlung jener Schulden, aber gar nicht so, als habe der Himmel ihm dies Goldstück nur eigens zur Errettung aus dieser Not und in Beantwortung seines Hilfegeschreis in den Schoß geworfen. Er empfand dunkel ein Mißverhältnis zwischen dem Rausch gelösten Gefühls von vorhin und dieser glatten Erledigung aller Schwierigkeiten, ja, er war beinahe geneigt, diesen Fund für einen glücklichen Zufall und nichts anderes zu halten, denn er hatte seine Erhörung dahin, sie hatte einzig in der wundervollen Erleichterung seines Herzens nach dem Gebet gelegen. Wenn er nun betroffen innerlich Dank stammelte, so geschah es keineswegs mit dem Jubel des von Gott mit Gnade Überschütteten, sondern pflichtschuldigst. Ein leiser Widerschein der ersten Seligkeit kehrte zurück, als er Friederiken sein Geschenk überreichte und das Aufleuchten ihrer Augen sah; übrigens geschah dies heimlich vor den anderen und selbst vor der Mutter. Er vertraute der Schwester sein ganzes Erlebnis an, sah auf ihrem beglückten kleinen Gesicht alle Schattierungen des Mitleids und des Staunens wechseln, wurde von ihr gestreichelt und sogar ganz schüchtern geküßt und empfand männliche Rührung, teils über sich selbst, teils über den Eindruck, den er hervorrief. Mit diesem Tage war in seiner Brust etwas gelockert, er gab sich von nun an gern solchen Rührungen hin und suchte sie sogar auf, er betete, rein um des Betens willen, und war oft recht untröstlich unglücklich, ohne zu wissen warum. Viel Zeit zu solchen Ergriffenheiten hatte er nicht, so vertrieb er sich des Abends im Bett die Zeit mit ihnen, wie einst mit den grausigen Spielereien, die das Labyrinth betrafen, an die er jetzt gewissermaßen anknüpfte, indem er sich Gott in den Mittelpunkt der Irrgänge gebannt vorstellte und seine Stimme dort hörte, nicht schaurig rollend, wie die des Minotauros, sondern stark, schwingend und summend, in einer Harmonie, deren Süße ihm den Brustkasten vibrieren ließ. Sich zu ihm hinzubeten, das war’s, was es jetzt galt, und er betete zielvoll, inbrünstig, bis zum körperlichen Taumel, bis zur Betäubung. Friederike ward mit in diese Ekstasen hineingerissen, nur, daß es ihr oft schwer fiel, zu warten, bis das gesunde laute Atmen von Sophie und dem Bruder Karl verriet, daß diese beiden, einer Teilnahme an dem Geheimnis nicht Gewürdigten, eingeschlafen waren: sie ward müde, die kleine Friederike, und gab keine Antwort mehr, wenn er endlich flüstern konnte: „Wachst du, Riekchen?“ —

Beim Vater fand er keinerlei Nahrung für solche Übungen, Herr Forster hatte sich nun vollends gehäutet und wies nirgends mehr ein Kennzeichen des preußischen Predigers auf, wenn er sich schon stets nach dem Grundsatz richtete, daß ein Weltmann allezeit die Gefühle seiner Umgebung schonen müsse. Indessen ging ihm denn doch die Freiheit des Denkens über alles (und nebenbei war der Zwang der regelmäßigen Lehrstunden im College wahrhaftig recht lästig!), und so hatte er sich bald mit dem Rektor Sullenham und dem Reverend Holliday, seinen unmittelbaren Vorgesetzten, gründlich überworfen, — Fragen des naturwissenschaftlichen Unterrichts gaben den Anlaß, welche die Herren in den wolligen Perücken auf biblischer Grundlage, Herr Forster indes im Sinne der Aufklärung behandelt haben wollte. Er zog sich aus dem College zurück, blieb jedoch trotzig in Warrington und begann eine freie Lehrtätigkeit, deren Aufblühen ihn hauptsächlich im Hinblick auf die Bekniffenheit des ehrwürdigen Holliday zu freuen schien, dessen Privatstunden nicht eben überlaufen waren. Daneben entfaltete er einen in der Tat unermüdlichen Eifer im Übersetzen von Reisebeschreibungen, und nacheinander schleppte er George mit sich nach Indien, an den Mississippi und nach Cumana in Südamerika, wobei der Knabe, hineingerissen in das rastlos arbeitende Räderwerk dieser brutalen geistigen Maschinerie, die keine Erschlaffung kannte und auch bei andern nicht anerkannte, Handlangerdienste zu leisten hatte und diesem unerschrockenen Reisenden auf den Spuren von Kalm, Osbeck, Bossi und Löffling atemlos im Urwald der Vokabeln Bahn hieb. Es war wahr, der Vater war wieder von der stürmischen Tatkraft vergangener Jahre beseelt, und die Zeit der Gebrochenheit schien George ein peinlicher Traum zu sein, so völlig stand er von neuem unter dem Eindruck der Berechtigung der ungleichmäßigen, aber immer heftigen Lebensäußerungen seines Erzeugers, und war eins in dem Eifer stummer Botmäßigkeit mit der Mutter und den Geschwistern. Hingen sie nicht von ihm ab, säugte er sie nicht an seinem Busen wie der Riese im Märchen? Saßen sie nicht auf der Straße ohne ihn? „Nun — nicht wahr?“ — majestätisches Augenrollen um den Tisch herum. Hinzufügung: „Auf der Straße hier im wildfremden Lande!“ Also! Und somit gerechtfertigte Besitzergreifung der beiden letzten Hammelrippchen auf der Schüssel — „Du warst doch satt?“ — zur Mutter gewandt. Aber wie sollte sie anders! Übrigens gab es zwei Persönlichkeiten im Hause, die bei solchen Gelegenheiten mürrisch wurden und ihre Verstimmung unverhohlen zur Schau trugen, die Schwester Sophie nämlich und den Bruder Karl, — ja, es war erstaunlich und unerhört, aber diese beiden widerstanden ihm mit Worten und Werken, und sonderbarerweise ernteten sie nicht nur weniger Kopfnüsse als die andern Kinder, sondern wurden gewissermaßen als ernst zu nehmende Gegner angesehen, über die er sich zuweilen heimlich bei Frau Justine beklagte. Fieken, ja, das war ein ganz gefährliches Kind, egoistisch und obstinat nannte er sie, und der kleine Karl war gefräßig und futterneidisch, war so etwas wohl erhört!? Hier habe die Edukation einzugreifen, sagte er vorwurfsvoll, und zog sich zurück, nachdem seine Frau demütig und erschrocken alles versprochen hatte. Nun hatte sie wieder ein paar Tage damit zu tun, daß sie die Kinder innerlich vor ihm verteidigte, mit der Frage: Woher hatten sie’s denn, dies Wesen, — etwa von ihr? Und welches andere von den Kindern war ihm so ähnlich wie Fieken, — sah er das nicht selbst, und konnte er sich in dem kleinen Karl nicht spiegeln? Doch hielt sie solche Gedanken für schwere Anfechtungen und fast schon für Übertretungen des sechsten Gebotes. Zu ihm aufsehend vergaß sie Heimweh, Unzufriedenheit und Ermüdung; er war der Herr und sie sehr schwach und unwürdig. Bitterkeit war Sünde, — mein Gott, daß sie auch immer wieder da hinein verfiel! Und sie beugte sich über ihre Arbeit, sie schaffte von früh bis tief in die Nacht, die Kleinsten wärmten ihr Herz, Fieken unterstützte sie auf rauhe aber tatkräftige Weise, mit George aber und Riekchen lächelte sie manchmal mitten unter Tags, als tauschten sie ein heimliches Zeichen. —

Sie fanden alle, daß es so hätte weiter gehen können, — wer das nicht fand, war Herr Forster. „Aber, meine Teure,“ sagte er, „hattest du wirklich angenommen? Du bist überrascht? Nun, in der Tat …“ Er blickte wieder in den Brief, den ihm die Post gebracht hatte, lächelte abwesend und streichelte sein Kinn. Endlich nun, nach zwei Jahren, hielt Dalrymple Wort, er machte ihm den Vorschlag, ihn nach Ostindien zu begleiten, — „Ostindien, George!“ — auf eine Insel, ein Inselchen im heißen blauen Meer, Balangbangan hieß es, wo die Ostindische Companie, dies unvergleichliche Institut, unter seiner, Dalrymples Leitung eine Niederlassung gründen wollte. Ohne erst Zeit mit dem Einziehen von Erkundigungen zu verlieren, brach Herr Forster seine Zelte ab, das heißt, er selbst eilte seiner Familie voran nach London und überließ es seiner Frau, den Umzug zu leiten, eine unendlich mühselige Unternehmung. George war von neuem von dem seltsamen Fieber ergriffen, das ihn damals in des Vaters erster Projektenzeit beherrscht hatte, zerrissen zwischen der Teilnahme für die Mutter und einer prickelnden Neugier auf das Kommende, der Spannung, Dalrymple wiederzusehen, und dem erlösenden Gefühl, daß eine Veränderung der Arbeits- und Lebensweise bevorstehe, wie er sie, halb unbewußt, ersehnt hatte. Als es sich nun herausstellte, daß dieses hastige Abbrechen gesicherter Beziehungen und der Familienaufbruch nach London ergebnislos gewesen waren wie ein Schlag ins Wasser, als es klar zu Tage trat, daß Herr Forster wieder einmal Anfragen für Versprechungen genommen hatte, daß er gewissen Ansprüchen nicht zu genügen schien, — hier war Intrigue am Werk gewesen, man hatte ihn verleumdet, ihm einen windigen Charlatan vorgezogen! — als die Familie gerade in der Stunde mit der hochbepackten Mail-coach durch das New Gate einfuhr, als Mr. Dalrymple in See stach und Herr Forster sozusagen ohnmächtig auf dem Themsekai tobte, — da machte sich die Wucht wiederholter Erfahrung doch im Gemüte des Knaben geltend. Dunkel empfand er Glücksjägertum und den Mangel an Würde, den es voraussetzte; eine dumpfe Beschämung belastete ihn im Hinblick auf Dalrymple, von dem er sich ganz persönlich verachtet und verworfen vorkam. Der Vater mietete nun eine kleine Mansardenwohnung in Warwick Lane und eine Zeit verzweifelter Bemühung um das tägliche Leben begann, um so bitterer empfunden, als da hinten in der lichten Frühsommerlandschaft Warrington mit seinem Häuschen und dem geliebten kleinen Stachelbeergarten lag, wie ein Paradies, dessen Pforten man mit frevelhaftem Leichtsinn hinter sich zugeschlagen hatte. Daß die Mutter und die älteren Schwestern für Geld Stickereien anfertigten, war quälend genug mitanzusehen, nun aber geriet der Vater auf den Gedanken, daß er, George, für seine Jahre mehr leisten könne, als er es am Schreibtisch zu tun vermöchte, daß, — er sagte es sonderbar unumwunden, — seine Kraft besser ausgemünzt werden müsse, er kam auf den furchtbaren Gedanken und führte ihn ohne Zögern aus, George bei einem Kaufmann in die Lehre zu geben, einem Mann, namens Hitch, der mit Tuchen handelte und sein äußerst respektables Geschäft in der innersten City nicht weit vom Temple hatte. Daß dies hieß, einem Zahnlosen Nüsse zu knacken zu geben, oder von einem Fisch zu verlangen, auf dem Trockenen zu leben, kam Herrn Forster nicht in den Sinn, als er eines Morgens den blassen Jungen mit der ihm eigenen Wichtigkeit seinem Chef vorstellte. Er hatte sich nicht darin verrechnet, daß George sein Bestes tun würde, — oh, gewiß, er tat seine Pflicht, und, das grüne Tuch über dem Arm, lief er stundenlang kreuz und quer durch die tosende Stadt, eine arme kleine Ameise unter Millionen anderen, immer in der Gefahr, zerdrückt oder zertreten zu werden, sich in dem ungeheuren Gewirr der sich teuflisch gleichenden Gäßchen verirrend, sich abängstigend und der blutlosen Strenge seines graugekleideten Herrn gewärtig, wenn er zu spät kam, — einen beständigen Jammer dabei in der Brust, eine Sehnsucht nach einem stillen Eckchen, nach seinem Tischchen in Warrington mit den Büchern und dem allerliebst geordneten Schreibgerät, — Erinnerungen nachhängend, soweit sein erschöpftes Gehirn sie hervorbringen wollte, von der Wolga träumend und eingedenk des Janusch, — später über Rechnungsabschlüssen, die er ausführen sollte, völlig versagend und mit puritanischer Ironie von Mr. Hitch Esqu. vernichtet, — so brachte George die Tage dieses unglücklichen halben Jahres hin, während der Bruder Karl daheim an seiner Stelle Wörterbücher wälzte und den Vater unterstützte, wobei es allerdings weniger still und feierlich zuging, als früher, denn Karl quittierte recht hörbar mit Brummen und Schreien über Tadel und Züchtigung, und zudem war in der Bücherei und unter den Manuskripten bald eine Unordnung eingerissen, die George ins Herz schnitt, wenn er abends müde und stumpf nach Hause kam. Um Weihnachten herum, nachdem er sich in dem fürchterlichen gelben Nebel draußen, den man fast kauen konnte und der seinen Lungen widerstand, als sollten sie Wasser einatmen, nachdem er sich also einen Husten geholt hatte, in Wahrheit einen bad cough, den Mr. Hitch schon allein des unmusikalischen Geräusches wegen mißbilligte, nahm ihn der Vater mit einem stoßweisen Entschluß aus dem Geschäft heraus, aus Gesundheitsrücksichten angeblich, im Grunde jedoch, weil er die Plage mit Karl satt hatte, der nun seinerseits in ein Kontor wanderte, wo er sich trotz seiner Jugend als bedeutend brauchbarer erwies als am Schreibtisch und als viel anstelliger als George. Dieser, an sein Tischchen zurückgekehrt, erschien dem König Minos zunächst als gänzlich verwahrlost, als völlig verblödet, so viel schien er verlernt zu haben; er wurde angeschrien und das Pfeifenrohr fuchtelte ihm um den Kopf, ohne daß es mehr bewirkte, als daß er sich duckte und auch dies für Gewinn hielt. Endlich ward unter Gemurr die Erlaubnis erteilt, daß Frau Justine ihn für einige Tage pflegte, sie bettete ihn in ein Bett allein, — sonst teilte er das Lager mit Karl, — und erreichte es, daß er nach einer Woche Essens und Schlafens wieder lächelte und sprach, denn dies beides schien ihm verlorengegangen zu sein, und eine Gewohnheit tief und stöhnend aufzuseufzen, blieb ihm aus dieser Zeit körperlicher Frone zurück. Endlich wieder imstande, der alten Beschäftigung nachzugehen, erfüllte er seine Aufgabe zwar artig, sanft, liebenswürdig und außerordentlich akkurat und korrekt bis ins kleinste, aber doch etwa so, wie ein blindes Göpelpferd im Kreise geht. Zuweilen dachte er an seine erste Kindheit und verglich: es war alles wie einst, nur daß sie enger und ärmlicher wohnten, daß draußen die gewaltige Stadt toste und daß er die Mutter nun fast überragte, wenn er neben ihr stand. Als der bad cough und die Heiserkeit im Frühjahr endlich überstanden waren, hatte er eine tiefe Stimme bekommen, er war nun in der Tat kein Kind mehr und hätte nicht mehr spielen mögen, selbst wenn er die Zeit dazu gehabt hätte; auch an jene Gebetsekstasen dachte er unbehaglich zurück, wie an etwas Unwürdiges. Er studierte, er las, — er schrieb nach Diktat, er machte Auszüge, er übersetzte, sein Blick bekam etwas Gedecktes, als sehe er beständig gegen eine Wand, — die Zeit ging hin, er war siebzehn Jahre alt, und: „Georgie,“ sagte die Mutter eines Abends, als er sie am Arme durch Pall Mall führte und sie lächelnd von den Eigenschaften der Schlupfwespe unterhielt, ohne dem vorübergaukelnden bunten und eleganten Leben, ohne schönen Pferden oder strahlenden Frauen einen Blick zu schenken, — „mein Georgie, — wann wirst du jung werden?“