Beiseite also mit dem stillen Handwerkszeug der Wissenschaft! Und Waffen zur Hand, bisher noch nicht geübt, deren Schärfe unerprobt, deren Tragkraft unberechnet war. Erfahrungen, die bis dahin ungenutzt geruht, hervorgeholt und formuliert, bis sie zum Wurfgeschoß brauchbar schienen; eine Zeitung gegründet, Artikel ohne Zahl geschrieben, Reden ausgearbeitet und frei vom Blatt vorgetragen! Der Freiheit, der Gleichheit, der Brüderlichkeit, der Menschlichkeit Hymnen gesungen, der Tyrannei das Urteil gesprochen, alle noch in der Nacht der Despotie schmachtenden Völker weidlich bedauert und einmal offen deklariert, daß der Rheinstrom die gegebene Grenze zwischen Frankreich und Deutschland sei! Sich dem erhabenen Beruf des Menschenlehrers inbrünstig hingegeben und die unglücklichen verblendeten Bürger und Bauern nach Kräften über ihren Zustand der Ausgesogenheit und Zertretenheit aufgeklärt, da sie denn dermaßen durch jahrhundertelangen Mißbrauch abgestumpft waren, daß sie nur blöde in die Sonne der Freiheit starrten und gar die alte Nacht zurückverlangten. Die Emissarien des Kurfürsten schlichen im Dunkeln umher und köderten das törichte Volk mit unverantwortlichen Versprechungen, da war kein Zweifel. Aber die Wahrheit war auf dem Marsche und man sollte nur erst die Wahlen kommen, sollte den freien Mann sich frei zu seiner Gesinnung bekennen sehen!
George, in den Wirbel einer fremden Tätigkeit hineingerissen, vor die Aufgabe gestellt, sich in Gebiete einzuleben, die er bisher kaum vom Hörensagen kannte, in Fragen der städtischen und ländlichen Verwaltung, von früh bis spät von Klubgenossen, Offizieren, Bürgern und Landbewohnern überlaufen, durch seine Anstellung in der am 19. November errichteten Administration zum Leitstern für alle verzagten Seelen seines Kreises geworden, — George verlor völlig die Besinnung auf sein eigenes Leben und wußte es nicht mehr, daß er hier auf der Bühne des Weltgeschehens agierte, die Faust zum Himmel schüttelte, Arme ausbreitete und zum Besten des Mainzer Volkes weinte, lachte und deklamierte, daß er dies alles tat, um sich des Menschen nicht bewußt zu werden, jenes Menschen, der mit seinem Schicksal bekleidet wie mit seiner Haut jetzt schreiend und keuchend durch die innersten kreiselnden Gänge des Labyrinthes jagte …
Von Huber kamen aufgeregte Briefe. Nun, Huber durfte nicht nach Mainz kommen und nächstens würde er nach Dresden zurückmüssen. Warum sollte Huber nicht ein letztes Wiedersehen gewährt bekommen, warum ihm den Wunsch nach einer Zusammenkunft in Höchst abschlagen, nach der er, — und auch Therese, und auch Brand, und schließlich auch er selbst, ja, auch George! — verlangten?
Es war gar nicht nötig, daß Brand ihm dermaßen zuredete und seine Berline zum Zweck dieser kleinen Reise zur Verfügung stellte. Er würde gewiß selbst auf den Gedanken dieses Ausfluges gekommen sein, hätte er nur mehr Zeit gehabt. Als Vizepräsident der Administration hatte er selbstverständlich einen Passepartout durch alle Vorposten hindurch und nun war es nach all den Tagen der Unrast und der ununterbrochenen Arbeit fast eine Erholung, auf der kriegerisch belebten Landstraße mainaufwärts zu rollen, die stille Heiterkeit einer milden Sonne nach dem frostigen Nebel der Frühe zu spüren, nicht reden, nicht denken zu müssen. Da war Therese an seiner Seite und Brands festes rosiges Knabengesicht ihm gegenüber, das mit einem seltsamen Gemisch von Verachtung und Neugier auf die marschierenden Nationalgarden sah, die die Straße immer wieder sperrten, Lieder sangen und ihre gutlaunigen Scherzworte zu den Reisenden hinüberriefen. „Sie halten uns für Mainzer, die ‚kränkelnder Umstände halber‘ für eine Weile verreisen“, wiederholte Therese erheitert die Wendung aus der Privilegierten Zeitung, mit der jetzt dort täglich Personen ihrer bevorstehenden Abreise den Anschein einer Flucht zu nehmen suchten. Dies waren, setzte sie ihre Betrachtungen fort, zumeist Frauen mit ihren Kindern, die von ihren Ehemännern aus der gefährdeten Stadt geschickt wurden. Billigte übrigens George ein solches Vorgehen von Ehemännern? Ein nervöses kleines Gelächter folgte dieser Frage. Da George schwieg oder über dem Geräusch der Räder gar nicht verstanden hatte, fühlte sich der höfliche Brand bewogen, zu bemerken, es sei die Pflicht jedes Gentlemans, seiner Lady den Anblick der Szenen des Krieges zu ersparen, geschweige denn, sie vor Schlimmerem zu beschützen! George, wie aus einem Schlaf erwachend, fragte: „Ja, befürchten Sie denn noch Kriegsszenen in unserm guten Mainz?“ Und als der Engländer stumm mit den Augen auf einen Trupp Soldaten wies, der in dem Dorf, das soeben passiert wurde, am Brunnen mit einer alten Bäuerin um ein paar Gänse handelte, und zwar in einer Weise, die auch dem flüchtigen Beobachter keinen Zweifel über Form und Ausgang dieses Handels ließ, zuckte er die Achseln und rief: „Das Volk hat es selbst in der Hand, ob diese Soldaten mit der Pike oder mit dem Palmenzweige in den Händen zu ihm kommen. Es gibt eben Religionen, die müssen mit Feuer und Schwert gesät werden!“ Indem rasselte der Wagen schon durch die Gassen von Höchst und unter der Tür des ‚Roten Ochsen‘ auf dem Marktplatz stand Huber und trat nun, einen Ausdruck leidender Spannung auf dem blassen Gesicht, heran, um die Freunde zu begrüßen. Das gemeinsame Mahl verlief ziemlich schweigsam. Therese erzählte von Haushalt und Kindern; hatte Huber noch die neuen roten Winterkleidchen an den Mädchen gesehen? Sie sahen so allerliebst darin aus, besonders das Clairchen. Und Röschen sei in die Mansardenstube gegangen, habe sich dort auf einen Schemel gesetzt und gesagt: „Ich will an den Onkel Ferdi denken.“ Im Wagen übrigens sei ein Paket mit Hemden und Strümpfen von ihm, die noch aus der Wäsche gekommen seien, sie seien auch schon geflickt, — „ja, lieber Brand, das müssen Sie nun schon in Kauf nehmen, daß eine deutsche Hausfrau selbst bei Tisch von Hemden und Strümpfen spricht!“ — und da sei außerdem ein Pack aus Jena mit Druckschriften, zum Rezensieren wahrscheinlich. Die Einquartierung im Hause würde immer lästiger. Sie hätten nun bald eine halbe Kompagnie Soldaten in den Räumen im Erdgeschoß, die allerlei Unfug trieben und neulich versucht hätten, ihre Suppe auf dem Kaminfeuer zu kochen, ein Balken hinter dem Kamin sei in Brand geraten, man hätte Maurer ins Haus holen und mit Müh und Not löschen müssen. Die Offiziere seien chevalereske Leute, aber recht anspruchsvoll, — ja, die wohnten nun in der Mansardenstube … Ihr Geplauder versiegte allmählich unter dem drückenden Schweigen der Männer. Das Essen war abgetragen. In dem engen, schlecht gereinigten Zimmer, das der Wirt ihnen auf ihren Wunsch, allein sein zu können, eingeräumt hatte, dunstete das Kohlenbecken, ohne Wärme zu verbreiten; von dem hochaufgetürmten Bett und den bekritzelten Wänden ging die Vorstellung schlafloser Nächte aus, der unbehaglichen Nächte Durchreisender und Heimatloser. Auf einmal preßte Huber die Stirn in beide Hände, stöhnte unwillig, sah dann auf und sagte entschlossen: „Ich war in so entsetzlicher Sorge um Euch, mein bester Freund, und dies ist’s, warum ich Euch hergerufen habe …“
George machte „Ach!“ und: „Hätten Sie sich doch in Ihren Briefen deutlicher ausgesprochen! Ich wäre geflogen, Sie aus Ihrer Unruhe zu reißen!“
Indessen wußte er wohl, Worte bedeuteten jetzt keinen Aufschub mehr. Da Huber verstummte und grübelnd vor sich hinstarrte, nahm er den unsichtbaren Ball auf und warf ihn zurück: „Ihre Sorge um uns kann kaum größer gewesen sein, als die unsere um Sie. Oder sprechen wir von Mann zu Mann und aufrichtig: es schmerzt mich, daß Sie nicht imstande sind, mit den politischen Überzeugungen Ihres Kopfes und Herzens Ernst zu machen. Wenn wir unsern Freund in einer unklaren Stellung sehen, wenn er, — vergeben Sie mir das Wort, — Ideale äußeren Verhältnissen opfert, so weinen wir mit seinem Genius um ihn.“ Er stemmte die Knöchel der rechten Hand auf den Tisch und blickte Huber sanft strafend an. Der wandte sich gequält ab. Therese, die ihren Hut gar nicht abgebunden hatte, zog nun auch den weiten Mantel wieder fröstelnd um ihre Schultern zusammen und sah tief erblaßt von einem zum anderen.
„Es handelt sich hier augenblicklich nicht um Politik“, sagte Huber endlich leise und nach Worten suchend. „Ich bin als Jüngling in eine politische Laufbahn eingetreten, ohne zu wissen, was ich tat. Dieser äußere Beruf wird in kurzer Zeit von mir abfallen wie die Hülle, wenn die reifende Frucht sie sprengt. Da ich kein enragé bin …“
„Welcher Vernünftige wäre es?“
„Da ich kein enragé bin, so mache ich aus der Tatsache meiner inneren Entwicklung nicht den Auftakt zu einer Tragödie …“
„Wer — tut — denn das?“